11.06.2014 09:08
Quelle: schweizerbauer.ch - Samuel Krähenbühl
Wald
«Genutzte Wälder haben mehr Biodiversität»
Das Waldgesetz wird revidiert. Waldwirtschaft Schweiz sieht im Entwurf auch positive Aspekte. Aber Direktor Markus Brunner kritisiert, dass sich der Bundesrat nicht stärker für die Erschliessung engagieren will.

«Schweizer Bauer»: Sie kritisieren den Entwurf des Bundesrats zur Revision des Waldgesetzes. Was ist so schlecht daran?
Markus Brunner: Zum einen fehlt der von uns geforderte Waldklimafonds. Damit sollte den Waldeigentümern der Beitrag des Waldes zur CO2-Senken-Leistung abgegolten werden. Also dafür, dass der Wald das Klimagas CO2 bindet. Hier reden wir von jährlich etwa 1 bis 5 Millionen Franken für sämtliche Waldbesitzer. Der Fonds könnte aus der Versteigerung von CO2-Emissionsrechten oder Sanktionsabgaben der Treibstoffimporteure finanziert werden. Diese finanziellen Mittel sollten in geeigneter Art und Weise den Waldbesitzern für kollektive Massnahmen zugutekommen.

Und was stört Sie sonst noch?
Mit dem neuen Finanzausgleich (NFA) wurden Förderungen der Walderschliessungen ausserhalb des Schutzwaldes für Aus- und Neubauten Sache der Kantone. Nur im Schutzwald kann der Bund daran zahlen. Dabei stimmte der Nationalrat erst im Mai einem Vorstoss von Nationalrat Erich von Siebenthal (SVP, BE) mit 128 zu 30 Stimmen zu, der verlangt, dass die Unterstützung von Erschliessungen auch ausserhalb des Schutzwaldes als Bundesaufgabe anzusehen sei.

Wer ist denn dagegen, dass sich der Bund an Waldstrassen beteiligt?
Das fundamentalistische Lager innerhalb gewisser Umweltverbände wird von Fukushima überholt. Die gleichen Kreise, welche jahrzehntelang erneuerbare Energie gepredigt haben, haben jetzt Angst, der Naturschutz leide unter besseren Waldstrassen – die es zur Nutzung des Ökorohstoffs Holz nun mal in minimalem Ausmass braucht. Dabei weisen viele Wälder bei guter Bewirtschaftung wieder mehr Biodiversität auf. Viele Wälder werden heute massiv unternutzt, sie überaltern, und in den dichten Beständen fehlt Licht am Boden. Die Schweiz hat heute im Wald die höchsten Holzvorräte in ganz Europa. Wenn mal etwas intensiver geholzt wird, dann haben Pionierpflanzen oder bestimmte Vogelarten Platz. Es ist nicht logisch, wenn der Bund erneuerbare Ressourcen besser nutzen will, aber dann nicht die notwendigen Massnahmen ergreifen will. Es gibt aber auch Widerstand von Kreisen, welche vor allem mit finanzpolitischen Gründen argumentieren.

Wo hat es zu wenig Waldwege?
Es gibt Gegenden in den Voralpen, wo die natürlichen Nadelholzbestände stark zuwachsen, aber nicht stark genug genutzt werden. Im Durchschnitt beträgt der Holzvorrat pro Hektare in der Schweiz etwa 350 m3. In den Voralpen und Alpen gibt es stellenweise Gebiete, die einen Vorrat von bis zu 1000 m3 pro Hektare haben. Es gibt aber auch im Jura und im westlichen Mitteland Wälder, welche unternutzt werden. Das Gleiche gilt für das Tessin. Wenn man nicht zum Baumstamm kommt, kann man ihn auch nicht nutzen.

Wie viel Holz wächst jährlich in Schweizer Wäldern nach, und wie viel davon wird schon heute nicht genutzt?
Theoretisch wachsen in der Schweiz etwa 10 Mio. m3 pro Jahr nach. Das nutzbare Potenzial ist tiefer und liegt zwischen 7 und 8 Mio. m3. Davon werden momentan weniger als 5 Mio. m3 pro Jahr genutzt. Jährlich wachsen also 2 bis 3 Mio. m3 zu.

Wie viele Kilometer Waldwege gibt es?
Ungefähr 30'000 km. Es gibt Forstbetriebe, die 10 bis 15% des Holzerlöses in die Waldstrassen stecken müssen. Der Kubikmeter Holz kostet etwa 80 bis 90 Franken. Der Unterhalt eines Meters Waldstrasse kostet im Mitteland ohne Weiteres 2 Franken pro Jahr, in den regenreichen Voralpen kann das noch viel höher liegen. Pro Kubikmeter, der wächst, kommt man im Mittelland auf 8 bis 9 Franken Unterhaltskosten für Waldwege.

Warum investieren die Kantone und die Waldbesitzer selber nicht mehr?
Die Finanzierung der Waldstrassenbauten war traditionell eine Kombiaufgabe von Bund, Kanton und Waldeigentümern. Es gibt Kantone, welche nur dann Waldstrassen bauen, wenn der Bund mitzahlt. Aufgrund der tiefen Preise und der hohen Holzerntekosten ist es für Waldbesitzer nicht interessant, in die Erschliessung zu investieren. Der Holzpreis ist nominell seit Langem gleich geblieben, aber teuerungsbereinigt in den Keller gesunken. Böse Zungen sagen, die Schweiz sei ein Drittweltland, was die Holzwirtschaft betrifft. Wir exportieren vor allem Rohstoffe in Form von Rundholz, aber nur verhältnismässig wenig verarbeitete Holzwaren. Das ist kein böser Vorwurf an unsere Sägereiindustrie. Es ist angesichts der Schweizer Rahmenbedingungen für die Holzindustrie einfach schwierig, konkurrenzfähig zu produzieren.

Warum ist die Holzgewinnung so wenig rentabel?
Das eine Problem sind die hohen Lohnkosten. Dann ist es schwierig, überhaupt noch Industrieland zum Bauen zu bekommen. Zudem sind die Landpreise für neue Sägereien viel zu hoch. Dazu kommt die Währungsproblematik. Mit der Eurokrise wurde die Importware wie Schnittwaren, verleimte Ware, Fertighäuser fast über Nacht 20% billiger, gleichzeitig zerfiel auch der Waldbesitzerlös für Rundholzexporte.

Welche Folgen hat es, wenn die Wege weniger ausgebaut werden können?
Es geht gar nicht nur um den Neubau, sondern vor allem um den Ausbau. Viele Waldstrassen sind nicht 40-Tönner-tauglich. Nach dem 2. Weltkrieg hat man oft sogenannte Unimog-Strassen gebaut. Im Bündnerland etwa haben wir noch heute viele Strassen mit einer Beschränkung auf 18 t, was einem Zweiachs-Lastwagen entspricht. Bis in die 1970er-Jahre war die Höchstbreite für Lastwagen in der Schweiz 2,30m. Heute sind es gemäss EU-Norm 2,55m. Viele Strassen sind also heute zu schmal oder weisen zu geringe Tragfähigkeiten auf. Wenn man zunächst das Holz mit einem kleineren Lastwagen aus dem Wald führen und dann erst auf 40-Tönner umladen kann, dann kostet das viel Geld.

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