1.02.2019 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - lid
Agroscope
Landwirtschaft produziert Leben
Agroscope-Leiterin Eva Reinhard sieht den Effizienz-Auftrag als grosse Chance. Sie hält es für wichtig, dass die Forschung praxisnah verläuft und auch vor Ort stattfindet.

Medial so stark vertreten wie in den vergangenen 12 Monaten war die Forschungsanstalt zuvor nie. Grund waren die Pläne des Bundesrats – damals war noch Johann Schneider-Ammann zuständig – Agroscope auf einen Standort zu konzentrieren. Ausgewählt hatte der Bundesrat dafür Posieux im Kanton Freiburg.

Ein Aufschrei ging durch die Kantone und Organisationen, die Zentralisierung stiess auf massive Kritik. Auch aus der Politik. Derzeit liegen noch 19 Vorstösse, darunter 10 Motionen vor, wie Agroscope-Chefin Eva Reinhard vor Agrarjournalistinnen und -journalisten sagte (siehe Textbox). Mit der Folge, dass der Bundesrat Ende 2018 beschloss, die Ein-Standort-Strategie zu beerdigen und auf drei Standorte zu setzen. Neben Posieux sind dies Changins VD und Reckenholz ZH. Hinzu kommen Satelliten-Stationen in verschiedenen Regionen.

"Ich glaube, dass kaum jemals zuvor so viele positive Stimmen zu Agroscope zu hören waren. Wir waren uns Kritik gewohnt und plötzlich wollten uns alle behalten. Und zwar genau so behalten, wie wir schon waren", sagte Reinhard, welche die Forschungsanstalt seit April letzten Jahres leitet. Zuvor war sie als stellvertretende Direktorin des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) tätig gewesen und Kritik deshalb nicht ungewohnt.

Der Vereinigung Schweizer Agrarjournalisten (SAJ) besuchte zum Neujahrsapéro Agroscope und das BLW in Liebefeld bei Bern. Hauptthemen waren Forschung und die Agrarpolitik 22+. Die SAJ sind die Vereinigung von Journalistinnen und Journalisten sowie Kommunikationsfachleuten aus der Land- und Ernährungswirtschaft.

www.agrarjournalisten.ch

Nach der ersten Abwehrhaltung ist laut Reinhard der nächste Schritt gekommen, die verschiedenen Kreise diskutierten weiter. "Forschung heisst, dass man einen Schritt voraus denken sollte. Ist es also richtig, eine Institution, die dazu da ist, voranzuschreiten, so zu bewahren wie sie vor 100 Jahren war?", warf Reinhard die Frage auf.

Ihr zufolge kam die Wende in dieser Frage, als eine Subkommission der Finanzkommission des Nationalrates einen Tag in Changins und einen Tag in Posieux verbrachte. Die Subkommission habe sich so alle Stimmen anhören und sich breit informieren können. Sie kam zum Schluss, dass Handlungsbedarf besteht und die landwirtschaftliche Forschung extrem wichtig ist. Wichtig nicht nur für die Schweizer Landwirtschaft, sondern für die Schweizer Bevölkerung.

Agroscope verliert Kontakt zu Problemen der Praxis

"Die Landwirtschaft produziert kein riesiges Bruttoinlandprodukt. Aber sie produziert Leben. Leben in einer Umwelt, die wir aber auch für unsere Nachkommen bewahren müssen". Das sei das Spannende an dieser Aufgabe. Es sei ein Thema, das zum Glück die Menschen bewege, so Reinhard. "Ich erachte es auch deshalb als grosse Chance, dass der Spar-Auftrag in einen Effizienz-Auftrag umgewandelt worden ist."

Denn die kommenden Probleme seien riesig. Klima, Biodiversität und viele weitere Themen, die alle ineinander spielten, seien betroffen. Das sei faszinierend, aber extrem kompliziert. "Es ist sehr einfach zum Beispiel nur für den Gesundheitsschutz oder nur für den Umweltschutz zu arbeiten", so Reinhard. Dort seien die Ziele völlig klar. "Hier in der Landwirtschaft kommt alles zusammen. Wir werden es nie schaffen, alle zu befriedigen. Weil wir den bestmöglichen Kompromiss finden müssen", so Reinhard.

Sehr ernst nimmt Reinhard die Kritik, dass Agroscope den Kontakt zu den Problemen der Praxis verliere. "Ich bin überzeugt, dass die Kritiken teils richtig sind. Dass wir die Praxis etwas abgehängt haben, dass wir mehr vor Ort arbeiten müssen", so Reinhard. Dazu beitragen sollen die Satelliten-Stationen und auch der Einbezug der Bevölkerung. Diese soll künftig unter anderem in das Suchen und Auffinden von unerwünschten Schädlingen einbezogen werden. "Und wir werden auch mit Bäuerinnen und Bauern verstärkt zusammenarbeiten", sagte Reinhard mit Blick auf die Zukunft. 

Die Liebefelder Käsekulturen

Ein Beispiel, wie Zusammenarbeit zwischen Bund und Privaten aussehen kann, liefern die Käsekulturen bei Agroscope in Liebefeld bei Bern. Ende November 2018 unterzeichneten Milchbranche und Bund die Verträge zum Public Private Partnership (PPP). Damit wird unter anderem die Kulturen-Produktion gemeinsam betrieben. Die für Schweizer Käse enorm wichtige Arbeit ist somit gesichert.

Die Bakterien-Kulturen werden benötigt, um Käse zu produzieren. Sie werden der Milch zugesetzt und wandeln Milchzucker in Milchsäure um. Die Gärung und Reifung ist ein zentrales Element der Käse-Produktion. Agroscope hat rund 100 Jahre Erfahrung in der Herstellung der Kulturen, die nur innerhalb der Schweiz verkauft werden dürfen. Damit wird verhindert, dass die Schweizer Käsebranche durch die hierzulande hergestellte Kulturen konkurrenziert wird.

90'000 Kulturen in Flüssigform und 115'000 in Pulverform werden pro Jahr verkauft. Wobei für qualitativ hochwertigen Käse die flüssige Form bedeutend ist. Der grösste Teil der Kulturen, der von der Liebefelder Kulturen AG vertrieben wird, ist in Bio-Qualität. Dabei wird auf Booster - also praktisch Doping für Bakterien - verzichtet. Das hebt die Kulturen qualitativ von der Konkurrenz ab. Die Konkurrenz liegt im Ausland, besonders in Dänemark, wo deutlich höhere Produktions-Kapazitäten bestehen.

Durch den Swissness-Vorteil und die jahrelange Erfahrung und Qualität können sich die Liebefelder Kulturen trotz höheren Preisen behaupten. Und wer AOP-Käse herstellen will, muss gemäss Pflichtenheft die Schweizer Bakterien-Kulturen nützen

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