17.07.2016 07:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Samuel Krähenbühl
Denkwerkstatt
«Ich war der einzige Bauer in der Denkwerkstatt»
Wie sieht die Land- und Ernährungswirtschaft im Jahr 2040 aus? Dieser Frage sind im Auftrag des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) 18 Personen nachgegangen. Der einzige Bauer in der Gruppe nimmt Stellung.

«Schweizer Bauer»: Waren neben Ihnen noch andere Teilnehmer in der Denkwerkstatt zur Zukunft der Schweizer Landwirtschaft dabei, welche als praktizierende Bauern einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb führen?
Simon van der Veer: Nein, leider nicht. Ich habe das am ersten Anlass kritisiert.  Die Diskussionen zwischen den Sequenzen mit branchenfremden Personen waren allerdings äusserst spannend.

Auch Sie arbeiten allerdings noch in Teilzeit auswärts. Wo arbeiten Sie und zu wie viel Prozent?
Ich bin aktuell noch 40% als Lehrer und Berater beim Inforama tätig.

Stehen Sie als Person hinter Schlussfolgerungen und Vision der Gruppe, wie sie im Abschlussbericht formuliert wurden?
Es gibt Inhalte und Aussagen, da kann ich vollumfänglich dahinter stehen. Andere wiederum sind – aus heutiger Sicht – extrem realitätsfremd. Generell fällt mir auf, dass das Bild der Landwirtschaft verklärt ist. In der Werbung wird das Bild der heilen Welt vermittelt, irgendwelche Hippies rennen Schweinen hinterher, und die Biobranche stellt sich auf Kosten der übrigen Landwirtschaft ebenfalls gut dar. Manchmal habe ich den Eindruck, wir seien geduldet, aber nicht unbedingt erwünscht. Hauptsache, wir schauen noch etwas zur Landschaft, in welcher sich die Nicht-Bauern erholen können. Dass wir mit unserer Arbeit Geld verdienen wollen, war kein Thema. So habe ich einmal mein Portemonnaie in die Luft gestreckt und darauf hingewiesen. Wir wollen mit unserer Arbeit leben können. Für gewisse Personen reicht das Wort «überleben».

Die Gruppe fordert, dass «unter der Berücksichtigung der ökologischen Tragfähigkeit im Konfliktfall» die Produktionsmenge und Eigenversorgung von Lebensmitteln in der Schweiz heruntergefahren werden soll...
Für mich sind es weniger die genauen Kalorien, Hektaren, Kühe usw., sondern es ist vielmehr das Wissen, die Infrastruktur (vor- und nachgelagerte Bereiche) welche wir erhalten müssen. Hier sitzen wir alle im gleichen Boot. Wenn wir keine Schweizer Kartoffeln mehr anbauen, dann brauchen wir keine Frites-Fabrik bei uns. Dann importieren wir die Ware direkt aus Holland. Geben wir die Zuckerproduktion auf, braucht es auch keine Zuckerfabrik mehr. Sind die Tore unserer Zuckerindustrie einmal zu, werden diese nie wieder geöffnet. Wir setzen  das Wissen, die Erfahrung und viele Arbeitsplätze aufs Spiel. Dessen sind sich viele Personen nicht bewusst. Wir in der Schweiz haben von den weltweit besten Böden, Wasser, Kapital, Wissen. Es wäre ökologisch und ökonomisch völlig verfehlt, diese Ressourcen nicht zu nutzen und die ökologischen Nachteile der Produktion, welche sich nicht wegdiskutieren lassen, auszulagern. Wir säen dann noch etwas Magerwiesen, und das schlechte Gewissen aufgrund unserer Importe ist beruhigt.

Forderungen der Denkwerkstatt

Die «Denkwerkstatt» hat eine Reihe von Thesen formuliert. Drei der interessantesten sind hier kurz zusammengefasst:

Weniger produzieren: Die landwirtschaftliche Produktion soll sich auf das ökonomische Potenzial in der jeweiligen Region ausrichten. Dies unter Berücksichtigung der ökologischen Tragfähigkeit der Standorte und im Konfliktfall auch zulasten von Produktionsmenge und Eigenversorgung.

