16.10.2018 10:45
Quelle: schweizerbauer.ch - blu/sda
Hornkuh
«Hornkuh-Initiative kontraproduktiv»
Die Hornkuh-Initiative könnte den Tieren mehr schaden als nützen, warnt Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Um Unfälle zu vermeiden, könnte deren Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden.

Je mehr Tiere mit Hörnern gehalten werden, desto höher sei die Unfallgefahr für Mensch und Tier, erklärte Schneider-Ammann am Dienstag gemäss einer Mitteilung vor den Bundeshausmedien. Dies widerspreche der Landwirtschaftspolitik, die eine tiergerechte Haltung fördere. Die Schweiz gehöre zu den Ländern, die tierfreundliche Haltungsformen mit ihrer Landwirtschaftspolitik am stärksten fördern.

Andernorts sparen

Heute würden immer mehr Tiere in Freilaufställen gehalten, wo sie mehr Bewegungsfreiheit hätten. Da sei es sicherer, Tiere ohne Hörner zu haben. Tiere mit Hörnern hingegen würden mehrheitlich in Anbindeställen gehalten. «Die Initiative wäre in Bezug auf das Tierwohl ein Eigengoal», sagte Schneider Ammann.

Die Hornkuh-Initiative kommt am 25. November an die Urne. Sie verlangt, dass Halterinnen und Halter von horntragenden Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken finanziell unterstützt werden. Um diese Beiträge zu finanzieren, müsste laut Schneider-Ammann andernorts gespart werden. Das Gesamtbudget für die Landwirtschaft werde nicht erhöht.

Eigenverantwortung der Bauern eingeschränkt

«Eine Kompensation im Landwirtschaftsbudget zu finden, dürften nicht einfach sein.» Laut Schneider-Ammann geht es je nach Umsetzung und Entwicklung in der Tierhaltung um 10 Millionen bis 30 Millionen Franken. Die Initianten sprechen von 15 Millionen Franken. «Das Anliegen mag sympathisch klingen, hätte aber negative Folgen für die Tiere und für die Bäuerinnen und Bauern», sagte der Landwirtschaftsminister.

Der Landwirtschaftsminister glaubt auch, dass mit der Annahme der Initiative die Eigenverantwortung der Bauern eingeschränkt würde. Ob auf einem Hof Tiere mit Hörnern oder ohne Hörner gehalten werden, müssten diese als Unternehmer selber entscheiden können. Der Bundesrat misst einer Landwirtschaftspolitik, die den Erwartungen in Sachen Tierwohl entspricht, grosse Bedeutung bei. Er erachtet jedoch diese neue Verfassungsbestimmung als kontraproduktiv und empfiehlt die Initiative zur Ablehnung.

Umfrage zeigen momentan auf ein Ja 

Gemäss ersten Umfragen könnte das Volksbegehren jedoch angenommen werden. Gemäss einer Tamedia-Umfrage sagen 36 Prozent Ja und eher dafür sind 17 Prozent. Das Hauptargument im Lager der Befürworter (52 Prozent) ist, dass Enthornen Tierquälerei sei. Nein sagen momentan 29 Prozent und eher Nein 10 Prozent. Keine Angabe machten zum Umfragezeitpunkt acht Prozent der Befragten.

Der Ja-Anteil steigt mit dem Alter der befragten Personen. Nur 21 Prozent der 18 bis 34-Jährigen sagen Ja, bei den über 65-Jährigen sind es mehr als das Doppelte; 46 Prozent.

Die grosse Mehrheit der Kühe trägt heute keine Hörner mehr. Ein Grund für das Enthornen ist laut Schweizer Bauernverband das Aufkommen von Laufställen. In diesen können sich die Tiere frei bewegen und Rangkämpfe austragen, was zu Verletzungen führen kann. Auch für Bauern kann von behornten Kühen eine Verletzungsgefahr ausgehen.

Enthornt wird aber nicht nur wegen der Sicherheit, sondern ebenso aus einem wirtschaftlichen Grund: Hornlose Kühe brauchen weniger Platz im Stall, ein Bauer kann also mehr Tiere auf der gleichen Fläche halten.

Beiträge nur mit Raus

«Ohne Hörner sieht eine Kuh traurig aus», sagte Bergbauer und Hornkuh-Initiant Armin Capaul kürzlich vor den Medien in Bern. Für sie geht es letztlich um die Würde der Kreatur. Ihrer Meinung nach ist das Horn ein Sinnes- und Stoffwechselorgan. Es gehe nicht um ein Verbot der Enthornung durch Ausbrennen bei Jungtieren. Mit der Hornkuh-Initiative soll erreicht werden, dass weniger Tiere enthornt werden. In der Verfassung soll verankert werden, dass horntragende Kühe, Zuchtstiere, Ziegen und Zuchtziegenböcke finanziell gefördert werden.

Bei einer Zustimmung soll mit den Tierwohl-Beiträgen gearbeitet werden. Der Raus-Beitrag (Regemässiger Auslauf im Freien) soll demnach "verdoppelt" werden. Tragen die Kühe Hörner und erfüllt der Bauer das Raus-Programm, soll ein Betrag 380 Franken pro Jahr und Tier ausbezahlt werden (190 Franken Raus-Beitrag und 190 Franken Hörner-Beitrag). Bei den Ziegen soll der Betrag von 38 auf 76 Franken erhöht werden.

90 Prozent enthornt

Heute sind fast 90 Prozent der Kühe in der Schweiz enthornt. Bei einem Teil von ihnen kam das durch die Zucht zustande. Bei der Mehrzahl hingegen und besonders bei Milchkühen werden die Hörner in einem schmerzhaften Prozess entfernt. Den Kälbern und Kitzen wird das Gehörn im Alter von etwa zwei Wochen mit einem auf 700 Grad erhitzten Eisen ausgebrannt.

Unterschiede gibt es bei den Rassen. Holstein-Kühe sind meist hornlos, während der Anteil behornter Fleckvieh-Kühe bei 17 Prozent liegt, beim Braunvieh sind es 30 Prozent. Je grösser die Kuhherde, desto eher sind die Tiere enthornt. Und werden die Tiere in Laufställen gehalten, sind die Tiere eher enthornt.

Der Initiativtext

Die Bundesverfassung wird wie folgt geändert:

Art. 104 Abs. 3 Bst. b

3. Er (der Bund) richtet die Massnahmen so aus, dass die Landwirtschaft ihre multifunktionalen Aufgaben erfüllt. Er hat insbesondere folgende Befugnisse und Aufgaben:

b. Er fördert mit wirtschaftlich lohnenden Anreizen Produktionsformen, die besonders naturnah, umwelt- und tierfreundlich sind; (-> neu) dabei sorgt er insbesondere dafür, dass Halterinnen und Halter von Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken finanziell unterstützt werden, solange die ausgewachsenen Tiere Hörner tragen.

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