8.08.2018 18:18
Quelle: schweizerbauer.ch - sal
Trockenheit
5 Rp./kg: SMP halten sich zurück
Der Schweizer Bauernverband fordert wegen der Trockenheit einen befristeten Solidaritätszuschlag von 5 Rp./kg auf dem Milchpreis. Er appelliert dabei an die Schweiz Detailhändler. Die Organisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP) ist nicht dagegen, wollen aber am Tisch und nicht in der Zeitung verhandeln.

Am Dienstagnachmittag verschickten sowohl der Schweizer Bauernverband (SBV) als auch der der Verband der Schweizer Milchproduzenten (SMP) eine Medienmitteilung zu den Folgen und den Massnahmen der Dürre. Dabei erhebt die Mitteilung des SBV ausgerechnet beim Thema Milchmarkt und Schlachtviehmarkt die stärkeren Forderungen. Im Einzelnen heisst das: 

1) Der SBV schreibt: «Da die Kosten für das Futter steigen und die Milchmenge sinkt, fordert der SBV die Detailhändler auf, für die Industriemilch befristet bis am 30. April 2019 fünf Rappen Solidaritätszuschlag zu bezahlen, der vollumfänglich den Milchproduzenten zugute kommt.» SBV-Präsident Markus Ritter hat diese Forderung am Dienstagabend auf Radio SRF 1 im «Echo der Zeit» im Interview unterstrichen. Er gehe davon aus, dass das nötige Verständnis in der Branche und bei den Konsumenten vorhanden sei. Von einem Solidaritätsbeitrag über 5 Rp./kg steht in der Mitteilung der SMP dagegen kein Wort.

Auf alle Milchpreisabzüge verzichten

2) Der SBV schreibt bezüglich Milchpreis: «Zudem sind sämtliche noch bestehende Abzüge unverzüglich einzustellen». Die SMP schreiben, dass die bisherigen Marktentlastungsabzüge konsequenterweise sistiert worden seien. «Wo dies allenfalls noch nicht erfolgt ist, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen», heisst es weiter. Marktentlastungsabzüge werden für die Verbilligung von im Überfluss anfallender Butter verwendet, die so ins Ausland exportiert werden kann (z. B. nach Saudi-Arabien). Doch die Molkerei Emmi macht weitere Abzüge: -1.1 Rp./kg für Schoggigesetz (Verbilligung z. B. von Pulver, das als Schoggi ins Ausland exportiert wird) und – 1.1 Rp./kg für Importabwehr (Quersubventionierung der Schweizer Mozzarellaproduktion, wo ohne Zoll die Konkurrenz durch Import stark ist). Der SBV fordert also den Wegfall auch solcher Abzüge, die Absatzvolumen sichern, aber den Milchpreis drücken. Die SMP hingegen beschränken sich auf die Nennung der Butterexportabzüge. 

3) Kürzlich wurde der Import von 800 Tonnen Kuhfleisch bewilligt. Der SBV verlangt, dass diese Menge in der aktuellen Marktsituation nicht eingeführt wird. Die SMP verlangen bloss, dass Ende August und Ende September keine weiteren Importe beantragt und genehmigt werden, indem sie schreiben: «Die Milchproduzenten gehen davon aus und fordern, dass die gewährte Importmenge bis Oktober ausreicht.» 

SMP verweist auf BOM-Vorstand 

Wie ist diese Differenz in den Medienmitteilungen zwischen den grossen Verbänden einzuordnen? Teilt der SMP etwa die Forderung von plus 5 Rp./kg nicht? Reto Burkhardt, Sprecher der SMP, erklärt dazu auf Anfrage: «Die SMP hat von dieser Forderung am Dienstag erfahren. Es gibt natürlich keinen Milchproduzenten, der diese Forderung in der momentanen Wettersituation nicht unterstützen würde“, sagt SMP-Sprecher Reto Burkhardt. Die Forderung sei jetzt Gegenstand von laufenden Verhandlungen im Vorstand der BO Milch, wo sich die SMP-Vertreter entsprechend einbringen werden. Wichtig ist laut Burkhardt, dass die Preissituation langfristig verbessert werden kann. 

5 Rp./kg an Richtpreis vorbei

So wie der SBV die Forderung nach den 5 Rp./kg am Dienstag in der Medienmitteilung formuliert hat, zielt er aber gar nicht auf den Vorstand der BOM. Ein befristeter Solidaritätszuschlag, den die Detailhändler gewähren sollen, tangiert das innerhalb der BOM geltende System der Preisfestsetzung für A-, B- und C-Milch gar nicht. Entscheiden werden dies die jeweiligen Chefetagen der grossen Schweizer Detailhändler (Migros, Coop, Denner, Aldi, Lidl, Spar, Volg), nicht Abgesandte im BOM-Vorstand. Recherchen des «Schweizer Bauer» zufolge sind Mitarbeiter des SBV bereits daran, mit den Detailhändlern Kontakt aufzunehmen, es werden auch offizielle Briefe versandt. 

SBV-Präsident Markus Ritter sagte am Dienstagabend um 18 Uhr auf Radio SRF 1, dass er davon ausgehe, dass dieser Forderung mit Wohlwollen begegnet werde. Coop hat letztes Jahr bewiesen, dass ein solches Vorgehen möglich ist. Die Detailhändlerin bezahlte während mehrerer Monate auf den Coop-Eigenmarken 3 Rp./kg mehr als der BOM-Richtpreis, die Verarbeiterin Emmi wies dies auf ihren Milchgeldabrechnungen separat aus. Möglich ist es die Detailhändler, die sich in ihren Broschüren und auf Plakaten gerne als Partner der Schweizer Landwirtschaft darstellen, müssen nur wollen. 

Steigt auch noch der Richtpreis? 

Unabhängig von diesem Solidaritätszuschlag können die zwanzig Vertreter von Milchproduzenten, Verarbeitern und Detailhändlern in der zweiten Augusthälfte eine Erhöhung des A-Richtpreises für das 4. Quartal 2018 beschliessen. Hier könnte es sein, dass sich einmal mehr Verwerter mit chronisch schlechter Wertschöpfung in namenlosen Industriekanälen wehren. 

Denn ihr Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn sie ihren Lieferanten Tief-, ja Tiefstmilchpreise ausbezahlen. Und auch einige Käser können ihre Milchlieferanten leichter zufrieden stellen, wenn der Molkereimilchpreis im Keller ist und die Differenz zu den von ihnen bezahlten Käsereimilchpreisen grösser ist.

5 Rp./kg mehr wäre ohnehin gerechtfertigt 

Angesichts der hohen Kosten im Schweizer Umfeld wäre aus Sicht der Milchbauern ein um 5 Rp./kg höherer ausbezahlter Molkereimilchpreis ohnehin gerechtfertigt. Laut der Basisorganisation BIG-M wird im Stall mit Melken Geld vernichtet, wenn nicht in der Familie (z. B. Grossvater, Teenager-Tochter) Gratisarbeit mobilisiert werden kann. Ein dem Schreibenden bekannter junger Meisterlandwirt hat im Rahmen seiner Ausbildung an der Schule ausgerechnet, wie hoch der Stundenlohn in der Milchproduktion auf dem elterlichen Betrieb (Bergzone 1, 120'000 kg ÖLN-Silomilch) ist: 4 Franken pro Stunde. Und das inklusive Direktzahlungen. 

Auf einen ganz ähnlichen Wert ist die Auswertung einer Buchhaltung eines Zentralschweizer Betriebs durch den «Schweizer Bauer» gekommen. Angesichts solcher Befunde hat Markus Ritter ja bereits wiederholt ziemlich unverhohlen zum Nicht-Produzieren, das heisst konkret zum Aufhören mit der Molkereimilchproduktion, aufgerufen, wenn die Preise nicht stimmten und Alternativen vorhanden seien. Das kommt bei den Chefs der Verarbeiter und Milchhändler nicht gut an. Und diese fürchten womöglich, dass Ritters öffentliche Forderung von 5 Rp./kg mehr die Diskussionen in der Branche eher erschwert.

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