7.01.2018 09:45
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Sigrist
Zürich
Wolf: Zähner gibt sich neutral
Bruno Zähner ist Herdenschutzbeauftragter des Kantons Zürich. Die meisten Diskussionen mit Bauern laufen auf den einen Punkt heraus: Ist er für oder gegen den Wolf? Weder, noch, meint Zähner und bezieht Stellung.

Schweizer Bauer: Bruno Zähner, sind Sie ein Wolfsschützer, wie es Ihnen viele Bauern vorwerfen?
Bruno Zähner: Nein, sicher nicht. Aber meine Meinung gegenüber Grossraubtieren spielt keine Rolle. Ich möchte als Herdenschutzberater wie auch als Landwirt Nutztiere schützen. 

Wie sind Sie Herdenschutzbeauftragter geworden?
Ich wurde angefragt wegen der Erfahrungen, die ich für das Amt mitbringe. Als einer der Ersten im Kanton Zürich habe ich mir 2009 Herdenschutzhunde zugelegt. Seit 25 Jahren gehe ich im Sommer mit den Tieren auf die Alp und habe dadurch eine grosse Erfahrung. Früher mit Kühen und Rindern, jetzt mit Schafen und Ziegen. Dieses Jahr waren wir mit 900 Tieren auf der Alp Zanai im Taminatal.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Calanda-Wolfsrudels…
Ja (lächelt).

Hatten Sie selber in Ihrer Herde schon Wolfsrisse zu beklagen?
Nein, bis jetzt zum Glück nicht. Dafür Verluste durch Hundeattacken. Nun, ich glaube, weil ich meine Herden immer gut schütze, ist wenig passiert.

Dieser Herdenschutz ist für die Bauern eine enorm aufwändige Angelegenheit. Wäre es nicht einfacher, die Wölfe zu schiessen, als Zäune zu bauen?
Fakt ist, dass die Wölfe da sind. Wir müssen mit dieser Situation umgehen. Klar könnten wir versuchen, die Wölfe in der Schweiz auszurotten. Aber wer garantiert uns, dass nicht einer einwandert? Wir dürfen den Schutz der Herde nicht vernachlässigen, eine andere Wahl haben wir nicht. Aber es stimmt natürlich, der Aufwand ist enorm. Und das Verständnis der Bevölkerung für die Situation ist nicht besonders gross.

Wie meinen Sie das konkret?
Wenn ich mit meiner Herde und den Hunden auf der Alp bin, kommt es immer wieder zu unliebsamen Begegnungen mit Wanderern. Die Leute aus der Stadt wollen in den Bergen spazieren, mindestens ein Murmeli, einen Bartgeier, eine Gämse oder einen Wolf sehen, aber sie hassen es, wenn sie von meinen Schutzhunden angebellt werden, die ja nur ihre Aufgabe erfüllen. 

Mit wie viel Aufwand für den Herdenschutz rechnen Sie persönlich?
Sicher eine Stunde pro Tag. Das bedeutet 365 Stunden pro Jahr, die für die Tierhalter als Last bleiben, auch wenn Tiere und Material entschädigt werden. Auch Hirten auf den Alpen kosten. Und Hunde kann man im Winter nicht einfach entlassen, die sind da und wollen beschäftigt werden, sonst vergessen sie ihre Aufgabe. 

Während man Herden mit Zäunen schützen kann, ist es mit Kindern, die in den Kindergarten oder die Schule laufen müssen, ein bisschen komplizierter. Was denken Sie dazu?
Ich weiss, dass die Wölfe überall sind, jederzeit wäre es möglich, einem zu begegnen, nicht nur in den Bergen, das zeigen DNA-Spuren und Fotofallen. Aber ob die Ängste berechtigt sind oder nicht – wir können noch lange diskutieren, was passieren würde, wenn. Wie im Lied von Mani Matter «Han es Zundhölzli aazündt». Ich selber gehe von den Fakten aus: Der Wolf ist da. Herdenschutz ist überall nötig. Aber er ist freiwillig. 

Jeder Bauer soll also selber entscheiden, ob er schützen möchte oder nicht.
Ja, auf jeden Fall. Ich denke, der orange Flexizaun mit 90 Zentimetern Höhe sauber gespannt und elektrifiziert ist ein minimaler Schutz. Nullrisse wird es nie geben, auch wenn grundsätzlich jedes Tier schützbar ist. Aber es ist unrealistisch, weil der Aufwand sehr gross ist.

Sie empfehlen keinen generellen Herdenschutz?
Doch, aber nicht für alle Betriebe den gleichen. Der Aufwand muss vertretbar sein. Was passt, eruieren wir mit einer Risikoanalyse vor Ort.

Das Schiessen von Wölfen sehen Sie nicht als Lösung, weil unser Land von Ländern mit Wolfspopulationen umgeben ist, wie zum Beispiel Italien, Österreich oder Frankreich.
Ja, aber auch, weil es keine Lösung ist. Ausgenommen die Problemwölfe, die müssen wir schiessen. Es geht darum, dass wir die Grossraubtiere verstehen. Der Wolf hat eine ausgeprägte Familienstruktur. Wenn wir das falsche Tier schiessen, bringen wir das Rudel durcheinander und schaffen dadurch nur noch mehr Probleme. Für mich ist zentral, dass wir dem Wolf signalisieren: Schafe sind nicht lecker. Das heisst, die Tiere dürfen für ihn keine leichte Beute sein, obwohl sie das im Vergleich zum Wild sind. Raubtiere dürfen sich nicht darauf spezialisieren. Darum brauchen wir Schutzhunde, Hirten, Stromschläge und Zäune. Konkrete Massnahmen, keine Emotionen wie in der Geschichte vom Rotkäppchen. Damit lässt sich vielleicht Politik machen, aber Lösungen bringt uns das nicht.

In der Schweiz gibt es mittlerweilen auch viele Luchse. Warum werden diese nicht als Problem wahrgenommen?
Ein Luchs frisst pro Woche ein Reh oder eine Ziege. Schafe mag er weniger. Aber der Wolf, wenn er mal den Zaun überwunden und eine Herde  Tiere vor sich hat, reagiert er wie der Fuchs im Hühnerstall: Total überfordert. Und reisst mehr Tiere, als er eigentlich fressen möchte. 

Interessant im Zusammenhang mit dem Wolf ist die Sympathie, welche das Tier bei Städtern und Naturschützern geniesst, während die Landwirtschaft im Berggebiet die Folgen tragen muss. Hier stellt sich die Frage der Alpbewirtschaftung: Wegen den Raubtieren werden weniger Tiere gesömmert, die Verbuschung nimmt zu. 
Ja, das ist eine Tendenz. Ich denke, dass der Wolf den Strukturwandel beschleunigt. Kleinere Alpen werden aufgegeben, da der Schutz der Tiere nicht mehr gewährleistet ist. Aber das muss nicht nur negativ sein. Vielleicht macht es Sinn, dass Alpen fusionieren und Kräfte konzentrieren? Das wäre zumindest einen Gedanke wert. 

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