18.07.2018 11:04
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Pflanzenschutz
Umfrage: Geld von Chemie annehmen?
Die Trinkwasser-Initiative und die Pestizid-Verbots-Initiative geniessen beim Volk offenbar viel Kredit. Gemäss einer Umfrage sprechen sich 70 Prozent der Befragten für die beiden Begehren aus. Soll der Schweizer Bauernverband für eine Gegenkampagne Geld von der Agrochemie annehmen? Mitdiskutieren und abstimmen

Die Landwirtschaft wird in den kommenden Jahren das Stimmvolk beschäftigen. Am 23. September kommen die Fair-Food-Initiative und die Initiative für Ernährungssouveränität zur Abstimmung. Im November folgt die Hornkuh-Initiative.

Pestizide in Kritik

Erst später kommen die in diesem Jahr eingereichten Begehren an die Urne. Es sind dies die Trinkwasser-Initiative und die Pestizid-Verbots-Initiative. Die Trinkwasser-Initiative verlangt, dass nur noch Landwirtschaftsbetriebe Direktzahlungen erhalten, die auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verzichten, ihre Tiere ausschliesslich mit betriebseigenem Futter versorgen und keine Antibiotika prophylaktisch einsetzen. 

Die Pestizid-Verbots-Initiative will synthetische Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege verbieten. Verboten werden soll auch die Einfuhr von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mit Hilfe solcher Substanzen hergestellt worden sind.

Auch SVP-Sympathisanten dafür


Die Initiativen geniessen gemäss einer Umfrage in der Bevölkerung viel Zuspruch. Das Medienunternehmen Tamedia befragte dazu 14'900 Personen. Für den Bauernverband und die Landwirtschaft dürften die Resultate in dieser Deutlichkeit überraschend sein. 68 Prozent sprachen sich für die Trinkwasser-Initiative aus und sogar 72 Prozent für die Initiative gegen den Pestizideinsatz. 

Auch die Zustimmung nach Parteien gibt kein anderes Bild. Über 90 Prozent der Sympathisanten der SP und den Grünen sind dafür. Aber auch die Wähler von SVP und FDP wollen den Begehren zustimmen. Hier sagen 60 bis 66 Prozent sicher oder eher Ja zu den beiden Initiativen.

Fordert «Bioland Schweiz»

«Die breite Unterstützung könnte damit zu tun haben, dass die Forderungen sympathisch klingen und die Debatte über die Folgen der Initiativen noch nicht einmal ansatzweise begonnen hat», heisst es in den Zeitungen «Der Bund» und «Tages-Anzeiger». Diese Ergebnisse würden aber darauf hindeuten, dass die Initiativen Chancen haben könnten.

Die landwirtschaftlichen Verbände wie der Schweizer Bauernverband (SBV), der Schweizer Obstverband oder die Gemüseproduzenten lehnen die Initiativen strikte ab. Die Volksbegehren forderten faktisch ein «Bioland Schweiz» und würden die Produkte der Bauern massiv verteuern.

Bauern als Botschafter


Man müsse nun die Aufklärungsarbeit intensivieren, sagte SBV-Sprecherin Sandra Helfenstein zu «Schweizer Bauer». «Es muss uns gelingen, den Leuten aufzuzeigen, dass die Initiative nicht das bewirkt, was man auf den ersten Blick meint. Dabei werden die Bäuerinnen und Bauern als Botschafter wichtig sein», erklärt sie. 

Für eine Gegen-Kampagne werden finanzielle Mittel benötigt. Und hier sind die Verbände auch auf die Wirtschaft angewiesen. So könnte sich der genossenschaftlich organisierte Agrarkonzern Fenaco beteiligen. «Wir sind klar gegen die Initiative. Sie ist radikal und gefährdet die produzierende Schweizer Landwirtschaft», sagte Fenaco-Chef Martin Keller kürzlich zu «Schweizer Bauer».

Untergräbt Glaubwürdigkeit

Stark betroffen von einer Annahme der Initiative wäre auch die Agrochemie. Diese schreibt in einer Mitteilung: «Pflanzenschutzmittel gehören zu den am besten erforschten und geprüften Chemikalien. Sie sichern die Erträge und die Qualität des Ernteguts. Davon profitieren auch die Konsumenten. Gleichzeitig können potenziell gefährliche Kontaminationen, wie zum Beispiel durch Mykotoxinen (Pilzgifte) oder das Miternten giftiger Unkräuter verhindert werden.» Die Forderungen der Trinkwasser-Initiative seien unsachlich und ignorierten die Bedürfnisse der Landwirte wie der gesamten Bevölkerung, betont die Industriegruppe Agrar, die die Pflanzenschutzmittelhersteller vereint.

Der Bauernverband wird wegen der Trinkwasser-Initiative aktiv. Mit einem Brief werden mögliche Interessenten angeschrieben, einer Allianz gegen die Initiative beizutreten. «Zuerst geht es darum, wer mitmacht. Dann auch, wer Geld zur Verfügung stellt», sagt Helfenstein. Würde der Verband auch Geld Pflanzenschutzmittelhersteller einsetzen. «Auch das werden wir diskutieren», sagt sie. Wie Recherchen von «Schweizer Bauern zeigen, gibt es im Verband aber Stimmen, die Geld von Seiten der chemischen Industrie aus Glaubwürdigkeitsgründen ablehnen.

Wie denken Sie darüber? Soll der Verband Geld von der Agrochemie einsetzen? Braucht es so viel Unterstützung wie möglich? Oder würde sich eine Beteiligung der Pflanzenschutzmittelhersteller kontraproduktiv auswirken? Abstimmen und mitdiskutieren

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