28.09.2015 09:06
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann, Samuel Krähenbühl
Milchmarkt
«Nur Milchmarkt öffnen ist kritisch»
Bei einer vollständigen Öffnung des Milchmarktes sinkt die Produktion in der Schweiz ohne Begleitmassnahmen um 20 bis 30%. Das hat ETH-Agronom Matteo Aepli berechnet. Eine sektorielle Öffnung kritisiert er.

«Schweizer Bauer»: Stimmt es, dass Sie an der Klausur der Branchenorganisation Milch (BOM) bei einer vollständigen Grenzöffnung bei der Milch einen Rückgang der Milchproduktion von 3,5 Millionen Tonnen auf nur noch rund 2,4 bis 2,9 Millionen Tonnen prognostiziert haben?
Matteo Aepli: Ja, das stimmt so.

Welche Annahme haben Sie dabei getroffen?
Ich gehe davon aus, dass bei einer vollständigen Liberalisierung des Agrarmarktes mit der EU oder mit den USA und der EU zugleich die Milchproduktion ohne Begleitmassnahmen um 20 bis 30 Prozent sinkt. Unsere Prognosen haben ergeben, dass der Durchschnittsmilchpreis bei einer Öffnung in einigen Jahren im Bereich von 40 bis 45 Rappen liegen könnte inklusive des Swissnesszuschlags von 10 Prozent. Wird der Preis etwas höher sein, fällt der Produktionsrückgang etwas kleiner aus und umgekehrt. Selbstverständlich spielen da auch der Wechselkurs und allfällige Begleitmassnahmen eine Rolle. Andere Analysen gehen von etwas mehr oder weniger Rückgang aus. Ich möchte damit jedoch auch sagen, dass wir uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht allzu stark auf die Frage fokussieren sollten, wie gross der Rückgang tatsächlich sein wird. Das bringt uns nicht weiter. Vielmehr sollten wir uns überlegen, mit welchen Strategien wir dieser Herausforderung begegnen, sodass wir zum entsprechenden Zeitpunkt gut vorbereitet sind.

Welche Segmente des Milchmarktes kämen denn bei einer Marktöffnung am stärksten unter Druck? 
Das ist vor allem der Commodity-Bereich: Butter, Rahm und Milchpulver.

Warum gerade diese Bereiche?
Es gibt zwei wichtige Aspekte, die hier beachtet werden müssen. Einerseits haben wir bei Butter und Milchpulver wie auch bei einzelnen anderen Milchprodukten einen sehr restriktiven Grenzschutz mit Teilzollkontingenten. Die Konsequenz dieses Schutzmechanismus sind hohe Preise im Vergleich zum Ausland. Bei Butter ist die Preisdifferenz besonders gross. Bei einer Öffnung wird bei den Commodities deshalb der grösste Preisdruck zu erwarten sein. Anderseits sind solche Produkte verhältnismässig schwer zu positionieren d.h. der Preis ist entscheidend. Bei Produkten mit einer höheren Verarbeitungstiefe lässt sich eine Positionierung über eine starke Marke besser umsetzen. Der Preisdruck wird dort geringer ausfallen, das Preisniveau nicht so stark sinken.

In den letzten Jahren stellten viele Milchproduzenten auf Mutterkühe um. Könnte sich dieser Trend bei einer sektoriellen Marktöffnung bei der Milch noch verstärken?
Eine weitere sektorielle Öffnung des Milchmarktes ist aus ökonomischer Perspektive als kritisch zu beurteilen. Die Problematik ist, dass der Fleischsektor immer noch stark von den internationalen Entwicklungen abgeschottet ist, die Preise deshalb verhältnismässig hoch sind. Eine alleinige Öffnung der weissen Linie hätte zur Folge, dass das Preisverhältnis Milch zu Fleisch sich weiter in Richtung Fleisch verschiebt. Die Fleischproduktion und dabei besonders die Mutterkuhhaltung werden dabei nochmals attraktiver gemacht alleine aufgrund der unterschiedlichen Intensität des Grenzschutzes. Das kann in der Landwirtschaft zu Fehlentscheiden bei Investitionen führen angesichts der Tatsache, dass auch der Fleischmarkt mittel- bis langfristig mit einer Öffnung konfrontiert sein wird und auch dort die Preise dann stark unter Druck geraten werden. Aus Sicht der Milchproduktion ist somit eine Gesamtöffnung der sektoriellen Öffnung klar vorzuziehen. Bei einer Gesamtöffnung sinkt die Milchproduktion in der Schweiz weniger stark als bei einer sektoriellen Öffnung, da die Alternativen für die Betriebe weniger attraktiv sind.

Aber bei Milch ist die Schweiz näher am Preisniveau der Nachbarländer als bei Fleisch. 
Im Durchschnitt ja. Das ist auch eine Folge der Öffnung des Käsemarktes resp. des immer noch sehr restriktiven Grenzschutzes beim Fleisch. Wir haben aber auch bei der weissen Linie wie z.B. bei Butter momentan hohe Preisdifferenzen von bis zu 100 Prozent, nicht zuletzt auch bedingt durch den Wechselkurs. Beim Fleisch sind die Differenzen im Durchschnitt bei 100 bis 200 Prozent auf Stufe Produzentenpreise wie auch Konsumentenpreise.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE