12.11.2017 07:05
Quelle: schweizerbauer.ch - sal
Palmöl
In Lebensgefahr wegen Palmöl
Im mittelamerikanischen Land Honduras wurde in den letzten Jahren der Anbau von Ölpalmen massiv ausgebaut. Die Landrechte der einheimischen Garífuna werden dabei übergegangen. Eine betroffene Frau erzählt.

«Ohne Land sind wir nichts», klagt Darita im Sitzungszimmer des «Schweizer Bauer». Tränen laufen ihr über die dunklen Wangen. Ihr trauriger Blick kontrastiert mit ihrem farbenfrohen Gewand und dem Kopfschmuck in Violett und Gelb. Als Mitglied der Volksgruppe der Garífuna seien sie und ihre Familie mit dem von den Vorfahren ererbten Land sehr eng verbunden, ökonomisch, aber auch spirituell.

Aus Honduras ist Darita in die Schweiz gekommen, weil es in ihrem Land keine Gerechtigkeit gebe und kein Recht, das sie schütze. Am nächsten Tag wird sie bei der UNO in Genf Zeugnis ablegen über die schrecklichen Vorgänge in Honduras. Ziel ist ein Vertrag, der international tätige Firmen zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet.

Kampf für Landrechte 

Darita ist nicht der richtige Name der Frau.  Sie kämpft dafür, dass die Garífuna  das Land zurückerhalten, das sie an Grossgrundbesitzer, Drogenmafiabosse und Konzerne verloren haben, die darauf Ölpalmen für den Export von Palmöl gepflanzt, Minen für das Schürfen von Silber und Zink eingerichtet, Staudämme für die Energiegewinnung und Raffinerien zur Erdölverarbeitung gebaut haben. Ihr Engagement im Rahmen der «Organización Fraternal Negra Hondureña» hat Darita Morddrohungen eingebracht.

Sie sagt, der Bürgermeister, der sich selbst Land angeeignet habe und mit den Grossfirmen unter einer Decke stecke, trachte ihr nach dem Leben. Sie lebt deshalb wie eine Nomadin und besucht nur noch selten ihre Heimatgemeinde im «Bajo Aguán», einer extrem konfliktreichen Region. Über diese Vorsichtsmassnahmen hinaus hat sie keinen weiteren Schutz. Auf die Polizei könne sie nicht hoffen, «ich muss auf den Schutz meiner Vorfahren vertrauen», sagt sie. 267 Bauernaktivisten sind in den letzten zehn Jahren im Bajo Aguán ermordet worden, ergänzt Juan, ihr Begleiter von der Umweltschutzorganisation «Movimiento Madre Tierra Honduras» mit Nachdruck.

Eltern waren Bauern

43 Manzanas, das sind umgerechnet 30 Hektaren Land, bewirtschafteten Daritas Eltern. Als Bauern bauten sie in einem System mit Brachflächen unter anderem Maniok, Yams, Kokospalmen, Kochbananen und das Wurzelgemüse Malanga an. «Das war eine klein strukturierte, sehr ökologische Art der Landwirtschaft, ganz ohne Hilfsmittel der Agrochemie», betont Darita. Die Lebensmittel waren für den Eigengebrauch bestimmt oder wurden innerhalb der Garífuna getauscht, nicht verkauft. Doch im Jahr 2001 kamen bewaffnete Paramilitärs und schüchterten ihren Vater ein, bedrohten ihn so lange, bis er das Land aufgab. Seither stehen auf dem Land ihrer Familie ausschliesslich Ölpalmen.

Der physisch vorliegende Landtitel, der noch auf die spanische Krone zurückgeht, ist nichts mehr wert. Die Regierung anerkennt ihn nicht. Viel Land haben die Garífuna durch Drohung und Waffengewalt veloren, anderes durch eine staatliche Landreform. Und nicht zuletzt wurde von Strohmännern aus den Reihen der Garífuna Land gekauft und an Grossgrundbesitzer und Konzerne weiterverkauft. «Diese Strohmänner sind offenbar gekauft worden», sagt Darita und betont: Niemals hätten die Angehörigen ihrer Volksgruppe Land direkt an Weisse und an Exportfirmen verkauft, denn in deren Sicht ist das Land unteilbares Erbe der Garífuna, die aus der Verschmelzung von Sklaven westafrikanischer Herkunft und karibischen Indigenen hervorgegangen sind und deshalb eine reiche eigene Kultur haben.

«Aceydesa wohl mit dabei»

Via gekaufte Strohmänner sei auch die Firma Aceydesa an Land gekommen, berichtet Darita. Das habe sie in ihrem Umfeld selbst miterlebt. Auch Verwicklungen in den Drogenhandel und die Zusammenarbeit mit bewaffneten Paramilitärs, wie sie in der Region fast an der Tagesordnung sind, vermutet sie bei Aceydesa. Das sei aber schwierig  nachzuweisen. Pikant: Aceydesa produziert in der Region Bajo Aguán offiziell nachhaltiges Palmöl. Seit 2015 bescheinigt dies ein Zertifikat des «Runden Tisches für nachhaltiges Palmöl» (RSPO).

Auf die Standards der RSPO stützen sich auch die Schweizer Detailhandelsriesen und die Schweizer Lebensmittelindustrie ab für ihre Glacen mit Palmöl, ihre Guetzli mit Palmöl, ihre Kuchenteige mit Palmöl, ihre Schokoriegel mit Palmöl, ihre Brotaufstriche mit Palmöl, ihre Fertigsuppen und vieles mehr mit Palmöl. Zu den RSPO-Prinzipien gehören zum Beispiel die Einhaltung der Gesetze, ein verantwortungsvoller Umgang gegenüber der Umwelt und eine verantwortungsvolle Berücksichtigung der Angestellten und betroffener Individuen und Gemeinden.

«Keine echte Kontrolle»

Angesprochen auf RSPO, reden sich Darita und Juan regelrecht in Fahrt: «Die Zertifizierung ist eine falsche Lösung, es gibt keine echten Kontrollen, keine Möglichkeit, das wirklich durchzusetzen.» Beim RSPO gehe es nur um eine Gewissensberuhigung, die den schädlichen Palmöl-Konsum noch ankurble, um ein Tun-als-ob bei der Garantie irgendeiner  Nachhaltigkeit.

«In Tat und Wahrheit funktioniert es so: Du bist mein Freund, hier hast du das Zertifikat. So läuft das in Honduras», so Juan. Die beiden hoffen deshalb, dass die Firma Aceydesa ihr RSPO-Zertifikat bald verliert. Vor allem aber ist Darita wichtig, dass ihre Familie sowie all ihre «Brüder» und «Schwester» aus der Volksgruppe der Garífuna endlich ihr Land zurückerhalten. 

 

 

 

 

 

 

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