24.06.2019 13:30
Quelle: schweizerbauer.ch - Adrian Haldimann
Agrarpolitik
«Milchmarkt: Müssen neue Wege finden»
Meisterlandwirt Martin Haab aus Mettmenstetten ZH spricht über neue Wege, um im Milchmarkt Ordnung zu schaffen. Er sagt, was er von Landschaftsqualitätsbeiträgen hält und weshalb er für ein Gentech-Moratorium einsteht.

«Schweizer Bauer»: Sie sind seit gut zwei Wochen im Nationalrat. Welchen Moment, abgesehen von Ihrer Vereidigung zum Auftakt der Sommersession, werden Sie nicht mehr vergessen?
Martin Haab: Ein Highlight war die Debatte zum Zitzenverschliessverbot an Viehschauen. Ich habe spontan und unvorbereitet eine Kurzbotschaft mit einer Frage präsentiert. Das war für mich am dritten Tag im Nationalrat eine Premiere.

Weshalb waren Sie gegen ein Verbot?
Mir geht es gegen den Strich, wenn eine grüne Politikerin, die nichts von Landwirtschaft versteht und vermutlich noch nie in ihrem Leben mit Kühen gearbeitet hat, uns Landwirten vorschreiben will, wie wir mit Kühen an Ausstellungen umzugehen haben.

Auf Ihrer Homepage steht die Redewendung «Melke Kühe, nicht die Bürger». Geben Sie mir ein Beispiel, wie Sie als Nationalrat die Bürger finanziell entlasten wollen.
Viele Personen kritisieren immer wieder die Direktzahlungen in der Landwirtschaft. Ich bin der Letzte, der nach mehr Direktzahlungen schreit, und behaupte, dass in der Landwirtschaft einige Direktzahlungen für völligen Blödsinn vernichtet werden. Das Geld bliebe besser bei den Steuerzahlern oder würde in den Topf der Versorgungssicherheitsbeiträge umgeleitet.

Welche Direktzahlungsbeiträge meinen Sie?
Etwa Landschaftsqualitätsbeiträge: Hat sich etwas in der Landschaft wegen diesem Wohlfühlprogramm verändert, obschon Millionen von Franken dafür ausgegeben werden? Ich behaupte nein. Einzig die Büros für Öko- und Umweltplanung hatten und haben Hochkonjunktur.

Was wäre, wenn solche Beiträge gekürzt würden?
Das Problem ist folgendes: Sobald über weniger Direktzahlungen diskutiert wird, ginge es in den meisten Fällen auf Kosten der produzierenden Landwirtschaft. Da bin ich klar dagegen.

Als innovativer Landwirt waren Sie dem Fortschritt nie abgeneigt. Wie stehen Sie gentechnischen Verfahren wie etwa Crispr/Cas gegenüber?
Ich erachte den Nutzen solcher Verfahren in der Tierzucht und im Pflanzenbau als noch zu gering. Ich kenne die internationale Landwirtschaft und erlebte etwa in den USA die Gentechnik im Pflanzenbau hautnah mit. Trotz weniger Pflanzenschutzmitteln und grösseren Erträgen bei Soja oder Mais  stelle ich fest, dass kein Landwirt damit mehr verdient. Mit einem Gentech-Moratorium können wir uns vom Weltmarkt abheben und dafür stehe ich ein. Fakt ist auch, dass unser Stimmvolk Gentechnik und ähnliche Verfahren nicht will. Deshalb gilt im Moment: Finger weg!

Stichwort Milchmarkt. Wie wollen Sie im Parlament für einen fairen Milchpreis kämpfen?
Mehrere Motionen und Standesinitiativen blieben in den vergangenen Jahren erfolglos. Mit ihnen wurde versucht, im Milchmarkt Ordnung zu schaffen. Das Thema Milch ist im Parlament ein sehr schwieriges Unterfangen. Wir müssen neue Wege finden.

Was meinen Sie?
Ich beobachte im Ausland links-grüne Allianzen. Solche sind auch bei uns denkbar. Vernünftige Personen und diejenigen, die aus der Vergangenheit etwas gelernt haben, erkennen, dass man die Milchmenge regulieren muss. Denn es haben alle das gleiche Problem: Es wird zu viel Milch produziert, und mit den Überschüssen werden in Drittweltländern die Märkte auch noch kaputt gemacht. Wenn wir Lösungen zugunsten von einem fairen Milchpreis finden wollen, dann müssen wir über die produzierte Milchmenge diskutieren.

Wie wollen Sie das in der Praxis umsetzen?
Die A-Milch-Menge muss für jeden Milchproduzenten ausgewiesen werden. Die Segmentierung ist auf Stufe Produzent/Erstmilchkäufer umzusetzen. Jeder hat dann die unternehmerische Freiheit zu entscheiden, ob er mehr Milch zu tieferen Preisen melken will oder nicht. Ich bin überzeugt, dass kein Produzent wissentlich für 19 Rappen pro Kilo Milch abliefern würde.

Ist Ihr Lösungsvorschlag umsetzbar?
Wir müssen für eine Segmentierung auf Stufe Produzent/Erstmilchkäufern nicht einmal das Gesetz, sondern nur die Verordnung ändern. Wir sind seit zehn Jahren wegen tiefer Milchpreise im Elend. Deshalb müssen wir diesen unkonventionellen und schwierigen Lösungsvorschlag angehen. Eine Umsetzung ist möglich.

Zur Person

Martin Haab, 57-jährig und Meisterlandwirt aus Mettmenstetten ZH, bewirtschaftet zusammen mit seinem Sohn Dominic einen Milchwirtschaftsbetrieb mit rund 70 Kühen der Rassen Brown Swiss und Jersey. Als Präsident der Milchbauern-Basisorganisation BIG-M ist er seit 2005 als Kämpfer für einen fairen Milchpreis bekannt. Der Milchstreik im Jahr 2008 mit dem entstandenen Rummel um seine Person war die Geburtsstunde seiner politischen Aktivität. Bei den Nationalratswahlen 2015 landete er auf dem ersten Ersatzplatz. Zu Beginn der laufenden Sommersession ersetzte er Natalie Rickli, die in den Regierungsrat gewählt worden war. hal

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