Sonntag, 22. Mai 2022
05.09.2017 14:36
Ernährungssicherheit

Interpretation kennt keine Grenzen

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Von: Raphael Bühlmann

Noch immer wissen viele Stimmbürger nicht, worum es bei der Initiative für Ernährungssicherheit geht. Nun helfen ihnen die Umweltverbände auf die Sprünge. Und dies mit spektakulären Argumenten.

Ernährung bewegt die Gesellschaft. Und so erstaunt es kaum, dass, wenn am 24. September über die Initiative zur Ernährungssicherheit abgestimmt wird, sich alle Politiker und Funktionäre im Vorfeld entsprechend in Szene setzen. Nachdem der Schweizer Bauernverband und das rot-grün-liberale Komitee ein «Ja zur Weiterentwicklung der Land- und Ernährungswirtschaft» herausgegeben haben, beanspruchen nun auch die Umweltverbände die Interpretationshoheit für sich. Dabei scheinen sie sich vordergründig mehr auf populistische Schlagworte als auf sachbezogeme Argumente abzustützen.

Kritik ohne Grundlage

Ökologisch, nachhaltig, ressourceneffizient und bodenschonend. Die Argumente der vier grossen Schweizer Umweltverbände werden ihre Wirkung kaum verfehlen. Vergangene Woche präsentierten WWF, Pro Natura, Greenpeace und Bird Life ihre Interpretation bei einem allfälligen Ja zur Ernährungssicherheit am 24. September. Diese Gelegenheit nutzten die entsprechenden Verbandsspitzen gleich für einen Rundumschlag gegen die heutige Schweizer Landwirtschaft.

«Zu intensiv, zu viel Pestizid oder Antibiotika.» Aber auch latent vorhandene Ängste, wie solche vor gentechnisch-veränderten Organismen (GVO), wurden in Bern erneut geschürt. Dass für GVO das Moratorium jüngst verlängert wurde und dass bis heute keine Beeinträchtigung des menschlichen Organismus nachgewiesen worden ist, hinderte sie nicht daran, solche Organismen als «schädlich für den Menschen» zu verteufeln. Auf die Frage des «Schweizer Bauer» nach einem Beweis dieser Behauptung, ruderte man dann aber doch zurück. «Es ist einfach schlecht, dass man sich mit Gentech in die Abhängigkeit grosser Agrarkonzerne begibt», so die revidierte dafür berechtigte Kritik.

Widersprüchliche Argumente zur Geflügelmast

Dass ausserdem just im vergangenen Jahr der Selbstversorgungsgrad auf ein neues Tief gesunken ist und dass durch eine noch extensivere Produktion mehr Lebensmittel importiert werden müssten, scheint bei den vier Verbänden ebenfalls noch nicht ganz zu Ende gedacht worden zu sein. Zumindest die Antwort, dass die Beliebtheit für nachhaltig produzierte Lebensmittel (bspw. Bio, IPS) in den vergangenen Jahren zugenommen hat, ist erfreulich, aber keine Antwort darauf, wie die Schweizer Bevölkerung bei einer noch geringeren Produktion ernährt werden soll, ohne dass sie die Essgewohnheiten ändert.

Ebenfalls widersprüchlich scheinen die Argumente gegen die Geflügelmast zu sein. Diese im Vergleich zur «standortangepassten» extensiven Rinder-Weidemast als weniger ressourceneffizient zu kritisieren, entbehrt jeglicher Grundlage. Hier sind den Umweltverbänden in Tat und Wahrheit die Futtermittelimporte oder die grossflächigen Ställe ausserhalb der Bauzone ein Dorn im Auge. Beides ist auf Argumente bezogen, die nichts mit der Abstimmung zur Ernährungssicherheit zu tun haben.

Breit geführte Debatte

Und so blieben am Ende der Pressekonferenz von Pro Natura, WWF, Greenpeace und Bird Life sehr viele Fragezeichen bestehen. Dabei war es Werner Müller, Geschäftsführer Bird Life Schweiz, der forderte, dass der neue Verfassungsartikel als Grundsatz für die Weiterführung der Agrarpolitik verstanden werden soll.

«Wichtig ist, dass die Debatte breit geführt wird und dass für den Stimmbürger ganz klar wird, worüber abgestimmt wird.» Damit trifft Müller den Nagel wohl auf den Kopf. Die Vorlage wird derweil so breit geführt, dass wohl kaum jemand – ausserhalb oder innerhalb der Landwirtschaftsbranche – noch den Überblick behalten kann.

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