7.05.2019 11:29
Quelle: schweizerbauer.ch - sal/blu
Umwelt
«Initiative ist ein Eigentor»
Der Schweizer Bauernverband warnt: Die Trinkwasser-Initiative verfehlt ihr Ziel. Sie untermauert dies mit einer Studie der Berner Fachhochschule Hafl, die 11 konkrete Betriebe zu den Auswirkungen befragt hat.

2018 wurde die Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung» eingereicht. Sie fordert, dass Betriebe, die Pflanzenschutzmittel einsetzen oder Futter für ihre Tiere zukaufen, keine Direktzahlungen mehr erhalten. Landwirtschaftsbetriebe, die Antibotika in der Tierhaltung prophylaktisch einsetzen und deren Produktionssystem einen regelmässigen Einsatz von Antibiotika nötig macht, sollen ebenfalls von Direktzahlungen ausgeschlossen werden.

6 von 11 Betrieben würden von ÖLN aussteigen

Der Schweizer Bauernverband (SBV) hat die Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) beauftragt, die wirtschaftlichen Auswirkungen einer Annahme der Initiative auf elf konkrete Betriebe sowie deren Handlungsmöglichkeiten in einer Studie zu untersuchen.

An einer Medienkonferenz stellte Hafl-Dozent Martin Pidoux die Resultate der Studie vor: 6 der 11 Betriebe würden aus dem Ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) aussteigen und auf Direktzahlungen verzichten. Bei den Obst- und Weinbaubetrieben sei es die Forderung, ganz auf den Einsatz von Pestiziden zu verzichten, die dafür den Ausschlag gäbe. Für diese würde der vollständige Verzicht auf Pflanzenschutzmittel erhebliche Ertragseinbussen und nicht tragbare Produktionsrisiken mit sich bringen. 

«Folgen für Umwelt wären negativ»


Ebenfalls auf Direktzahlungen verzichten, um die Produktion aufrechtzuerhalten, würden Schweine- und Geflügelhalter. Für die meisten ist es unrealistisch, die Nutztiere ausschliesslich mit auf dem Betrieb produzierten Futter zu füttern. Die anderen 5 Betriebe, es sind Milchvieh und Ackerbaubetriebe würden ihre Produktion extensivieren und die Direktzahlungen behalten. Den Verlust der Zahlungen vom Bund könnten sie nur schwer kompensieren.

Gespräche mit den Betriebsleitern zeigten auch, dass diese nach einem Ja zur Initiative ihre Produktion anpassen würden. Einzelne Produktionszweige (z. B. Kartoffeln, Zuckerrüben) würden stark reduziert und durch weniger empfindliche Kulturen ersetzt. Mindestens kurzfristig wäre für alle Betriebe mit negativen wirtschaftlichen Folgen zu rechnen. 

Massiv weniger Einkommen

Offen bleibt die Frage, ob die sechs auf Direktzahlungen verzichtenden Betriebe ihre Produktion massiv steigern, um zu überleben. Die Studie wirft die Frage auf, wie oft Bauern ohne Verpflichtung zum ökologischen Leistungsnachweis - sie ist Voraussetzung für Direktzahlungen - zu Pflanzenschutzmitteln greifen würden.

Alle elf untersuchten Betriebe müssten mit der Trinkwasserinitiative zudem mit weniger Einkommen rechnen. In der Studie bleibt offen, ob Bauern und Bäuerinnen deshalb vermehrt einem Nebenerwerb nachgehen würden. Fraglich sei zudem, ob die Konsumenten bereit wären, für Produkte aus der Landwirtschaft mehr zu bezahlen.

Hinweise auf «geteilte Agrarpolitik»

Die Studienergebnisse deuten laut den Autoren auf die Entstehung einer «geteilten Agrarpolitik» hin, mit Betrieben «im System» und Betrieben «ausserhalb des Systems». Das sei nicht wünschenswert, angesichts der gesellschaftlichen Erwartungen an die Bauern und deren Auftrag in der Bundesverfassung.

Den Bauern sei bewusst, dass der Pestizideinsatz reduziert werden müsse, heisst es in der Studie. Der Bauernverband verweist dazu auf die Aktionspläne des Bundes für Pflanzenschutz und Biodiversität, die Strategie gegen Antibiotikaresistenzen sowie die Brancheninitiative «Stärkung des inländischen Futteranbaus»

Forderungen zu extrem

«Die Analyse bestätigt, dass die Annahme der Trinkwasserinitiative einen erheblichen Teil der landwirtschaftlichen Betriebe aus dem Direktzahlungssystem verdrängen würde» , hält der Schweizer Bauernverband in einer Mitteilung fest. 

Initianten

Hinter der Initiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung - Keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz» (Trinkwasserinitiative) steht der Verein «Sauberes Trinkwasser für alle» mit Franziska Herren. Unterstützt wird das Begehren von diversen Umwelt-, Naturschutz- und Tierschutzorganisationen, darunter Greenpeace Schweiz, BirdLife Schweiz, der Fischerei-Verband, Tier im Fokus und Swissveg.

Für Markus Ritter, den Präsidenten des Schweizer Bauernverbandes (SBV), zeigt die Studie, dass die Forderungen der Trinkwasser-Initiative zu extrem sind und nicht zum gewünschten Resultat führen. Die Auswirkungen der Initiative auf die Umwelt wären insgesamt negativ, so Ritter. Ritter fragte: «Welche Konsequenzen hätte die Trinkwasserinitiative auf den Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln, wenn sich die grossen Verbraucher ihr gar nicht unterwerfen und dafür aus dem Ökologischen Leistungsnachweis aussteigen?» 

Fast alle Bauern betroffen

Fast alle Schweizer Landwirtschaftsbetriebe wären entweder beim Thema Pflanzenschutz oder Fütterung davon betroffen. Egal ob sie biologisch oder konventionell wirtschaften, sagte SBV-Präsident Markus Ritter vor den Medien. «Ich beispielsweise kaufe Gras und Silage von meinem Nachbarn zu, der ebenfalls Biobauer ist. Unter den Bedingungen der Trinkwasserinitiative würden mir deswegen alle Direktzahlungen gestrichen», macht der Biobauer deutlich. 

Eine Arbeitsteilung, welche die Schweizer Landwirtschaft dynamisch und wettbewerbsfähig macht, würde mit der Trinkwasserinitiative verunmöglicht, macht Ritter klar. «Geflügel- oder Schweinehaltung wäre nur noch im Ackerbaugebiet möglich, wenn der ökologische Leistungsausweis weiterhin erfüllt werden soll», fuhr er fort.

Schweizer Futterproduktion steigern

Bauernverbandsdirektor Jacques Bourgeois ging auf die Futtermittel ein. Die Forderung, keine Futtermittel zuzukaufen, sei eine «unsinnige Forderung.» Zu 85 Prozent würden Schweizer Nutztiere einheimisches Futter fressen. «Trotzdem ist es auch uns ein Anliegen, unsere Abhängigkeit von importierten Futtermitteln zu reduzieren», machte Bourgeois deutlich. Dazu will der Verband die einheimischen Futterproduktion stärken respektive fördern. Dazu sind wir daran, eine Branchenlösung zur

Eine Branchenlösung steht bereits. «Es fehlt nur die allgemeine Bereitschaft der Abnehmer für tierische Produkte aus Schweizer Futter auch einen Mehrpreis zu bezahlen», so der Bauerverbandsdirektor. Es sei immer dasselbe und es wäre auch so mit der Trinkwasserinitiative. «Ideell unterstützt man extremste Forderungen, aber kosten dürfen sie den Einzelnen nichts», machte er deutlich. 

Gegenvorschlag unnötig

Ritter bekräftigte auch, dass ein Gegenvorschlag unnötig sei. Ein solcher würde das bestehende Engagement abbremsen und die Kräfte unnötig verzetteln. Es gebe Handlungsbedarf, aber mit den Aktionsplänen Pflanzenschutz und Biodiversität, der Strategie gegen Antibiotikaresistenzen sowie der sich in der Pipeline befindenden Branchenlösung «Stärkung des inländischen Futteranbaus» werde viel getan, diese seien konsequent um- und durchzusetzen.

«Beim Trinkwasser sind beispielsweise auch die Kantone gefordert, das geltende Recht umzusetzen und die Grundwasserschutzzonen bundesrechtskonform auszuscheiden. Gegenwärtig ist das bei 42 Prozent der Grundwasserschutzzonen nicht der Fall», führte Ritter aus.

Nein vom Bundesrat

Der Bundesrat beantragt ein Nein zur Initiative, ohne Gegenvorschlag. Er warnte bei der Verabschiedung der Botschaft ans Parlament vor schädlichen Folgen für die Landwirtschaft. Die Produktion würde mit dem generellen Verzicht auf Pestizide und zugekauftes Futter auf vielen Betrieben abnehmen.

Der Bundesrat warnte schon im Dezember vor dem Risiko, dass Betriebe aus dem Direktzahlungssystem aussteigen würden und dadurch die Anforderungen des ökologischen Leistungsnachweises nicht mehr berücksichtigen müssten. Die Umweltbelastung würde steigen.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE