6.12.2013 08:04
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Interview
«Initiativen sollen bei Laune halten»
Alt Nationalrat Ruedi Baumann (Grüne, BE) kritisiert die geplanten Volksinitiativen von SBV und SVP. Er möchte die Freiheit beim Landverkauf einschränken und stört sich an stark gewachsenen Bio-Betrieben.

Schweizer Bauer: Im Kanton Bern spannt die Lobag bei der Kulturlandinitiative mit den Grünen zusammen. In Ihren Augen haben es die Bauern nun endlich begriffen, oder?
Ruedi Baumann: Es ist  ein Riesenfortschritt, dass die Lobag und vernünftige Kräfte aus der Landwirtschaft jetzt zusammenarbeiten. Früher war ja klar: Landwirtschaft gleich SVP. Die Grünen waren alle des Teufels. Da hat sich offenbar einiges verbessert.

Und was sagen Sie zu den nationalen Volksinitiativen?
Man kann doch nicht einfach in die Verfassung schreiben, dass man den Selbstversorgungsgrad halten will. Das ist ein Blödsinn – in einem Land, das jeden Liter Rohöl importieren muss. Und wenn schon, müssten alle verwendeten Futtermittel in der Schweiz produziert werden.

Also auf den Nettoselbstversorgungsgrad zielen?

Wenn schon, sicher. Für mich sind aber beide geplanten nationalen Initiativen eine reine Beschäftigung der Bauern. Mit schönen Initiativtexten wollen die SVP und der Bauernverband die Bauern bei Laune halten. Aber damit wird kein einziger Quadratmeter Boden vor dem Überbauen gerettet. Man müsste die Freiheit beim Landverkauf einschränken.

Inwiefern?
In Frankreich haben wir ein bäuerliches Bodenrecht, das greift. Klar, es hat sozialistische Züge, aber es führt zu guten Strukturen. Jeder Landverkauf muss öffentlich ausgeschrieben werden, und die Anstösser haben ein Vorkaufs- und Vorpachtrecht. Hat es mehrere Interessenten, entscheidet eine grosse, staatliche Kommission. Deshalb sind die landwirtschaftlichen Strukturen so viel besser und wettbewerbsfähiger als in der Schweiz. Auch unsere 70 ha in der Gascogne liegen auf einer einzigen Parzelle rund um unsere Gebäude. Was nützt ein 50-ha-Betrieb, wenn er 50 einzelne Parzellen bewirtschaften muss? Eine einzige müsste er haben.

Fallen denn bei der Wettbewerbsfähigkeit die höheren Personal- und Maschinenkosten nicht stärker ins Gewicht?

Das glaube ich nicht. Die Maschinenkosten gleichen sich an. Fürs Dreschen etwa bezahle ich 70 Euro pro ha. Auch weil bei mir nur eine Parzelle zu dreschen ist. Das ist für mich das Entscheidende. Ich weiss, man darf es dem «Schweizer Bauer» nicht sagen, aber ich bin nach wie vor überzeugt, der EU-Beitritt würde der Schweizer Landwirtschaft nicht schaden. Dann würden die Kosten sinken. Auch gewisse Elemente der direkten Demokratie könnte man in der EU weiterführen.

Sie waren ja 1992 anders als viele Grüne für den EWR-Beitritt. Auf Ihrem Blog schreiben Sie, inzwischen hinke die Schweiz in Sachen Umweltschutz vielen europäischen Staaten hinterher. Können Sie ein Beispiel machen? 
Da gibt es mehrere Beispiele. Etwa die Öko-Korridore bei allen Wassergräben, die in ganz Frankreich von heute auf morgen eingeführt wurden – ohne dicke Wegleitungen. Auch beim Bienensterben ist die EU vorangegangen und hat drei Pestizide verboten. Die Schweiz ist widerwillig hinterhermarschiert.

Aber in der EU sieht man Güllegruben, welche diesen Namen nicht verdienen.

Ja. Auch in unserer Gemeinde haben wir da grossen Nachholbedarf. Wenn die EU da nicht den Finger draufgehalten hätte, hätte Frankreich nichts gemacht. Man muss aber auch sagen, dass die Voraussetzungen anders sind: Viele Tiere etwa sind immer auf der Weide, und es regnet weniger. In einer anderen Sache ist die EU aber auch fortschrittlicher: Sie publizierte die Direktzahlungen pro Betrieb. Ich habe schon in den 90er-Jahren immer gesagt, wenn wir das täten, wären die Direktzahlungen (DZ) nicht mehr so ungerecht. Denn es ist unstatthaft, 100'000, 200'000 Franken oder noch mehr zu kassieren. Die auf unseren Druck eingeführte Vermögensgrenze greift nicht, und jetzt wird sie per 1. Januar 2014 sogar noch ganz abgeschafft.

Maximal 50'000 Franken DZ schlugen Sie in der zweiten Kleinbauerninitiative vor.

Ja, das ist eine Orientierungsgrösse, plus die Teuerung seither. Ferner sollte auch, wer Direktzahlungen beziehen will, alle Tiere weiden müssen. Das würde verhindern, dass die Bestände zu gross werden.

Heute fordert ja niemand mehr maximal 50'000 Franken DZ Von der VKMB hört man fast nichts mehr. Warum?
Wir waren immer eine kleine Bewegung. Vieles hing von wenigen Personen ab. Ich möchte da besonders unseren Sekretär Herbert Karch nennen, der sich bis zur Selbstausbeutung engagierte. Und es werden wohl auch einige Konzessionen gemacht. Früher hiess es vom SBV: Njet. Von der SVP: Njet. Daran konnten wir uns reiben. Die Bio-Bauern sind auch nicht sehr politisch. Früher war das eine klar linksgrüne Bewegung, heute sind unter den Biobauern wohl auch viele bürgerlich.

Es gibt heute natürlich auch sehr grosse Bio-Bauern.

Ja, solche gibt es auch im Seeland. Da muss man sich  auch fragen, ob nicht früher mehrere kleinere, konventionelle Gemüsebauern natürlicher gewesen sind als jetzt ein  grosser Biobauer, der eine Riesenfläche unter Gewächshäusern und dreissig polnische Angestellte hat. Das ist nicht das, wofür wir gekämpft haben.

Zur Person

Ruedi Baumann aus Suberg BE war Nationalrat der Grünen, von 1997 bis 2001 präsidierte der gelernte Landwirt und ETH-Agronom die Partei. Er war Co-Präsident der Kleinbauernvereinigung. 2001 wanderte er mit seiner Frau Stéphanie nach Frankreich aus. In der Gascogne besitzen sie einen Betrieb mit 70 ha, wovon  50 ha Ackerfläche und 10 ha ganz magere Wiesen mit Orchideen sind. Der Betrieb ist viehlos, für die Stickstoffversorgung sorgen Ackerbohnen, Luzerne und weidende Kühe des Nachbarn. Heuer wuchsen bei ihm  ausschliesslich Leguminosen, im Oktober hat er 25 ha Wintergetreide (Astardo) gesät. Unter http://auswandererblog.blueblog.ch führt Baumann ein Tagebuch. sal

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE