12.08.2018 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Bern
«Wir vertuschen keine Fakten»
Im Kanton Bern verärgert der Wolf wegen Rissen an Nutztieren Landwirte und Tierhalter. Nach einem erneuten Vorfall in der Gemeinde Lauterbrunnen wird der Abschuss verlangt. Christian Hofer, Leiter des Amts für Landwirtschaft und Natur (LANAT) des Kanton Berns, nimmt gegenüber schweizerbauer.ch zum Fall Stellung. Und er erklärt, wie es mit dem Raubtier im Kanton Bern weitergehen soll.

Im Berner Oberland sorgt der Wolf erneut für hitzige Diskussionen. In der Gemeinde Lauterbrunnen hat ein Raubtier mehrere Schafe gerissen. Weil der Wolf laut Angaben der Vereinigung zum Schutz von Wild- und Nutztieren vor Grossraubtieren im Kanton Bern erneut 4 Schafe gerissen haben soll, hat Familie Hans und Katja Wyss die Schafe wieder ins Tal gezügelt. Anstatt wie üblich erst auf Ende September mussten die Tiere nun schon Anfang August in die Heimbetriebe zurückkehren.

Für die Vereinigung ist die Schmerzgrenze mit insgesamnt 21 gerissenen Schafen auf der Alp Sous nun überschritten. Der Wolf müsse abgeschossen werden, heisst es in einer Medienmitteilung. Die Vereinigung ist davon überzeugt, dass es sich bei den Übergriffen auf die 21 Schafe um den gleichen Wolf handeln müsse. Die Vereinigung erwartet vom Bund dringend einen Entscheid. Und sie nimmt nun bei gerissenen Tieren künftig selber DNA-Proben. 

Auf Anfrage von schweizerbauer.ch hielt die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern am Mittwoch fest, dass die Medienmitteilung der Vereinigung gravierende Fehler enthalte. Christian Hofer, Leiter des Amts für Landwirtschaft und Natur (LANAT) des Kanton Bern, erklärt in einem Interview mit schweizerbauer.ch seine Sicht der Dinge.

Hat der Kanton Bern Kenntnis von Rissen an 21 Schafen auf der Alp Sous?

Christian Hofer: Auf der Alp Sous sind vermutlich acht Schafe vom Wolf getötet worden. Zwei wurden vom Wolf gerissen und sechs in Folge des vermuteten Wolfsangriffs abgestürzt. Zudem wird auf einer benachbarten Alp in drei weiteren Fällen ein Wolfsübergriff untersucht. 

Ist für die Risse der Wolf verantwortlich, wie die Vereinigung zum Schutz von Wild- und Nutztieren vor Grossraubtieren im Kanton Bern mutmasst?
Ob diese Tiere vom Wolf gerissen wurden, wird momentan untersucht. Bei einzelnen Rissen geht der Wildhüter, der vor Ort war, von einem Wolf aus.

Die Volkswirtschaftsdirektion sprach von gravierenden Fehlern in der Darstellung des Falls. Welche Fehler enthält die Mitteilung der Vereinigung?
Einerseits verbreitet die Vereinigung falsche Zahlen. Nicht jedes Schaf, das nach dem Alpsommer nicht ins Tal zurückkehrt, wurde vom Wolf gerissen. Man geht davon aus, dass rund zwei Prozent der Schafe auf der Alp umkommen, z.B. durch Blitzschlag oder Absturz. Dann schreibt die Vereinigung, die Älplerinnen und Älpler müssten immer strengere Vorschriften zum Wohl der Tiere einhalten. Das stimmt so nicht. 

Sondern?
Im Gegenteil können sie gegenüber anderen Nutztierhaltern von gewissen Erleichterungen profitieren. Grundsätzlich hat die Überprüfung der Tiere täglich zu erfolgen. Im Sömmerungsgebiet kann die Kontrolle angemessen reduziert werden. Sicher in keinem Fall angemessen sind Kontrollgänge, die nur alle ein bis zwei Wochen stattfinden. Und schliesslich verwahren wir uns gegen den Vorwurf, wir würden mit mangelnder Unterstützung die Identifizierung von Grossraubtieren erschweren oder Fakten vertuschen.

Hat der Kanton Kenntnis von Wölfen in dieser Region?
Wir haben bisher keine gesicherten Kenntnisse. Es gibt Sichtmeldungen und gerissene Schafe. Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist ein Wolf in dieser Region unterwegs.

Die Vereinigung fordert den Abschuss des Wolfes. Dieser sei für den Riss der 21 Schafe verantwortlich. Was sagt der Kanton dazu?

Wie bereits erwähnt gehen wir im Moment von 10 toten Schafen aus. In der eidgenössischen Jagdverordnung sind die Massnahmen gegen einzelne Wölfe geregelt. Ein Abschuss ist möglich, wenn der Wolf mindestens 35 Nutztiere innert vier Monaten oder mindestens 25 Nutztiere innert eines Monats tötet. Wir halten uns an diese bundesrechtlichen Vorgaben.

Kann der Kanton und im Speziellen die Volkswirtschaftsdirektion die Ängste der Bergbauernfamilien nachvollziehen?
Diese Ängste können wir absolut nachvollziehen. Wenn Nutztiere vom Wolf gerissen werden, dann ist das kein schöner Anblick und für alle Betroffenen schwierig und emotional – für den Tierhalter wie auch für den Wildhüter, der vor Ort ist. Fakt ist: Der Wolf ist zurück in der Schweiz. Er wird sich hier ansiedeln und wir müssen gemeinsam auf einem konstruktiven Weg Lösungen finden, wie das möglich ist. Für die Nutztierhaltung im Berggebiet müssen wir mit dem Herdenschutz Lösungen finden, dort wo es möglich ist. In gewissen Gebieten kann es zu Einschränkungen führen.

Wie hilft der Kanton Bern bei Rissen durch Raubtiere?
Wichtig sind primär die präventiven Massnahmen. Der Kanton Bern hat eine Herdenschutzstelle angesiedelt beim Inforama, und baut diese nun mit einer 50-Prozentstelle weiter aus. Er schafft Transparenz in dem die Wolfspräsenz kommuniziert wird. Dies geschieht in konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Berner Bauernverband. Wenn es zu einem Riss kommt und dieser gemeldet wird, geht der Wildhüter immer vor Ort. Falls möglich nimmt er eine DNA-Probe, um abzuklären, ob das Tier von einem Wolf gerissen wurde – und wenn ja von welchem. Alle gerissenen Tiere werden den Haltern entschädigt.

Was sagt der Kanton dazu, dass die Vereinigung nun selber DNA-Tests macht?
Der Vereinigung ist es freigestellt, ob sie diesen Aufwand betreiben will oder nicht. Solche Proben zu entnehmen und untersuchen zu lassen, ist relativ anspruchsvoll. Der Bund gibt vor, wohin die Kantone DNA-Proben schicken müssen. Privat gesammelte und untersuchte Proben können nicht angerechnet werden, wenn es beispielsweise um einen Abschuss geht.

Das Misstrauen gegenüber den Behörden ist gross. Wie wollen Sie dieses abbauen?
Das Misstrauen ist bei einer bestimmten Gruppe gross – wir hören auch andere Stimmen. Die Wildhut leistet in einer schwierigen und emotionalen Situation seriöse Arbeit. In den meisten Fällen verlaufen die Zusammenarbeit und die Gespräche mit den betroffenen Haltern gut. Mit der Zusammenarbeit mit dem Berner Bauern Verband schaffen wir Transparenz. Und wie schon einmal erwähnt: Wir verwahren uns gegen die Unterstellung, wir würden Fakten vertuschen.

Wie viele Risse durch den Wolf an Nutztieren wurden in diesem Jahr bestätigt? Sind das mehr als in der Vorjahresperiode?
In diesem Jahr haben wir 10 bis 15 bestätigte Nutztierrisse durch den Wolf. Gegenwärtig klären wir nochmals so viele Fälle ab, die uns erst in den letzten Tagen bekannt geworden sind. 2017 wurden im Kanton Bern 65 Nutztiere gerissen.

Wie viele Wölfe leben auf dem Gebiet des Kanton Berns?
Wir gehen von einem bis zwei Wölfen aus, die im Kanton Bern unterwegs sind.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE