27.08.2020 10:40
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Jagdgesetz
Wie viel Wolf verträgt die Schweiz?
Die vom Parlament verabschiedete Änderung des Jagdgesetzes erhitzt die Gemüter: Für die Vertreter der Berggebiete ist eine stärkere Regulierung des Wolfsbestandes alternativlos, Umweltschützer warnen dagegen vor «Abschüssen auf Vorrat».

Das eidgenössische Jagdgesetz macht den Kantonen Vorgaben, welche Wildtiere geschützt sind, welche Tierarten gejagt werden dürfen und wann Schonzeiten gelten. Das heutige Gesetz stammt von 1986. Damals gab es in der Schweiz keine Wölfe mehr.

Immer mehr Wölfe

Inzwischen sind die Raubtiere zurückgekehrt. 2019 lebten rund achtzig Wölfe in der Schweiz - Tendenz steigend. An einigen Orten, insbesondere im Graubünden und im Wallis, sind Rudel entstanden. Wölfe verletzen und töten immer wieder Schafe und Ziegen. Schweizweit werden total zehn Rudelbildungen gezählt. Sieben Rudel leben im Graubünden, zwei Rudel halten sich auf im Wallis, eines durchstreift den Waadtländer Jura.

Das Parlament reagierte auf die neue Realität und lockerten den Wolfsschutz im vergangenen Jahr. Naturschutzverbände haben dagegen das Referendum ergriffen. SP, Grüne und Grünliberale unterstützen dieses. Nun entscheidet am 27. September das Stimmvolk.

Klare Regeln

Laut den Befürwortern ist das neue Gesetz fortschrittlich. Es verbessere den Tierschutz. Tiere wie Biber und Luchs würden mit dem revidierten Jagdgesetz besser und nicht schlechter geschützt. Statt wie bisher rund 250 Tiere könnten von den geschützten Arten nur noch drei reguliert werden - der Wolf, der Steinbock und der Höckerschwan.

Die Kantone dürften nur regulierend eingreifen, wenn ein Wolf seine Scheu verliert und sich in Siedlungsgebieten aufhält oder wenn er Herdenschutzmassnahmen umgeht. Das hatte der Bundesrat im Entwurf der entsprechenden Jagdverordnung vorgeschlagen. Weiter sind die Kantone in Gebieten mit Wolfsrudeln verpflichtet, die Bauern über Massnahmen zum Schutz von Herden zu informieren.

Bund und Naturschutzverbände können gegen eine kantonale Abschussverfügung wie bisher Beschwerde einlegen. Das revidierte Gesetz nimmt ferner Bäuerinnen und Bauern beim Herdenschutz stärker in die Pflicht. Anders als heute erhalten sie für gerissene Schafe und Ziegen nur noch eine Entschädigung, wenn sie die Tiere mit Hunden oder Zäunen geschützt haben.

«Wirrwarr des Schutzniveaus»

Trotz dieser Einschränkungen bei der Regulierung schiesst das neue Jagdgesetz laut den Gegnern weit übers Ziel hinaus. Ein präventiver Abschuss geht Umwelt- und Tierschützern gegen den Strich. Sie sprechen von einem «Abschussgesetz». Die Gruppe Wolf Schweiz rechnete im Abstimmungskampf zudem vor, dass pro Wolf heute weniger Nutztiere gerissen würden als noch vor 25 Jahren. Das beweise die Wirksamkeit des Herdenschutzes. Dieser müsse weiter verstärkt werden.

Hauptargument der Gegner ist die geplante Kompetenzverschiebung vom Bund zu den Kantonen bei den Abschussbewilligungen. Sie befürchten künftig ein «Wirrwarr des Schutzniveaus bedrohter Tierarten». Je nach Gusto der Kantonsregierung könnten Bestandesregulierungen auch zur blossen Verhütung von Schäden bewilligt werden.

Offener Ausgang

Ob sich das Pro- oder Kontra-Lager durchsetzen wird, ist einen Monat vor der Abstimmung offen. Die Umfragen von Tamedia und der SRG weisen komplett unterschiedliche Stimmungslagen aus.

Gemäss Tamedia-Abstimmungsumfrage sprechen sich derzeit 53 Prozent gegen die Vorlage und nur 37 Prozent dafür aus. Demnach gibt es aber einen hohen Anteil an Befragten, der sich noch nicht festgelegt hat. Bei der SRG-Umfrage ist dagegen die Ja-Seite mit 54 Prozent klar im Vorteil. 36 Prozent wollten ein Nein einlegen. Zehn Prozent der Befragten sind noch unentschlossen.

Darum geht es im revidierten Jagdgesetz

Das revidierte Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel betrifft - wie es der Name vorgibt - nicht nur den Wolf. Es geht auch um den Ausbau des Artenschutzes und die Vernetzung von Lebensräumen.

Wolfsrudel vorausschauend regulieren

Das revidierte Jagdgesetz erlaubt den Kantonen unter bestimmten Bedingungen, Wolfsrudel vorausschauend zu regulieren. Damit hat das Parlament auf die wachsende Zahl von Wölfen reagiert. Der Wolf bleibt aber auch mit dem revidierten Jagdgesetz eine geschützte Tierart und darf nicht gejagt werden. Die Rudel bleiben erhalten. 

Nicht zulässig wäre gemäss Bundesrat beispielsweise der Wolfsabschuss, wenn sich die Rudel fernab von Siedlungen oder Schafherden aufhalten. Generell müssten die Kantone gegenüber dem Bund vorgängig begründen, weshalb Abschüsse erforderlich seien. Dabei müssten sie die Verhältnismässigkeit wahren. Weiter sind die Kantone in Gebieten mit Wolfsrudeln verpflichtet, die Bauern über Massnahmen zum Schutz von Herden informieren. Ziel der Regulierung sei es, dass die Rudel ihre natürliche Scheu behalten und Siedlungen fernbleiben.

Verbindungswege geschützt

In der ganzen Schweiz werden mit dem neuen Jagdgesetz rund 300 Verbindungswege in der Natur für Wildtiere vor Verbauung geschützt. Bei Bahnlinien und Strassen sorgen Bund und Kantone für Brücken und Unterführungen für Wildtiere. Mit dem Gesetz werden verschiedene Tierarten besser vor dem Abschuss geschützt. Zwölf Wildentenarten dürfen in Zukunft gar nicht mehr gejagt werden. Für die Waldschnepfe gilt eine längere Schonzeit.

Zudem unterstützt der Bund die Kantone bei der Aufwertung der Lebensräume von Wildtieren und Vögeln in den rund achtzig eidgenössischen Wildtierschutzgebieten und Vogelreservaten finanziell. Das Gesetz verpflichtet die Kantone und Bauern, Zäune wildtierfreundlich zu errichten, damit Unfälle und Verletzungen von Wildtieren möglichst ausbleiben.

Voraussetzungen für Entschädigungen

Der Bundesrat regelt die Umsetzung des revidierten Jagdgesetzes in der Jagdverordnung. Diese befindet sich bis Anfang September in der Vernehmlassung. Die Verordnung klärt beispielsweise im Detail, welche Massnahmen für Private zumutbar sind zur Verhütung von Schäden in Gebieten, die von Bibern, Fischottern und Grossraubtieren besiedelt sind. Dazu gehören etwa elektrifizierte Schutzzäune.

Gemäss Verordnungsentwurf kommt der Bund für 80 Prozent der Schadenskosten auf, die von Grossraubtieren verursacht werden, sowie für 50 Prozent der Kosten, die von Bibern, Fischottern und Steinadlern verursacht werden. Der Bund leistet die Abgeltung nur, wenn der Kanton die verbleibenden Kosten übernimmt und die zumutbaren Massnahmen ergriffen wurden.

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