4.03.2018 06:05
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Banken
Raiffeisen: Das sagt Urs Schneider
Die Raiffeisen Schweiz AG steckt in Turbulenzen. Urs Schneider, stellvertretender Direktor des Schweizer Bauernverbands, ist seit 2008 Verwaltungsrat der Raiffeisen Schweiz AG. Er nimmt Stellung zum Vorwurf, der Verwaltungsrat sei nicht eben stark gewesen.

Seit Oktober führt die Finanzmarktaufsicht (Finma) eine Untersuchung gegen die Raiffeisen Schweiz AG. Es geht um die Grundsätze der Unternehmensführung. Diese Woche wurde Pierin Vincenz, bis 2015 langjähriger Chef von Raiffeisen Schweiz, zuhause verhaftet. Vorgeworfen wird ihm ungetreue Geschäftsbesorgung. 

Frontrunning

Vorangegangen war eine Strafanzeige der Aduno-Gruppe, bei welcher die Raiffeisen Schweiz der grösste Aktionär ist und Vincenz Verwaltungsratspräsident ist.

Der Blog "insideparadeplatz.ch" wirft Vincenz unter anderem sogenanntes Frontrunning bei der Akquisition der Commtrain Card Solutions vor, d.h. er soll sich vorab an Commtrain privat beteiligt haben und beim Kauf private Gewinne eingestrichen haben, ohne dass er die anderen Aduno-Verantwortlichen darüber informierte. Vincenz bestreitet die Vorwürfe, für ihn gilt die Unschuldsvermutung. 

Wie stark oder schwach ist der Verwaltungsrat?  

Bankenprofessor Maurice Pedergnana ist in einem Interview auf www.bernerzeitung.ch dem Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz scharf an den Karren gefahren. Er sagte: «Wir haben es dort mit einem schwachen Verwaltungsrat zu tun. Er besteht aus Leuten, die bestenfalls eine kleine Bank geführt haben oder über keinerlei Führungserfahrung im Bankgeschäft verfügen. Von diesen Leuten dürfen Sie keine professionelle Bewertung erwarten, wenn es um Übernahme- und Beteiligungsgeschäfte geht, die Raiffeisen jetzt in die Bredouille bringen. Unter solchen Voraussetzungen kann die Mechanik für eine gute Unternehmensführung schlicht nicht funktionieren.» 

Was sagt Raiffeisen-Verwaltungsrat Urs Schneider dazu? Auf Anfrage der «Schweizer Bauer» teilte Schneider mit: «Der Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz ist kein Ja-Sager-Gremium. Vor Entscheiden wird hinterfragt und hart diskutiert. Es ist viel Kompetenz im Verwaltungsrat. Und was wichtig ist, ein Bezug zur Basis, das heisst den Raiffeisenbanken Genossenschaften, ist vorhanden. Ich bin seit vielen Jahren bei einer Raiffeisenbank und im Regionalverband engagiert.»  

Machen die Zukäufe Sinn? 

Raiffeisen Schweiz hat unter Pierin Vincenz zahlreiche Firmen dazugekauft, im Bereich vermögende Privatkunden z. B. die Bank Notenstein (ehemals Bank Wegelin), die auch im Ausland in teilweise suspekten Märkten Kunden betreute, hat sich in der Vermögensverwaltung für Institutionen (Asset Management) engagiert, hat sich an zahlreichen Firmen beteiligt oder sie erworben: Aduno, Commtrain, Eurokaution.

Wie passen diese Art von Geschäften zum typischen Raiffeisen-Kunden, zum Landwirten, zum Angestellten, zum KMU-Unternehmer, der vor allem Geld auf die Seite legt und eine Hypothek für Wohneigentum will? Das sagt Raiffeisen-Verwaltungsrat Urs Schneider dazu: «Im Zuge der Diversifikationsstrategie wurden in der Vergangenheit Kooperationen mit Beteiligungen unterlegt. Das mag aus früherer Sicht Sinn gemacht haben. Die Systemrelevanz und veränderte Anforderungen an die Governance haben dazu geführt, dass Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz - schon vor den aktuellen Ereignissen - entschieden haben, eine Entflechtung zwischen Kooperationen und Beteiligungen vorzunehmen. Diese Trennung ist weit fortgeschritten. Die sinnvollen Kooperationen funktionieren auch auf vertraglicher Basis. Die neuen Geschäftsfelder entsprechen einem Kundenbedürfnis und es macht Sinn, dass Raiffeisen zum Beispiel auch im Firmenkundengeschäft aktiv ist. Raiffeisen hat dabei sein Kerngeschäft, das Hypothekargeschäft, nie vernachlässigt.»

Raiffeisen Schweiz AG   

Die Raiffeisenbanken sind in Raiffeisen Schweiz zusammengeschlossen. Diese koordiniert die Aktivitäten der Gruppe und schafft Rahmenbedingungen für die Geschäftstätigkeit der örtlichen Raiffeisenbanken (beispielsweise IT, Infrastruktur, Refinanzierung), berät und unterstützt die Raiffeisenbanken in sämtlichen Belangen. Weiter gehören das Risikomanagement und die Kontrolle zu den Aufgaben von Raiffeisen Schweiz. Die Führungsverantwortung bleibt aufgrund des föderalistischen Aufbaus bei den Raiffeisenbanken.

Diese Organisationsform macht es möglich, als Gruppe eine gemeinsame Strategie zu verfolgen und gleichzeitig als einzelne Bank den lokalen Gegebenheiten vor Ort Rechnung zu tragen. Der solidarische Zusammenschluss der Raiffeisenbanken zeigt sich auch in der gegenseitigen Haftung im Rahmen der Raiffeisen Gruppe. Das bedeutet für die Kunden eine hohe Sicherheit. 
Quelle: www.raiffeisen.ch 

Was tut Raiffeisen für ihren Ruf? 

Viele Raiffeisen-Kunden sind angesichts von Schlagzeilen wie «Untersuchungshaft für Pierin Vincenz» verunsichert. Wie will die Raiffeisen ihren guten Ruf bei Kleinsparern und KMU wieder herstellen?

Dazu sagt Urs Schneider: «Die Ereignisse rund um Pieren Vincenz sind natürlich nicht gut. Die Wahrnehmung des einzelnen Mitglieds und Kunden von Raiffeisen läuft aber vor allem über die örtliche Raiffeisenbank. Ich denke, das Vertrauen in diese ist ungebrochen, da hilft uns die dezentrale Struktur sehr. Eine rasche lückenlose Aufklärung zu Geschehnisse wird helfen, verlorenes Vertrauen wieder zurück zu gewinnen.»

Der Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz 

  • Johannes Rüegg Sturm (Präsident), Ordentlicher Professor für Organization Studies an der Universität St. Gallen  
  • Philippe Moeschinger, Generaldirektor der Comptoir Immobilier SA 
  • Rita Fuhrer, alt Regierungsrätin (SVP, ZH) 
  • Angelo Jelmini, Stadtrat der Stadt Lugano, Mitinhaber eines Rechtsanwalts- und Notariatsbüros 
  • Daniel Lüscher, Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisenbank Aarau-Lenzburg
  • Olivier Roussy, Gründer und Verwalter der Major Invest AG, Vermögensverwaltung/Finanz Consulting
  • Urs Schneider, stellvertretender Direktor und Geschäftsleitungsmitglied des Schweizer Bauernverbandes 
  • Franco Taisch, Unternehmer und nebenamtlicher ordentlicher Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Luzern 
  • Edgar Wohlhauser, Partner der BDO AG
  • Werner Zollinger, VR-Präsident und Inhaber der ProjectGo AG 
  • Laurence de la Serna, Geschäftsführerin der Jean Gallay S.A. 
  • Pascal Gantenbein, Ordentlicher Professor für Finanzmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel  

Entschädigung für Verwaltungsräte laut Geschäftsbericht 2016: Die 2016 amtierenden Mitglieder des Verwaltungsrats von Raiffeisen Schweiz erhielten für das Berichtsjahr eine Entschädigung von gesamthaft 1'678'400 Franken.

In der Entschädigung sind alle Zulagen und Sitzungsgelder enthalten. Die höchste Einzelgesamtentschädigung entfällt auf den Verwaltungsratspräsidenten Prof. Dr. Johannes Rüegg-Stürm im Umfang von 478'800 Franken. Die Mitglieder des Verwaltungsrats erhalten keine variable Vergütung im Sinne einer Erfolgsbeteiligung. Zusätzlich beträgt die Gesamtheit der Sozialleistungen für die Mitglieder des Verwaltungsrats 374'599 Franken.

 

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