15.08.2018 06:12
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Dürre
"SBV soll Basis ernst nehmen"
Markus Baumann ist Berglandwirt aus Wassen UR und führt einen Milchviehbetrieb mit Aufzucht und Schafhaltung. Im Interview sagt er, was er sich in künftigen Dürreperioden vom Schweizer Bauernverband (SBV) wünscht.

«Schweizer Bauer»: Sie werfen dem Schweizer Bauernverband vor, er habe die Dürreperiode «verschlafen». Wie meinen Sie das? 
Markus Baumann: Der Bauernverband hat die Trockenheit nicht ernst genommen. Der Präsident des Bündner Bauernverbandes, Thomas Roffler, hat bereits anfangs Juli auf die Problematik hingewiesen. Roffler ist ein Profi. Absolut kompetent. Er wohnt selbst in einem Gebiet, das oft mit Trockenheit zu kämpfen hat. Es ist unverständlich, dass seine Aussagen vom Schweizer Bauernverband, insbesondere deren Mediensprecherin Sandra Helfenstein, nicht ernst genommen und sogar kritisiert wurden.

Was hätte der SBV aus Ihrer Sicht denn tun sollen? 
Aufgrund der Kenntnisse von Anfang Juni und den Langzeit-Wetterprognosen hätte der SBV mit der Proviande (Branchenorganisation der Fleischwirtschaft) Kontakt aufnehmen müssen. Der SBV hätte gemeinsam mit Proviande dafür sorgen müssen, dass weniger Importe freigegeben werden. Zudem hätte man die Schlachthöfe darauf sensibilisieren sollen, dass mehr Schlachtvieh geliefert werden wird. So hätte die Problematik, die wir nun haben, abgefedert werden können. Ausserdem hätte der SBV ihre Basis besser über die Trockenheit informieren müssen.

Was stört Sie am meisten?
Erstens, dass der Bauernverband Thomas Roffler als kompetente Fachperson aus der Basis nicht ernst genommen hat. Zweitens, dass der SBV seine Aufgabe, rechtzeitig und professionell zu informieren, nicht wahrgenommen hat. Der SBV zieht von den Bauern Beiträge ein. Im Gegenzug erwarten wir, dass er in einer solchen Extremsituation handelt, der Basis Handlungsempfehlungen abgibt und Marktpartner darüber informiert. Und drittens, dass die Proviande und der Endabnehmer jetzt in den Medien so schlecht dargestellt werden. Das sind sie nämlich nicht.

Wie meinen Sie das?
Die Schlachthöfe werden überrannt und der Andrang ist sehr gross. Wer verarbeitet denn jetzt in der Ferienzeit das ganze Fleisch?

Vor einer Woche hat Markus Ritter vor einer Katastrophe gewarnt. Am Freitag hat er die Abnehmer dazu aufgerufen, die Situation nicht auszunutzen. Was meinen Sie dazu?  
Das, was Markus Ritter macht, ist alles gut, aber drei Wochen zu spät. Was viele auch nicht beachten, selbst wenn es jetzt regnet, dauert es noch einmal drei Wochen, bis wieder etwas wächst. 

Vielleicht wollte der SBV auch dem Jammeri-Image der Bauern entgegenwirken, als er vor zwei Wochen die Folgen als insgesamt verkraftbar bezeichnete?
Am meisten jammert jetzt der Bauernverband. Die Bauern sind nicht am jammern, sondern versuchen jetzt das Beste daraus zu machen.

Was halten Sie von der Forderung, dass der Milchpreis um 5 Rp./kg steigen soll?  
Das wird der Abnehmer aus Solidarität zu den Landwirten selber machen. Der Bauernverband soll sich nicht einmischen und den SMP arbeiten lassen. Die grossen Fehler, die sie vor Jahren im Kampf um einen fairen Milchpreis gemacht haben, kann man jetzt nicht korrigieren.

Was erwarten Sie nun vom Bauernverband?
Dass er über die Bücher geht und seine Lehren daraus zieht. Der Bauernverband soll erklären, wieso er fast einen Monat benötigte um zu merken, dass draussen etwas nicht stimmt. Es interessiert mich auch, weshalb Praktiker nicht mehr angehört werden und wie es dazu kommen kann, dass der SBV so weit weg von seiner Basis ist. Wenn Profis aus der Praxis etwas melden, soll man sie wahrnehmen. Ich vermute, dass der SBV von den kantonalen Bauernverbänden noch einiges lernen kann und wird. Die Stärken des Lebens sind Fehler zuzugeben.

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