Bäuerliches Bodenrecht aufweichen: Um den Landwirtschaftssektor «lebendig, auf der Höhe der Zeit und innovativ» halten zu können, werde es eine Öffnung der Eigentums- und Bewirtschaftungsmodelle brauchen.

Grenzen für Freihandel öffnen: «In 25 Jahren werden Lebensmittel viel freier als heute über Grenzen gehandelt werden», heisst es. Die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft müsse sich den weitgehend geöffneten Märkten stellen, da sich ein einzelner Sektor auf Dauer nicht von der Globalisierung ausnehmen lasse.

Was sagen Sie zur Forderung der Gruppe, das bäuerliche Bodenrecht aufzuweichen, um Neueinsteigern den Quereinstieg zu ermöglichen?
Das ist eine heikle Frage. Aber müsste man das Bundesgesetz über das bäuerliche Bodenrecht (BGBB) grundsätzlich neu überarbeiten. Was passiert dann mit Investoren, welche an der Börse nichts mehr verdienen? Stehen wir plötzlich in Konkurrenz mit ebensolchen Institutionen? Das möchte ich lieber nicht.

Schliesslich propagiert die Gruppe den Agrarfreihandel mit der Begründung, dass sich «ein einzelner Sektor auf Dauer nicht von der Globalisierung ausnehmen lässt». Unterstützen Sie diese Forderung?
An der Grünen Woche in Berlin findet sich – ausser einem Schokolade-Produzenten – nur Käse. Haben wir nicht mehr zu bieten? Zweifelsfrei produzieren wir Güter von herausragender Qualität. Aber würde der Handel wirklich in beide Richtungen funktionieren? Aktuell zeigt sich im nahen Europa, was auf offenen Agrarmärkten passiert. Unschön und teilweise tragisch zugleich! Gleichzeitig kommen wir trotzdem nicht umhin, landwirtschaftsintern Szenarien zu entwickeln, was im Falle x eintreten kann. Ich denke da zum Beispiel an TTIP. Die Landwirtschaft muss sich weiter fit trimmen. Fürs Ausruhen oder eine Vogel-Strauss-Politik haben wir keine Zeit. Ich als Landwirt brauche und erwarte aber auch klare und verlässliche Signale von Bundesbern, wohin die Reise geht. Heute, nicht erst 2040!  Die Landwirtschaft muss in Zukunft das Heft wieder selber in die Hand nehmen und die Ausrichtung der Schweizer Landwirtschaft mitbestimmen. Aktuell sind wir im Modus Reagieren anstatt Agieren. Ich zitiere hier den berühmten Informatiker Alan Kay: «Die Zukunft kann man am besten voraussagen, wenn man sie selbst gestaltet!»

Fast nur Beamte und Staatsangestellte

Insgesamt nahmen 18 externe Teilnehmer an der Denkwerkstatt des BLW teil. Während mit Simon van der Veer nur ein praktizierender Bauer dabei war, handelte es sich bei der deutlichen Mehrheit um Staatsangestellte oder um Personen, welche im Mandat für die öffentliche Hand arbeiten. Mindestens elf von ihnen beziehen ihr Einkommen – oder zumindest einen Teil davon – ganz direkt bei der öffentlichen Hand. Weitere Personen wie etwa Lukas Bär von der Management Consultants AG oder Künstler Heinrich Gartentor leben zumindest teilweise von Aufträgen der öffentlichen Hand. Kein einziger der Teilnehmer  ist in der freien Wirtschaft in einer leitenden Position tätig. Wir wollten deshalb vom BLW wissen, warum praktisch ausschliesslich Beamte, aber kein einziger Vertreter aus Industrie oder Handel, sowie mit Simon van der Veer nur ein praktizierender Bauer in der Gruppe dabei waren. Wegen «Ferienabwesenheiten» konnte das BLW diese Fragen nicht beantworten, sondern vertröstete auf nächste Woche.

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