31.03.2017 12:53
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Wald
«Wir streben konkrete Leistungsaufträge an»
Leistungen der Waldeigentümer, von denen die Allgemeinheit profitiert, würden oft nur ungenügend abgegolten, kritisiert Urban Brütsch vom Waldeigentümerverband WaldSchweiz im Interview. Die Lancierung einer Volksinitiative, wie sie kürzlich im Kanton Aargau eingereicht wurde, sei national aber kein Thema zurzeit.

Im Kanton Aargau verlangt eine kürzlich eingereichte Volksinitiative, dass die öffentliche Hand die gemeinwirtschaftlichen Leistungen des Waldes besser entschädigt, weil sie mit dem Holzverkauf nicht mehr finanziert werden können. Wie sieht es in den anderen Kantonen aus?
Urband Brütsch, Leiter Bereich Ökonomie bei WaldSchweiz: Die Grundproblematik ist in der ganzen Schweiz vorhanden. Die tiefen Holzpreise - verstärkt seit dem Euroschock - decken die Holzerntekosten kaum noch. Ausserdem erbringen die Forstbetriebe neben der Holzproduktion viele weitere Leistungen, welche von der Gesellschaft erwartet, aber nicht entschädigt werden. Hier setzt die Initiative der Aargauer an. In den Voralpen ist das Dilemma etwas kleiner, weil mehr Nadelholz geerntet werden kann und weniger Wohlfahrtsleistungen berücksichtigt werden müssen als in den Agglomerationsgebieten. In den Schutzwäldern schliesslich erlauben die Beiträge von Bund und Kanton meist eine kostendeckende Pflege und Bewirtschaftung, deshalb ist die Situation in den Gebirgskantonen etwas besser.

Wann lanciert WaldSchweiz eine entsprechende Eidgenössische Volksinitiative? Immerhin scheint das Anliegen in der Bevölkerung Rückhalt zu geniessen. Das Komitee "Ja für euse Wald" hat dreimal so viele Unterschriften gesammelt, wie nötig gewesen wären – und das vor Ablauf der Frist.
Da die kantonalen Voraussetzungen und Regelungen sehr unterschiedlich sind und bereits unterschiedliche Ansatzpunkte zur Abgeltung von gemeinwirtschaftlichen Leistungen bestehen, macht eine eidgenössische Volksinitiative zurzeit aus unserer Sicht keinen Sinn. Im revidierten Waldgesetz, das per Jahresbeginn in Kraft getreten ist, wurde immerhin die eine oder andere neue Möglichkeit geschaffen, damit der Bund die Waldwirtschaft in speziellen Situationen unterstützen kann, etwa bei Waldschäden, Klimawandel und Erschliessungen. Wir unterstützen unseren Aargauer Kantonalverband in dieser Angelegenheit und sehen die Initiative als Pilotprojekt. Sie bietet eine gute Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und die kantonale Politik zu motivieren, neue Lösungen zu finden.

Initiative fordert mehr Geld für den Wald

Das Komitee der Volksinitiative „Ja! Für euse Wald“ hat Mitte Februar 2017 bei der Staatskanzlei des Kantons Aargau 10'521 Unterschriften eingereicht (nötig gewesen wären lediglich 3'000 Unterschriften). Gefordert wird eine bessere Entschädigung der gemeinwirtschaftlichen Leistungen, welche die Waldeigentümer zugunsten der Allgemeinheit erbringen. Konkret sollen die bisherigen Beiträge des Kantons an den Wald von jährlich rund 5 Mio. Franken auf 16 Mio. Franken aufgestockt werden.

Die Initianten im Aargau argumentieren mit den tiefen Holzpreisen, die es nicht mehr erlauben, Waldleistungen zu finanzieren. Warum rentiert sich die Holzerei kaum mehr? Immerhin wird wieder vermehrt mit Holz gebaut und geheizt.
Die Holzernte kann bei den aktuellen tiefen Holzpreisen die vielfältigen Leistungen, die die Waldeigentümer erbringen, langfristig nicht finanzieren, da die Kosten für die Waldbewirtschaftung in den letzten Jahren aufgrund gestiegener Lohn-, Maschinen- und Unternehmerkosten angestiegen sind. Zusätzlich belasten hohe Transportkosten und strenge Vorschriften, sowie steigende Ansprüche an den Wald - z.B. Erholung - aber auch externe Einflüsse wie etwa Neophyten, Düngereinträge oder Klimaerwärmung die ganze Branche. Ferner erschweren in der Schweiz kleinflächige Strukturen und schwierige topografische Verhältnisse eine rationelle und kostengünstige Bewirtschaftung. Die meisten der geschilderten Nachteile sind im nahen und ferneren Ausland weniger ausgeprägt.

Ist es ungerecht, dass Bauern für Leistungen zugunsten der Allgemeinheit Direktzahlungen erhalten, Waldeigentümer jedoch nicht?
Die Forstwirtschaft wollte immer eigenständig sein und ganz frei und unternehmerisch wirtschaften und dank den Holzverkäufen ohne klassische Subventionen auskommen. Holz ist nicht essbar und gilt als Industriegut, somit wurden früher die politischen Weichen dementsprechend anders gestellt als in der Landwirtschaft: Für unser Holz gibt es keinerlei Zollschutz, Holz ist frei handelbar. Nun sind aber in den letzten Jahren die Holzpreise in den Keller gefallen und die Forstwirtschaft wird mit immer mehr Auflagen, Nutzungseinschränkungen und Ansprüchen konfrontiert und dadurch im wirtschaftlichen Handeln eingeschränkt. Die Waldeigentümer wollen jedoch keine Direktzahlungen nach dem „Flächen-/Giesskannenprinzip“. Wir möchten, dass unsere erbrachten Leistungen finanziert werden und streben konkrete Leistungsaufträge an.

Gibt es andere Ansätze, die Waldleistungen besser zu vermarkten?
Es gibt gute Modelle von Vereinbarungen zur Abgeltung konkreter und bezifferbarer Leistungen wie: Naturschutz, Dienstbarkeiten für Leitungen durch den Wald, Zertifikatshandel für CO2-Senkenleistungen, konkrete Dienstleistungen der Forstleute. Die Nutzer und Nutzniesser dieser Leistungen, insbesondere die Bevölkerung, muss sich bewusst werden, dass die Waldeigentümer nicht alles zum Nulltarif bereitstellen können. Da braucht es sicher noch weitere Aufklärungs- resp. Öffentlichkeitsarbeit.

Was kann die Waldwirtschaft tun, um wettbewerbsfähiger zu werden?
Natürlich können und wollen wir unseren Wald nicht ins Ausland zügeln, wo vieles billiger oder einfacher wäre… Es gilt noch mehr zu rationalisieren, mechanisieren, mit Kooperationen effizientere Bewirtschaftungseinheiten bilden, um die Fixkosten zu senken; punktuell die Erschliessung optimieren, damit optimale Holzernteverfahren eingesetzt werden können; Wald- und Dienstleistungen vermarkten und insgesamt die Zusammenarbeit innerhalb der Branche aber auch mit der verarbeitenden Industrie fördern.

Am 21. Mai 2017 wird über die Energiestrategie 2050 abgestimmt. Welche Position vertritt WaldSchweiz?
WaldSchweiz unterstützt die Umsetzung der Energiestrategie, weil sie unter anderem auf die nachwachsende Ressource Holz setzt. Natürlich ist es im Interesse der Waldeigentümer, wenn die Nachfrage nach Energieholz steigt.  

Welches sind die aktuell grössten Herausforderungen für den Wald?
Die ökonomischen Herausforderungen haben wir ausführlich beschrieben. Sie führen dazu, dass notwendige Investitionen zur effizienteren Bewirtschaftung und zur Kostensenkung nicht getätigt werden können, längerfristig ein Teufelskreis. Weitere Herausforderungen bilden der Klimawandel, Erholungsdruck, Schädlinge, fremde Neobiota wie z.B. Asiatischer Laubholzbockkäfer oder der japanische Staudenknöterich. Dann sind schleichende Gefahren zu erwähnen: der dauernde Nitrateintrag oder der raumplanerischer Druck auf die Waldfläche.

Das leistet der Schweizer Wald

-Der Wald schützt vor Naturgefahren. Rund 45% des Waldes hat eine Schutzwirkung. Diese hat einen Wert von 4 Mia. Franken pro Jahr. Der Bund entschädigt die Schutzwaldpflege mit jährlich 105 Mio. Franken.
- Der Wald spendet Trinkwasser. Rund 40% des Trinkwassers stammen aus dem Wald. Dieser reinigt das Wasser, womit jährlich ca. 80 Mio. Franken an Aufbereitungskosten gespart werden können.
- Der Wald lädt zum Erholen ein. Der Wert der Erholungsleistung wird auf 2 bis 4 Mia. Franken geschätzt.
- Der Wald ist Lebensraum vieler Pflanzen- und Tierarten. Über 25‘000 Arten sind auf den Wald angewiesen. Rund 250 Tonnen Pilze im Wert von ca. 11,5 Mio. werden jährlich gesammelt. Dazu kommen 2‘000 Tonnen Honig, 2‘000 Tonnen Wildfleisch und 150‘000 Christbäume.
- Der Wald schützt das Klima. Bei der Photosynthese speichern Bäume klimaschädliches CO2 und setzen Sauerstoff frei.
- Der Wald liefert Holz. Jährlich werden 5 Mio. Kubikmeter Holz im Wert von mehr als 400 Mio. Franken geerntet.

Quelle: WaldSchweiz

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