27.06.2018 13:33
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Freihandel
Wegen Agrarfreihandel: Industrieverband zerbricht
Die Ölmühlen, die Kartoffelverarbeiter und die Gemüseverarbeiter verlassen die Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien (Fial). Sie wollen sagen dürfen, dass sie den vollen Agrarfreihandel ablehnen.

Die Verarbeiter der sogenannten ersten Stufe verarbeiten Milch zu Butter und Milchpulver, Kartoffeln zu Pommes frites oder Fertigrösti, Getreide zu Mehl, Rapssamen zu Rapsöl und Früchte zu Konfitüre. Die zweite Stufe stellt beispielsweise aus Mehl und Butter Biskuits her oder aus Kakao und Milchpulver Schokolade. Die erste Stufe verarbeitet vor allem Schweizer Rohstoffe. Sie ist deshalb darauf angewiesen, dass  diese in genügender Menge und Qualität vorhanden sind.

Erste Stufe siehts anders

Wenn die Öffnung der Schweizer Agrarmärkte dazu führt, dass die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz stark sinkt, dann können Getreidemühlen, Ölmühlen, Kartoffelverarbeiter und Tiefkühlgemüseproduzenten ihre Anlagen hierzulande nicht mehr auslasten. Gibt es viel zu wenig Ware, müssen sie ganz schliessen. Denn ausländisches Getreide, ausländische Rapssamen, ausländische Milch werden in der Schweiz niemals im grossen Stil verarbeitet werden. Dafür ist der Standort Schweiz viel zu teuer.

Kadi-Chef Christof Lehmann machte kürzlich klar: Bei Agrarfreihandel mit der EU wird die Kartoffelverarbeiterin Kadi den Standort Langenthal schliessen und 180 Arbeitsplätze abbauen. Die zweite Verarbeitungsstufe hingegen ist vielfach exportorientiert, sie will hierzulande möglichst ebenso billige Rohstoffe wie im Ausland, und sie ist dabei auch bereit, Schweizer Qualität gegen ausländische Importware auszutauschen. Schweizer Schoggihersteller etwa drohen immer wieder damit, deutsches Milchpulver einzusetzen. Während es also sein könnte, dass grosse Teile der ersten Stufe bei Agrarfreihandel schliessen, streben weite Teile der zweiten Verarbeitungsstufe den Agrarfreihandel aktiv an.

Spannungen brechen aus

Nun sind die seit Jahren latenten Spannungen innerhalb der Fial offen ausgebrochen. Urs Reinhard, einer von drei Co-Geschäftsführern der Fial, schrieb im Januar in der Zeitschrift «Alimenta», dass die am 1.November 2017 publizierte Gesamtschau des Bundesrates zur Agrarpolitik «keine Ausgangslage für einen konstruktiven Dialog sei, wie der Bundesrat sich ihn wünscht». Es sei eine verpasste Chance, eine Gesamtschau zu präsentieren, die als mögliche künftige Szenarien einzig solche einer mehr oder weniger starken Marktöffnung enthalte.

«Für viele Betriebe der Landwirtschaft und für solche der ersten Verarbeitungsstufe stellt sich so bloss noch die Frage, ob sie eher früher oder später von der Bildfläche verschwinden», so Reinhard. Mit Bezug darauf titelte der «Schweizer Bauer» kurz darauf: «Auch die Verarbeiter verurteilen die Gesamtschau», denn Reinhard war im Text als Co-Geschäftsführer der Fial bezeichnet. Offenbar gab es daraufhin in der Fial Unruhe, und die freihandelsfreundlichen Branchenverbände setzten Anfang Februar die Publikation einer Medienmitteilung durch. Darin hiess es, die Fial begrüsse die Gesamtschau als Grundlage für die Diskussion, und es wurde betont, dass die Fial in einem immer noch gültigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 auch den Freihandel mit der EU im Agrar- und Lebensmittelsektor befürworte.

Swissolio

SwissOlio ist der Verband der Schweizer Hersteller von Speiseölen, Speisefetten und Margarinen. Er vereinigt 8 Unternehmen mit 520 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 510 Mio. Fr. Mitglieder des Verbandes sind die zwei grossen Ölmühlen Florin AG in Muttenz BL und Oleifico Sabo mit Sitz in Lugano und Produktionssätte in Horn TG. Mitglieder sind aber auch die Migros-Tochter Mibelle und Unilever Schweiz. sal

Folgen die Müller? 

Auf solche Art wollten sich die Fial-Mitgliedsverbände SwissOlio und die Swiss Convenience Food Association (SCFA) den Mund nicht mehr länger  verbieten lassen. Per Ende 2018 treten sie deshalb aus der Fial aus, vor allem, um die kritische Haltung zur Gesamtschau klar und eindeutig vertreten zu  können. Darüber informierte die Fial am Montag in einer internen Mitteilung. Möglich ist, dass andere Verbände, etwa der Dachverband Schweizerischer Müller (DSM), die Fial ebenfalls verlassen. Denn auch für sie gilt: Ohne Schweizer Ackerbau keine Mühlen.  

Convenience Food

Die Swiss Convenience Food Association (SCFA) vereinigt 24 Unternehmen mit 4800 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 1,8 Mrd. Fr. Mitglieder sind Migros-Tochter Bischofszell Nahrungsmittel, Fenaco-Tochter Frigemo, Givaudan, Hero, Hilcona (Tochter von Coop-Tochter Bell), Kadi AG, Nestlé Schweiz (wegen Tiefkühlprodukten), Orior AG, Ospelt Food AG, Räber AG, Reitzel Suisse, Schenk Konfitüren und Sirup, Schöni Finefood, Zweifel Pomy-Chips. sal 

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