9.08.2018 06:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
Integration
Landwirtschaft: Neue Lehre
Was braucht es, damit die Beschäftigung von Flüchtlingen in der Landwirtschaft ein Erfolg wird? Diese Frage stand am Anfang des Projekts, das der Schweizer Bauerverband (SBV) und das Staatssekretariat für Migration (SEM) 2015 starteten. Am Mittwoch präsentierten Jacques Bourgeois, Direktor SBV, und Mario Gattiker, Direktor SEM, in Zollikofen BE die Resultate. Hans Hofer vom Inforama Rütti stellte ein Folgeprojekt vor.

Von 2015 bis 2017 wurden insgesamt 30 Plätze auf 17 Bauernetrieben mit Flüchtlingen oder vorläufig aufgenommenen Personen besetzt. 24 dieser Arbeitseinsätze wurden erfolgreich abgeschlossen (siehe Kasten). Laut dem Abschlussbericht der Berner Fachhochschule waren die Betriebsleitenden und die Teilnehmenden mit ihrem Einsatz zufrieden. Der Teilnehmer Tesfu Adhanom aus Eritrea, der auf dem Betrieb von Markus Ramser aus Illhart TG arbeitete und noch immer arbeitet, konnte sogar eine Lehre zum Agrarpraktiker machen (siehe Video).

Genauso wichtig wie Resultate seien aber die Erkenntnisse, sagte Mario Gattiker. «Wir wissen jetzt, wie Rahmenbedingungen ausgestaltet werden müssen, damit es gelingt.»

Welche Rahmenbedingungen es braucht, merkte man vor allem, weil das Projekt auch Schwachstellen aufwies. Die Suche nach geeigneten Teilnehmern (Betriebe und Flüchtlinge) war schwierig, da die Suche direkt vom SBV und nicht von den kantonalen Verbänden, die näher an den Betrieben sind, durchgeführt wurde. Ausserdem taten sich die Betriebsleiter zum Teil schwer mit der Einarbeitung der Flüchtlinge oder vorläufig Aufgenommenen. Für einige der Angestellten war wiederum die körperliche Arbeit zu anstrengend, der Tagesrhythmus oder die Wohnsituation auf den Betrieben belastend. Hinzu kamen kulturelle und sprachliche Barrieren. 

Erkenntnisse für künftige Projekte

Dieses Fazit führte zur Erkenntnis, dass künftige Projekte von den kantonalen Bauernverbänden durchgeführt werden sollten. Es solle seriös abgeklärt werden, wer sich für die Projekte eigne, die Betriebsleiter müssten intensiv begleitet werden und sie sollten die Situation der Flüchtlinge möglichst gut verstehen. Zudem müssten die Flüchtlinge oder vorläufig Aufgenommenen intensiv deutsch, französisch, oder italienisch lernen, hiess es an der Medienkonferenz.

Neues Pilotprojekt angelaufen

Neben dem Fazit des zu Ende gehenden Projekts präsentierte der SBV und das SEM ein weiteres Pilotprojekt, das seit Anfang dieses Monats in den Kantonen Bern, Aargau, Neuenburg, Tessin und Freiburg durchgeführt wird. Es handelt sich um eine Integrationsvorlehre. Jüngere Menschen, die sich eine berufliche Zukunft in der Landwirtschaft vorstellen können und an einer Ausbildung interessiert sind, können eine einjährige Integrationsvorlehre absolvieren. Die jungen Menschen arbeiten während eines Jahrs auf einem Betrieb und besuchen eine landwirtschaftliche Schule. Nach dieser einjährigen Lehre sollen sie fähig sein, eine Berufslehre in Angriff zu nehmen. 

Eine der landwirtschaftlichen Schulen, die an dem Projekt teilnimmt, ist das Inforama Rütti in Zollikofen BE. Dort startet Mitte August eine Klasse mit 12 Flüchtlingen, die die Integrationsvorlehre beginnen. Hans Hofer ist an der Rütti verantwortlich für die Integrationsvorlehre. Er sieht darin nicht nur eine Chance für die Flüchtlinge, auch für die Betriebsleiter könne es eine Bereicherung sein, eine Person aus einer fremden Kultur am Familientisch zu haben. Er räumt aber auch ein, dass sich nicht alle Betriebe dafür eignen. Mehr dazu sehen Sie im Video.

Eckdaten des Projekts 2015-2018

Die Einsätze im Rahmen des Pilotprojekts in den Jahren 2015-17 dauerten zwischen drei und zwölf Monaten. Die mitwirkenden Betriebe zahlten den Flüchtlingen nach dem Einführungsmonat mit reduzierter Entschädigung den landwirtschaftlichen Mindestlohn von gut 3200 Franken pro Monat. Sie erhielten für den zusätzlichen Aufwand wie die regelmässigen Mitarbeitergespräche, das Ausfüllen von Unterlagen und die Auskunftserteilung im Rahmen der Schlussevaluation eine monatliche Entschädigung von 200 Franken. Es standen 45 Plätze auf 17 unterschiedlichen Betrieben (gemischt, Gemüse, Obst) zur Verfügung, von denen 30 besetzt werden konnten. 24 Teilnehmende schlossen den Arbeitseinsatz ab. 14 von ihnen bekamen ein Stellenangebot des Arbeitsbetriebes, das zehn Personen auch annahmen. Weitere sieben Personen fanden eine andere Stelle in der Landwirtschaft oder in einer anderen Branche. Das dreijährige Pilotprojekt kostet rund 280 000 Franken und wurde je zur Hälfte vom Schweizer Bauernverband und vom Staatssekretariat für Migration finanziert. mgt


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