18.03.2019 06:33
Quelle: schweizerbauer.ch - awp
Brexit
Schweizer Unternehmen rüsten sich
Ein chaotischer Brexit wird immer wahrscheinlicher. Schweizer Firmen arbeiten zum Teil seit Monaten an Notfallplänen, haben Lager aufgestockt und neue Lieferanten gesucht - und bleiben nun relativ gelassen.

Am 29. März 2019 um Mitternacht erlischt nach aktuellem Stand die Mitgliedschaft Grossbritanniens in der Europäischen Union (EU). Doch zwei Wochen vor diesem Termin - und etwas tausend Tage nach dem Austrittsentscheid - gibt es immer noch keinen Deal über die Rahmenbedingungen. Die politische Debatte steht «in the eleventh hour» - es ist also quasi fünf vor zwölf.

Auch die Schweiz ist aufgrund der engen wirtschaftlichen Verflechtung vom Austritt der Insel aus der EU nachhaltig betroffen. Denn heute sind die Wirtschaftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich massgeblich über die bilateralen Abkommen der Schweiz mit der EU geregelt. Die Schweiz konnte aber - im Gegensatz zur EU - die zukünftige Beziehung zu Grossbritannien bereits mit mehreren Verträgen klären.

Auf einen Brexit gewappnet haben sich auch Schweizer Unternehmen. Sie haben in den letzten Monaten Notfall-Pläne geschmiedet. Dabei gestalten sich die Auswirkungen des Brexit für jede Branche unterschiedlich. Eine AWP-Umfrage bei börsenkotierten Gesellschaften zu den Massnahmen und möglichen Auswirkungen eines «hard Brexit», bringt aber eines zu Tage: Gross beunruhigen lässt sich kaum ein Firmenchef.

Staus an den Grenzen

Relativ direkt und stark von einem ungeregelten Austritt Grossbritanniens wären Logistikunternehmen betroffen, die im Auftrag ihrer Kunden den Transport von Gütern von A nach B organisieren und durchführen lassen. Wegen der ungewissen Lage dürften die Lastwagen aus Europa lange am Zoll im Stau stehen. Oft so lange, dass die Ware nicht rechtzeitig zu den britischen Abnehmern kommt.

Ceva Logistics etwa rechnet nicht in Stunden. Die Verzögerungen könnten potenziell «in die Tage» gehen, sagte das Unternehmen auf Anfrage. Ceva habe sich daher zusätzliche Lagerflächen gesichert, um bei Bedarf Reserven zu haben. Auch für die Zollabfertigung habe Ceva, das Unternehmen beschäftigt im Vereinigten Königreich 4'000 Mitarbeitende, zusätzliche Ressourcen bereitgestellt. Denn diese werden ohnehin erforderlich sein - unabhängig vom Ergebnis der Brexit-Verhandlungen.

Vorräte anlegen

Verschiedene Schweizer Pharmazulieferer betreiben Produktionsstandorte auf der Insel, oder beziehen Grund- und Zwischenprodukte aus Grossbritannien. Um einen Produktionsunterbruch zu vermeiden, haben die betroffenen Unternehmen Vorräte angelegt oder alternative Lieferanten gesucht.

Bei Lonza etwa stehen etwa 1'200 der insgesamt 15'500 Mitarbeitenden auf der britischen Lohnliste. Lonza hat in Grossbritannien auch Lieferanten. Ein «hard Brexit» würde Lonza während maximal zwei Monaten tangieren, sagte der frühere Konzernchef Richard Ridinger Ende Januar. «Wir sind darauf vorbereitet und die direkten Auswirkungen wären limitiert und überschaubar», sagte Ridinger.

Bachem beschäftigt 40 seiner mehr als 1000 Mitarbeitenden an einem UK-Standort. Ein ungeregelter Brexit würde dem Peptidhersteller Mehraufwand, Mehrkosten und Verzögerungen in der Lieferkette einbrocken, wie das Unternehmen auf Anfrage erklärte. Die Bubendorfer haben hat daher ihre Bezüge und Belieferungen intensiviert, um Engpässe auch über mehrere Monate abdecken zu können.

Siegfried hatte bisher einen wichtigen Lieferanten in Grossbritannien. Um möglichen Problemen zu entgehen, hat der Zofinger Pharmazulieferer einen zweiten Lieferanten für den betroffenen Rohstoff gesucht und gefunden. Ein harter Brexit treffe Siegfried daher nicht direkt.

Auszug aus UK

Auch in der Industrie hat man sich auf den Brexit vorbereitet. Der Hörgerätehersteller Sonova verlegt in den kommenden Monaten gewisse Dienstleistungen und Fertigungsaktivitäten aus dem britischen Werk Warrington nach Spanien und nach Vietnam, weil er nach dem Brexit Unterbrechungen in der Lieferkette befürchtet. Oder der Maschinenbauer Bucher Industries, der unter anderem Kanalreinigungsfahrzeuge in Grossbritannien verkauft, hat seine Lager aufgestockt.

Längst Vorbereitungen getroffen hat auch die Finanzindustrie, für die die City of London bisher das wichtigste Finanzzentrum der EU war. Sie hat einer Studie des Think Tanks New Financial zufolge bereits 1200 Milliarden Dollar Vermögen aus dem Vereinigten Königreich abgezogen. Und mehrere Tausend Beschäftigte ziehen um oder werden an den neuen Standorten eingestellt.

Auch die UBS hat im Hinblick auf den Brexit den Standort Frankfurt als Hub für das EU-Geschäft ausgebaut. Insgesamt werden wegen des Brexit aber weniger als 200 der gut 5000 Mitarbeiter von London wegtransferiert. Ein Teil davon geht aber auch nach Mailand und Paris.

Für die Credit Suisse wird London «in jedem Fall» ein wichtiger Standort bleiben. Aber auch bei der zweitgrössten Schweizer Bank werden andere Standorte wie Madrid, Frankfurt und Luxemburg an Bedeutung gewinnen. Mit konkreten Angaben hält sich die Credit Suisse allerdings zurück: Weder mögliche Kosten, die wegen des Brexit entstehen, noch eine Anzahl an betroffenen Mitarbeitern, die etwa aus London wegziehen müssten, werden benannt.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE