9.06.2017 11:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Martin Raaflaub
Freihandel
«Preis für Landwirtschaft nicht zu hoch»
Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann erklärt im Interview, was heute der Hauptgrund für den Agrarschutz in Europa ist und weshalb die Selbstbestimmung gefährdet ist, wenn man den Aussenhandel rücksichtslos liberalisiert.

«Schweizer Bauer»: Sie sagen, dass Grenzschutz für die Landwirtschaft seit 150 Jahren weltweit die Regel und nicht die Ausnahme ist.
Tobias Straumann: Richtig. Es gibt heute kaum europäische Länder, die ihre Landwirtschaft nicht in irgendeiner Weise schützen. Begonnen hat alles im späten 19. Jahrhundert, als die USA ihr billiges Getreide in grossem Stil exportierten. Damals ging es hauptsächlich darum, die damals noch zahlreichen Arbeitsplätze in der Landwirtschaft zu schützen. Die Versorgungssicherheit trat erst während dem 1. Weltkrieg in den Vordergrund. Die Transportkosten sind heute sogar noch niedriger als vor 150 Jahren, und die amerikanische Landwirtschaft ist nach wie vor viel produktiver als die schweizerische. Es hat sich also wenig geändert seither.

Welches ist heute der überwiegende Grund für den Agrarschutz in Europa – die Versorgungssicherheit oder der Schutz der Agrarbranche?
In der Nachkriegszeit überwog klar das Motiv der Versorgungssicherheit, geprägt durch die Kriegserfahrung. In der jüngsten Zeit ist das nicht mehr so klar. Da ein Krieg innerhalb von Europa und damit geschlossene Grenzen nicht mehr so wahrscheinlich sind, vermute ich, dass die Landesversorgung in den Köpfen der Schweizer etwas an Bedeutung eingebüsst hat und dafür der Schutz von Landwirtschaft und Lebensmittelbranche wieder wichtiger wird. Trotzdem: Auch wenn Experten argumentieren, dass die Nahrungsmittelimporte aus europäischen Nachbarländern selbst in Krisenzeiten möglich sein werden: Eine Mehrheit fühlt sich sicherer, wenn mindestens ein Teil der Versorgung vom eigenen Boden kommt. Auch die Psychologie, das Gefühl von Sicherheit, ist eine Realität.

Die Landesversorgung zu sichern gilt als valabler Grund für den Agrarschutz. Zölle erheben, um eine Branche zu schützen, gilt dagegen als kurzsichtig. Sehen Sie das auch so?
Grundsätzlich ist es für ein kleines Land wie die Schweiz wichtig, dass wir auf der Welt offene Märkte haben. Ich habe aber durchaus Verständnis dafür, dass gewisse Länder in bestimmten historischen Phasen versucht haben, einzelne Branchen zu schützen. Ich kann auch verstehen, dass Länder wie die Schweiz ihre Landwirtschaft teilweise abschirmen, nicht nur weil sie Landesversorgung sichern wollen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die Produktion von Lebensmitteln ist nun mal nicht dasselbe wie die Produktion von Schuhen oder Schrauben. Die seit Jahren grosse Akzeptanz für das gesamte Massnahmenspektrum der Agrarstützung zeigt ausserdem, dass es der Schweizer Bevölkerung wichtig ist, Nahrungsmittel kaufen zu können, die in der Nähe produziert wurden, nach unseren Standards und von unseren Bauern. Offenbar finden die meisten immer noch, dass der Preis, den sie für eine eigenständige Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion zahlen, nicht zu hoch ist.

Geht es auch darum, die Standards und Produktionsbedingungen für die eigene Nahrungsmittelversorgung selber bestimmen zu können?
Das ist der Kern des Problems, mit dem zur Zeit viele Länder zu kämpfen haben. Demokratie und nationale Selbstbestimmung kommen unter die Räder, wenn man den Aussenhandel rücksichtslos liberalisiert. Ich meine, dass die Bevölkerung eines Landes das Recht haben soll, an eigenen Regeln und Standards für die eigene Nahrungsmittelproduktion festzuhalten, auch wenn dies den Bedürfnissen einer globalisierten Wirtschaft nicht in allen Teilen entspricht. Wichtig ist, dass man sich nicht völlig abschottet, sondern immer wieder die Balance zwischen Öffnung und Steuerung der Grenzen neu austariert.

Zur Person

Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker. Er ist heute Titularprofessor an der Universität Zürich und Lehrbeauftragter an der Universität Basel. Sein Forschungsinteresse gilt vor allem der europäischen Geld- und Finanzgeschichte und der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte sowie der Geschichte der Wirtschaftspolitik. mra

 

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