22.01.2015 06:13
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann, Samuel Krähenbühl
Milchmarkt
«48 Rp./kg sind niemals kostendeckend»
Hans-Ulrich Berger aus Schwarzenegg BE erhält im Februar für seine Milch höchstens noch 48 Rp./kg ausbezahlt. Die Zukunft der Schweizer Milchwirtschaft sieht er pessimistisch. In zwei Jahren hört er mit Melken auf. Was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser? Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab.

«Schweizer Bauer»: Die Milchpreise sinken rapide. Noch vor dem Entscheid der Nationalbank teilte die Aaremilch AG mit, dass es im Februar noch 53 Rp./kg sein sollen. Ausbezahlt bedeutet das für Sie 48 Rp./kg. Was sagen Sie dazu?
Hans-Ulrich Berger: Die Lage auf den Milchviehbetrieben ist sehr angespannt. Bei uns auf der Schwarzenegg BE geht auf den Milchviehbetrieben bereits fast ausnahmslos die Frau oder der Mann einem Zuerwerb nach. Was mich dann sehr stört, ist, dass der Bund gerade kürzlich wieder mitgeteilt hat, die Einkommen der Bauern seien gestiegen. Es heisst, die Bauern würden mehr verdienen. Das stimmt aber nur für die wenigsten Betriebe, und oft wird nicht zwischen Gesamteinkommen und landwirtschaftlichem Einkommen unterschieden. 

Müssten da die Bauern noch stärker auf sich aufmerksam machen?
Eine Treuhand-Kundin von mir, eine sehr engagierte Frau, hatte im vergangenen UNO-Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe die Gelegenheit, dem Agrarminister Johann Schneider-Ammann persönlich zu begegnen. Sie erzählte ihm von der vielen Arbeit auf dem Hof und für die Familie, von ihrem Nebenerwerb und vom tiefen Einkommen. Sie sagte zu mir: «Hans-Ueli, als ich rausging, hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl.» Der Bundesrat habe ihre Sorgen mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen. Die Kundin hatte den Eindruck, dass sie an ihm vorbeigeredet hat. Für mich sind sowohl Johann Schneider-Ammann als auch BLW-Direktor Bernard Lehmann Schönredner. Und die wollen ja noch weiter liberalisieren und den Schweizer Milchmarkt komplett öffnen (Stichwort «weisse Linie»). Dabei haben wir gerade hier bei uns in der Bergzone I ganz andere Verhältnisse als in Ostdeutschland. Und sogar dort kämpfen sie mit Problemen, jetzt, da die EU-Quote fällt.

Müssten die Betriebe grösser sein?
Im «Top-Agrar» las ich von einer Brüdergemeinschaft, die 400 Milchkühe hält. Beide Frauen arbeiten auswärts. Die wollen aufhören, die Milchproduktion rentiere nicht mehr. Das gibt einem schon zu denken. Auch für Betriebe mit 120 Kühen und zwei Robotern gilt: Der Milchpreis ist sehr tief, die Fremdkosten haben zugenommen. Die Tierärzte haben nicht günstigere Tarife, die Marge der Futtermittelhändler bleibt immer dieselbe. Gerade in der Zentralschweiz gibt es einige Betriebe, die mit der AP 14–17 etwas mehr Direktzahlungen erhalten. Aber auch die leiden unter den tiefen Produktepreisen und den hohen Kosten. Wir Bauern sollten doch über die Produkte ein Einkommen erwirtschaften und nicht zu Statisten für die Bundesämter werden! In den Büros wird ausgebaut, dafür kommt immer weniger Geld auf die Betriebe. Am Horizont zeichnen sich grosse Probleme ab. Man hat ja bereits nicht mehr genügend Lehrlinge. Aber reagiert wird wohl erst, wenn es zu spät ist.

Kann man mit ausbezahlten 48 Rp./kg kostendeckend Milch produzieren?
Vor drei Jahren habe ich auf unserem Betrieb eine Vollkostenrechnung gemacht. Um einen Stundenlohn von 12 Franken zu erwirtschaften, bräuchte ich einen Milchpreis von 73,5 Rp./kg. Und dabei habe ich die Investitionen aus dem Jahre 1990 bereits auf null abgeschrieben! Als Auslaufbetrieb konnte ich so rechnen. Ich kenne keinen Betrieb, der mit 48 Rp./kg in unserem Kostenumfeld langfristig kostendeckend Milch produzieren kann.

Wie geht es denn auf Ihrem Betrieb weiter?
In zwei Jahren hören wir mit Melken auf. Dann geben meine Frau Ursula und ich den Landwirtschaftsbetrieb auf. Wir wollen mehr Zeit für uns und für die Familie haben. Die Arbeitsbelastung war in den letzten Jahren sehr hoch. Meine Tätigkeit als Treuhänder und als Agent für die Emmental-Versicherung werde ich weiterführen.

Kennen Sie Betriebe, die seit letztem Sommer, als die Milchpreise wieder zu sinken begannen, bereits reagiert haben?
Kurzfristig und mittelfristig kann man nicht viel machen. Viele warten ab und hoffen auf bessere Zeiten. Aber eigentlich müsste man sofort reagieren. Man muss schauen, dass es  für die Familie stimmt. Bei vielen Betrieben ist die Arbeitsbelastung jenseits des Erträglichen. Es kann auch sein, dass man mit der Umstellung auf Mutterkühe unter die Gewerbegrenze fällt. Ich habe das Glück, mit Ursula eine Frau an der Seite zu haben, die anpackte. Wir schafften es, das Positive zu sehen, und waren immer motiviert.

Welchen Milchpreis erwarten Sie in fünf Jahren?
40 bis 45 Rappen. Im besten Fall erwarte ich 45 bis 50 Rappen. Leider Gottes bin ich nicht optimistisch. Wenn die EU-Quote weg ist und der Milchmarkt ganz offen wird, wie es der Bundesrat will, werden es wir Bauern ausbaden müssen. Die Verbände stemmen sich zwar momentan noch erfolgreich gegen eine Marktöffnung. Aber wenn diese kommt, sehe ich definitiv keine Zukunft mehr für die Schweizer Milchproduktion.

Zur Person

Hans-Ulrich und Ursula Berger-Wüthrich produzieren in Schwarzenegg BE jährlich 90'000 kg Industriemilch zuhanden der Aaremilch AG. Ihr Betrieb in der Bergzone I umfasst 14 Hektaren Grünland, sie halten Swiss-Fleckvieh-Kühe. Berger ist auch Regionalvertreter der Emmental-Versicherung und macht zudem als Treuhänder Buchhaltungsabschlüsse für andere Bauernbetriebe. Ursula arbeitet auswärts auf der Post.

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