18.10.2019 10:45
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen
Weinbau
«Unlauteres Handeln wegen Freihandel»
Der Präsident der Schweizerischen Vereinigung der selbsteinkellernden Weinbauern, Willy Cretegny, befindet sich im Hungerstreik. Er will damit auf die verzweifelte Lage der Winzer und der Natur aufmerksam machen.

«Schweizer Bauer»: Wie ist die aktuelle Situation auf dem Weinmarkt?
Willy Cretegny: Der Markt ist blockiert, die üblichen Käufer nehmen nicht einmal den von ihnen reservierten Wein. Viele von ihnen stornieren Bestellungen. Viele Winzer finden keinen Käufer für ihre Ernte. Ich bin seit 1995 im Bio-Landbau tätig, und trotzdem wird es immer schwieriger. Jungen Bio-Winzern droht die Aufgabe des Biolandbaues.

Was sind die direkten Auswirkungen der Marktsituation auf Ihr Unternehmen?
Jahr für Jahr haben wir mehr und mehr Mengen auf Lager. Diese Situation belastet die Liquidität. Meine Tochter hat ihren Job als Anwältin teilweise aufgegeben, um das Anwesen zu übernehmen. Sie tat es in dem Wissen, dass man viele Stunden arbeiten muss, aber heute arbeitet man fast Tag und Nacht für fast nichts.

Wie konnte es zu dieser Situation kommen?
Der Grund für diese Situation liegt vor allem bei den Politikern, weshalb ich sie in meinem Kampf ins Visier nehme. Der Schweizer Verbrauch ist in 30 Jahren um 40 Millionen Liter gesunken, ohne dass das Volumen der Importe zurückgegangen ist, sodass die Schweizer Produktion diesen Rückgang getragen hat. Andererseits sind wir täglich einem unlauteren Wettbewerb mit ausländischen Weinen ausgesetzt, da 40% der importierten Menge zu weniger als 1.50 Franken importiert werden. Könnten Sie es ertragen, wenn Ihr Kollege mit fünfmal weniger bezahlt würde als Sie?

Was sind denn Ihre Forderungen an die Politik? 
Alle Freihandelsabkommen führen zu unlauterem Handel. Wir erkennen die Notwendigkeit an, die Löhne zu schützen, aber wir entfernen Massnahmen, die die lokale Produktion schützen. So wird in der Schweiz bald nichts mehr produziert. Es ist eine Rechtsfrage, wir können nicht akzeptieren, dass wir Umwelt- und Sozialstandards einhalten und direkt mit Billigprodukten konkurrieren. Ich bin der Präsident der Schweizer Winzer, und wir haben bereits im Frühling dieses Jahres Alarm geschlagen. Dann gingen wir zu Bundesrat Guy Parmelin. Wir haben ihn um drei äusserst dringende Massnahmen gebeten.

Und die wären?
Erstens die Anpassung des Volumens der Importquote an den Rückgang des Verbrauchs, d.h. die Reduzierung auf 130 Millionen Liter. Zweitens Verteilen der Importquotenanteile nach den Vorteilen für die Produkte des Landes. Das bedeutet, dass Importrechte nur an Händler vergeben werden, die mit den Winzern des Landes zusammenarbeiten. Dies ist eine gesetzlich verankerte Möglichkeit, die durch einen einfachen Bundesratsbeschluss umgesetzt werden kann. Drittens wollen wir, dass die 5-Liter-Zollbefreiung auf 2 Liter reduziert wird.

Was für Reaktionen haben Sie auf die Ankündigung Ihres Hungerstreiks erhalten?
Herzlichen Glückwunsch und Ermutigung von Kunden, aber auch von meinen Kollegen. Ich stelle fest, dass viele Menschen die Behörden, die den Markt auf Kosten der lokalen Wirtschaft bevorzugen, nicht mehr verstehen.

Essen Sie gar nichts mehr?
Ich befinde mich in meinem sechsten Tag ohne Essen, ich trinke nur.

Wie lange werden Sie im Hungerstreik sein?
Ich weiss es noch nicht, es kommt auf die Ereignisse an.

Was ist, wenn es keine Reaktionen gibt und nichts passiert?
Diese Frage kann ich noch nicht beantworten.

Die Kantone Wallis, Waadt, Genf und Neuenburg baten Bundesrat Guy Parmelin Mitte September um Unterstützung bei einer nationalen Werbekampagne zur Förderung der Schweizer Weine. Seit mehreren Jahren und trotz grosser Anstrengungen der Industrie in der Produktion sinke der Marktanteil der Schweizer Weine stetig.

Er liege heute noch bei rund 35 Prozent des gesamten Weinkonsums in der Schweiz, schrieben die vier Westschweizer Weinkantone in einem Communiqué. Dies sei zu wenig, um einen ausgeglichenen Absatz der einheimischen Produktion sicherzustellen. Darüber hinaus bestehe ein Risiko für die Rentabilität der Betriebe und den Fortbestand des Schweizer Weinbaugebiets.

Die schwierige Lage, in der sich die Schweizer Weinwirtschaft befinde, erfordere starke Massnahmen vonseiten der öffentlichen Hand, heisst es in einem Schreiben an den Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Ausbildung und Forschung (WBF). Die Werbekampagne soll vom Branchenverband der Schweizer Reben und Weine (BSRW) geführt und vom Bund finanziell unterstützt werden. 

In der Romandie mit den Weinanbaugebieten in den Kantonen Wallis, Waadt, Genf und der Drei-Seen-Region befinden sich rund drei Viertel der Weinberge der Schweiz.

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