19.02.2017 08:23
Quelle: schweizerbauer.ch - Samuel Krähenbühl
Raumplanung
Städter sind angeblich rentabler
Landbewohner seien volkswirtschaftlich unrentabler als Menschen, die in Städten wohnen. Vom neoliberalen Think Tank ist man sich solches gewohnt. Nun behauptet das aber auch ganz offiziell ein Bundesamt.

«Peripher gelegene und wenig verdichtete Siedlungen verursachen höhere Infrastruktur- und Mobilitätskosten pro Person als zentral gelegene und verdichtete Siedlungen. Diese Kosten werden nicht vollumfänglich von denjenigen bezahlt, die sie verursachen, was einen Fehlanreiz darstellt.» Dieses Fazit zieht eine soeben publizierte Studie des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE). In akademischem Beamtendeutsch heisst dies etwa so viel: «Städter rentieren besser als Landbewohner. Und die Landeier sollen dafür gefälligst bezahlen.»

Bergtäler aufgeben

Damit schlägt nun sogar ein Bundesamt in eine Kerbe, in die so mancher neoliberaler Lobbyist schon geschlagen hat. Im vergangenen Sommer forderte Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig, dass abgelegene Bergtäler künftig bei der Fördermittelvergabe leer ausgehen sollen. Auch der neoliberale Think Tank forderte bereits mehrfach, dass der Staat in abgelegenen Gebieten nicht mehr investieren, sondern diese aufgeben soll.

Auch wenn sich diese wiederkehrenden Forderungen auf die ganze Bevölkerung von Randgebieten beziehen, sind damit insbesondere auch die Bauern gemeint. So hat Avenir Suisse im Buch «Der befreite Bauer» bereits 2006 nicht nur gefordert, dass Marktstützungen und Grenzschutz abgebaut, sondern auch, dass Alpen nicht mehr bestossen und Bergtäler unter Umständen ganz aufgegeben werden sollten.

Höchste Kosten beim Verkehr

Zurück zur neuen Studie des ARE: Hauptkritikpunkt sind die höheren Kosten für die Mobilität im ländlichen Raum. «Die höchsten Kosten entstehen beim Verkehr», heisst es. Insgesamt seien die Pro-Kopf-Folgekosten der Mobilität in ländlichen Gemeinden knapp doppelt so hoch wie in den Grosszentren. «In ländlichen Gemeinden legen die Menschen beispielsweise für das Einkaufen oder den Gang zum Arzt längere Wege zurück, und der öffentliche Verkehr wird aufgrund der vergleichsweise geringen Auslastung stärker subventioniert», heisst es.

Die Studie zieht folgendes Fazit: «Gelingt es, die Zersiedlung weiter einzuschränken und das zentrumsnahe und verdichtete Bauen zu fördern, so wirkt sich dies auch kostenmindernd auf Infrastrukturen und Mobilität aus.» Aber immerhin wird eingeräumt, dass die Studie nicht alle Dimensionen der volkswirtschaftlichen Kosten beinhaltet. «Die soziale Infrastruktur (Gesundheit, Polizei, Bildung, Kultur usw.) müsste ebenfalls betrachtet werden», heisst es konkret.

Sozialhilfe ausgeblendet

Diese Leerstelle in der Betrachtungsweise der unterschiedlichen volkswirtschaftlichen Kosten von Stadt und Land hat es allerdings in sich. Denn beispielsweise die Sozialquoten sind in den Städten sehr viel höher als auf dem Land. «Je grösser die Stadt, desto höher ist in der Regel die Sozialhilfequote.» Diese Faustregel nennt die Studie «Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe» der Berner Fachhochschule aus dem Jahr 2015. Die Stadt Biel ist mit einer Sozialhilfequote von um die 12 Prozent Spitzenreiterin.

Die Steuereinnahmen lagen im Jahr 2013  bei 137 Millionen, gleichzeitig frass die Sozialhilfe in Biel 107 Millionen oder 80 Prozent der Steuern auf. Dass die Stadt Biel deswegen nicht schon lange bankrott ging, liegt einzig daran, dass sie ihre Sozialhilfekosten über den ganzen Kanton Bern verteilen kann. Jeder Berner, also auch die in den viel gescholtenen abgelegenen Gemeinden, in denen es kaum Sozialfälle gibt, bezahlen den Bielern also ihre hohen Kosten für Sozialausgaben.

Zur ARE-Studie "Verdichtet und zentral bauen lohnt sich"

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