Freitag, 4. Dezember 2020
11.11.2018 07:15
Landesstreik

Not führt zu Streik

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Von: sda

«Der Landesstreik vom 12. bis 14. November 1918 war ein grosser Schritt zur sozialen Partnerschaft, wie sie in der Schweiz heute etabliert ist», sagt der Historiker Bernard Degen. Doch zunächst hatte der Landesstreik zum Ende des Ersten Weltkrieges der Schweiz ihre schwerste innenpolitische Krise seit Gründung des Bundesstaates 1848 beschert.

250’000 Arbeiterinnen und Arbeiter folgten dem Streikaufruf des Oltener Aktionskomitees unter Führung des SP-Mitglieds, Marxisten und Redaktors Robert Grimm und legten die Arbeit nieder.

Sie forderten die Einführung einer AHV, das Frauenstimmrecht und die 48-Stunden-Woche. Weiter sollte unter anderem die Lebensmittelversorgung verbessert werden.

Aus purer Not

Hintergrund war die Not der Bevölkerung nach mehr als vier Jahren Krieg, da die Lebensmittel und Rohstoffe über den Markt besorgt werden mussten und sehr teuer waren, wie Degen im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda sagt. «Die ärmere Bevölkerung hatte zu wenig zu essen.» Degen forscht an der Universität Basel zur Schweizer Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Die Rationierung und Sicherstellung der Grundversorgung der Bevölkerung war erst 1918 durch die Landesregierung eingeleitet worden – «viel zu spät».

Im Zweiten Weltkrieg dagegen habe der Bundesrat von Anfang an die Grundversorgung der Bevölkerung und Rationierungen organisiert. «Zwar gab es zum Ende Engpässe, aber sie waren niemals so schlimm wie im Ersten Weltkrieg», sagt Degen.

In der Kriegswirtschaft wurden zudem soziale Elemente eingebaut. Der Bund führte eine Lohn- und Verdienstausfallordnung für die Soldaten ein, um den Lohnausfall abzusichern. «In den Dokumenten dazu findet man den Hinweis, dass der Bund so einen Landesstreik verhindern wollte», sagt Degen.

Der Erwerbsersatz für Soldaten wurde nach dem Krieg weitergeführt und ist heute in der Erwerbsersatzordnung (EO) für Militärdienstleistende geregelt. Es ist dieselbe Kasse, aus der auch die Mutterschaftsversicherung gezahlt wird. «Im Ersten Weltkrieg wurden die Soldaten eingezogen ohne Entschädigung. Ihr Lohn fiel einfach weg.»

Soldatenkasse Basis für AHV

Die Lohn- und Verdienstausfallversicherung sei auch die Basis für die spätere AHV gewesen, sagt Degen. Die AHV wurde erst 1947 eingeführt – fast 30 Jahre nach dem Landesstreik. «Doch schon 1925 wurde der Verfassungsartikel dafür verabschiedet.»

Degen wertet dies als Erfolg des Landesstreiks. Besonders rasch ging es mit der Abschaffung der 59-Stunden-Woche: Nur ein halbes Jahr nach dem Ende des Landesstreiks beschloss der Nationalrat einstimmig die 48-Stunden-Woche.

«Die Machtelite des Landes hat ihre Schlüsse aus dem Streik gezogen und diese auch so kommuniziert», sagt Degen. «Einige hat der Streik genügend eingeschüchtert oder sie waren intelligent genug, um den anderen zu erklären: Jetzt müssen wir Reformen anpacken für die Bevölkerung, wollen wir soziale Unrast vermeiden.»

Radikale Deutschschweiz

Der Generalstreik wurde in der Deutschschweiz und im Tessin stark befolgt. Westschweizer und ländliche Gewerkschaften dagegen hielten Abstand. Einige revolutionäre städtische Gewerkschaften wiederum hielten das aus Schweizerischem Gewerkschaftsbund und SP begründete Oltener Aktionskomitee für nicht radikal genug. Bürgerliche hingegen hielten die Mitglieder für Leninisten.

Nach drei Tagen Streik beschloss die Streikführung den Abbruch, «weil sie fürchtete, die Armee würde auf die Streikenden schiessen, obwohl der Streik legal war», sagt Degen.

Eigentlich sei der Streik ruhig verlaufen: «Die Eisenbahn stand still und niemand arbeitete. Stattdessen zogen die Arbeiter ihre besten Kleider an und marschierten diszipliniert durch die Städte.»

Soldaten gegen Arbeiter

Doch der Bundesrat hatte Soldaten geschickt und einen Tag vor Streikbeginn die Eisenbahn dem Militär unterstellt. Nun machten sich streikende Eisenbahner der Meuterei schuldig.

Auf dieser Basis wurde gegen 3500 Eisenbahner ein Verfahren eröffnet, 147 wurden verurteilt. Und die Anführer des Oltener Komitees wurden in einem Militärprozess der Anstiftung zur Meuterei angeklagt. Vier Streikführer wurden zu maximal einem halben Jahr Gefängnis verurteilt.

In Grenchen wurden drei Uhrmacher erschossen – nach Abbruch des Streiks. Der überforderte Kommandant hatte Schiessbefehl erteilt. Und in Zürich starb ein Soldat während Zusammenstössen unter bis heute ungeklärten Umständen. Der damalige Kommandant in Zürich war später einer der bekanntesten Schweizer Nationalsozialisten.

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