21.04.2020 08:05
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Thomas Güntert
Corona
Grüne Grenze darf passiert werden
Der Schaffhauser Bauernverbandspräsident Christoph Graf aus Ramsen spricht über die Landwirtschaft an der geschlossenen EU-Aussengrenze, die Corona-Pandemie und die fehlenden Erntehelfer.

Der Kanton Schaffhausen hat 77 grenzüberschreitende Strassen, die mit Kraftfahrzeugen befahrbar sind. Schaffhausen ist durch die Grenznähe der einzige Kanton der Schweiz, in dem die landwirtschaftliche Nutzfläche von rund 16200 Hektaren noch zunimmt. Rund 3200 Hektaren werden in Deutschland bewirtschaftet, was einem Anteil von etwa  20% entspricht. 

«Schweizer Bauer»: Die meisten Grenzen im Kanton sind wegen der Coronakrise gesperrt. Dürfen die Bauern zur Bewirtschaftung ihrer Felder in Deutschland über die geschlossenen Zollübergänge und die grüne Grenze fahren?
Christoph Graf: Natürlich dürfen wir nicht einfach die Barrieren zur Seite schieben und durchfahren. Auch wir müssen uns an den geschlossenen Übergängen an die geltenden Fahrverbote und Absperrungen halten. Nachdem wir beim Zoll nachgefragt und ein paar «Missverständnisse» aus dem Weg geräumt hatten, können wir jedoch weiterhin die grüne Grenze ohne Einschränkungen passieren.

Wie sieht es bei der Ernte aus? Dürfen die Schweizer Bauern ihre Produkte nur noch über geöffneten Zollämter einführen? 
Nein, wir würden dort ja unweigerlich den Verkehr behindern. Wir können auch dann die grüne Grenze überqueren, müssen dem Zoll aber mindestens zwei Stunden vorher schriftlich melden, wann, wo, mit welchen Gütern und mit welcher Menge wir die Grenze passieren. Diese Regelung gilt auch bei offenen Grenzen.

Müssen die landwirtschaftlichen Produkte bei der Einfuhr in die Schweiz verzollt werden? 
Nein, wenn die Flächen auf denen geerntet wird, nicht weiter als zehn Kilometer von der Landesgrenze entfernt sind, können die landwirtschaftlichen Produkte zollfrei eingeführt werden.

Die Schweizer Landwirtschaft profitiert in der Coronapandemie. Einerseits von den Einkaufstouristen, die nun im eigenen Land einkaufen müssen, andererseits fällt der Absatz aus dem Gastronomiebereich weg. Wie wägen Sie diese beiden Faktoren gegeneinander  ab?
Das ist im Moment noch schwierig zum Abschätzen. Durch den fehlenden Absatz in der Gastronomie geht natürlich ein bedeutender Anteil verloren. Dafür werden die Einkaufstouristen jetzt wohl die gross angepriesenen Aktionen mit Importfleisch nutzen. 

Viele Bauern setzen im Kanton Schaffhausen mittlerweile auf Direktvermarktung. Ein auffallend grosser Teil der Konsumenten gibt in der Krise den Hofläden den Vorzug vor den Discountern. Worauf führen Sie das zurück? 
Gott sei Dank dürfen die Hofläden geöffnet bleiben. Viele Konsumenten, die auf den mittlerweile geschlossenen Wochenmärkten regional eingekauft hatten, kommen jetzt direkt zu den Produzenten. Vielleicht liegt es auch daran, dass ein Hofladen nicht so stark frequentiert ist wie ein Discounter und die Ansteckungsgefahr viel geringer ist.

Wie sieht es mit den Erntehelfern aus? Aus Rumänien ist die Ausreise nur noch mit dem Flugzeug möglich, Ungarn hat die Grenzen dichtgemacht. Kommen überhaupt noch Erntehelfer in die Schweiz?  
Es kommen noch, aber natürlich weniger. Viele Betriebe wissen noch nicht, ob die gleichen Arbeiter kommen, die seit Jahren kamen und eingearbeitet sind. Das führt bei den Landwirtschaftsbetrieben zu einer grossen Unsicherheit. Die Auswirkungen sind aber schwer abzuschätzen, da die Haupterntesaison ja noch bevorsteht. 

Wie realistisch ist es, die osteuropäischen Erntehelfer durch inländische Arbeitskräfte zu ersetzen?  
Das wird wohl eher schwierig werden. Die Arbeit der Erntehelfer ist eine  Knochenarbeit, und der Lohn dafür ist auch nicht so üppig. 

Wo können sich die Leute melden, wenn man den Landwirten  in dieser Situation helfen möchte?
Der Schweizer Bauernverband hat verschiedene Plattformen aufgeschaltet. Da kann man sich melden, wenn man als Erntehelfer noch etwas dazuverdienen möchte.  

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE