28.03.2014 18:29
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Milch
A2-Milch polarisiert
In Neuseeland stellten Wissenschaftler vor mehr als zwanzig Jahren die These auf, dass bestimmte Milchproteine schwere Krankheiten auslösen. Bewiesen ist das bis heute nicht. Trotzdem boomt in Australien der Verkauf von Milch, die diese Proteine nicht enthält.

Neuseeland ist der grösste Milchexporteur der Welt. Ein Drittel der Exporterlöse stammt von Milchprodukten, 90 Prozent davon liefert der Milchverarbeiter Fonterra. Wer gegen diesen Milchgiganten vor Gericht zieht, muss mutig sein – und sehr überzeugt.

Unterschied liegt in den Genen

Der winzig kleine Milchverarbeiter A2-Corporation war offenbar beides: Er verlangte im Jahr 2002, dass Fonterra auf allen Produkten eine Warnung anbringen muss: "Der Genuss dieser Milchprodukte kann ihre Gesundheit gefährden." Die A2-Corporation unterlag. Mangels wissenschaftlichen Beweisen hielt das Gericht die Vorwürfe, dass Fonterras Milch Diabetes, Herzerkrankungen, Schizophrenie und Autismus fördert, für unhaltbar. Doch die Diskussion um die Milch war lanciert. Und sie ist seither nie mehr ganz verstummt.

Der Unterschied liegt in den Genen: Die A2-Corporation vertreibt Milch von Kühen, die genetisch bedingt ausschliesslich beta-Casein A2 produzieren. Fonterras Milch enthält dagegen auch beta-Casein A1 oder A1-ähnliche Varianten. Während der Verdauung kann aus beta-Casein A1 das Opioid Casomorphin-7 (BCM-7) gebildet werden. Und BCM-7 wird mit Krankheiten wie Diabetes Typ 1, Herzerkrankungen, Autismus oder Schizophrenie in Verbindung gebracht.

Beweise fehlen – Gegenbeweise auch

Das brachte Professor Keith Woodford von der landwirtschaftlichen Universität Lincoln im Süden Neuseelands dazu, ein Buch mit dem Titel "The devil in the milk" zu veröffentlichen, zu Deutsch: Der Teufel in der Milch. Das war gewagt, denn die darin aufgeführten Studien beruhen ausschliesslich auf statistischen Zusammenhängen. Und es gibt auch Studien, die BCM-7 eine positive Wirkung zuschreiben. Ernst Jakob vom Institut für Lebensmittelwissenschaften an der Forschungsanstalt Agroscope ist deshalb skeptisch: "Es gibt berechtigte Zweifel daran, dass es die postulierten Zusammenhänge überhaupt gibt."

Niemand ernährt sich von Milch allein. Bei ernährungsbedingten Krankheiten sind die Wechselwirkungen sehr komplex. Das erklärt teilweise, warum es in den letzten zehn Jahren kaum neue Forschungsergebnisse zu beta-Casein A1 gab. Dazu kommt, dass wissenschaftliche Studien in diesem Bereich extrem teuer sind. Noch teurer wäre es allerdings, wenn die A1/A2-These bestätigt würde. Denn dann müsste man die weltweit stark verbreitete Genvariante A1 ausmerzen, was gewaltige Auswirkungen auf den Zuchtfortschritt und für die weltweite Milchindustrie hätte.

Reine A2-Herden

Möglich wäre es. Denn so wie die Gene darüber entscheiden, ob jemand blaue oder braune Augen hat, so entscheiden die Gene darüber, ob eine Kuh Milch mit beta-Casein A1, A2 oder anderen Varianten gibt. Jakob hat vor zwanzig Jahren im Rahmen seiner Dissertation an der ETH-Zürich mehrere Tausend Kühe in der Schweiz getestet und dabei deutliche Rassenunterschiede festgestellt.

Allerdings scheinen diese Unterschiede nicht in allen Ländern gleich, und nicht in Stein gemeisselt zu sein. Woodford berichtet: "In Neuseeland stieg der Anteil A2-Kühe an, solange einige Top-Stiere, die zur künstlichen Besamung verwendet wurden, reine A2-Vererber waren." Inzwischen stehen andere Stiere zuoberst auf der Hitliste. Doch Woodford sagt: "Es gibt mehrere hundert Farmer, die ausschliesslich Samen von A2-Bullen einsetzen." Einige davon beliefern die A2-Corporation mit Milch. Es gibt sie nicht nur in Neuseeland, sondern auch in Australien, USA, Korea und seit kurzem in Grossbritannien.

Der gefühlte Unterschied

Dass diese Milch von der A2-Corporation nicht mit einem gesundheitlichen Nutzen angepriesen werden darf, hat Fonterra per Gerichtsbeschluss durchgesetzt. Trotzdem floriert der Absatz von A2-Milch in Australien. Sie wird dort mit dem Slogan beworben: "Feel the difference". Und die Konsumentinnen und Konsumenten fühlen den Unterschied nicht nur, sondern sie teilen ihn auch der ganzen Welt mit. Sie verkünden öffentlich, dass sie keinen Durchfall mehr haben, seit sie A2-Milch trinken, dass ihr Baby endlich durchschläft oder die Blähungen nach dem Frühstück verschwunden sind.

Für Wissenschaftler wie Jakob ist das problematisch: "Leider wird das Thema mehr und mehr in sektiererischer Weise ausgeschlachtet, weil sich damit ein Geschäft machen lässt." Tatsächlich liess der "gefühlte Unterschied" den Umsatz mit A2-Milch in die Höhe schnellen. In Australien hat A2-Milch bei der Trinkmilch bereits einen Marktanteil von acht Prozent erreicht – viermal mehr als lactosefreie, oder Biomilch.

2011 ging die A2-Corporation ein Joint-Venture mit der britischen Robert Wisemann Dairies ein, welche inzwischen dem deutschen Milchgiganten Müller gehört, der auch in der Schweiz tätig ist. Neben Trinkmilch und Joghurt hat die A2-Corporation auch angefangen, A2-Babynahrung zu produzieren. Im Süden Neuseelands baut Milchverarbeiter Synlait zurzeit eine Dosenabfüllanlage, auf der ab Herbst A2-Babynahrung für den chinesischen Markt vom Band laufen soll.

Höhere Preise ohne Mehrwert

A2-Milch in der Schweiz? Der grösste Schweizer Milchverarbeiter Emmi winkt ab. "Um diese Art Milch erfolgreich vermarkten zu können, wäre mindestens ein beglaubigter Health-Claim notwendig", erklärt Mediensprecherin Sibylle Umiker. Sie zweifelt zudem an der Machbarkeit, schliesslich müssten reine A2-Herden gezüchtet, die Milch gesondert gesammelt und separat verarbeitet werden. Emmi setzt weiterhin auf Bio-, Regio-, Berg- oder Wiesenmilch, die durchwegs ohne Health-Claims angepriesen wird. Während der Milchverarbeiter abwinkt, wird das Thema an der Basis eher verfolgt: Swissgenetics, der grösste Schweizer Anbieter von Rindersamen, bietet im Rahmen der genetischen Selektion bereits einen Test für beta-Casein A2 an. "Die Nachfrage aus der Schweiz ist zwar noch nicht da", gibt Senior-Geneticist Fritz Schmitz zu, "aber im Export wird das hin und wieder verlangt." Weil Schweizer Rindersamen international sehr gefragt ist, testet Genetikanbieter Selectstar die Jungstiere routinemässig auf beta-Casein A2. Geneticist Frank Baumgartner sieht darin einen Vorteil: "Wenn zwei Stiere mit gleichen Leistungen angeboten werden, kann das Merkmal A2 den Ausschlag geben." Und vor allem will Selectstar parat sein, wenn der Markt A2-Stiere verlangt.

Der Markt für A2-Milch dürfte bald noch mehr befeuert werden. Am 21. März findet in London eine Tagung über Ernährungskrankheiten bei Kindern statt. Dort wird Woodford als Referent auftreten, sekundiert von Malav Trivedi aus den USA, der einen Zusammenhang zwischen BCM-7 und Autismus festgestellt haben will. Woodford wird an diesem Anlass auf eine indische Studie von Mohammad Raies Ul Haq hinweisen, welche im Oktober 2013 im European Journal of Nutrition veröffentlicht wurde.

Ul Haq hat Mäuse mit beta-Casein A1 und A2 gefüttert und bei der ersten Variante entzündliche Prozesse im Darm nachgewiesen. Zwar lassen sich Mäuse nicht direkt mit Menschen vergleichen. Zudem wurde in der Studie reines Protein verfüttert, was nicht dasselbe ist wie Milch oder Joghurt. Ausserdem war die Dosierung extrem hoch, wie Jakob vorrechnet: "Bezogen auf einen Menschen mit fünfzig Kilogramm Körpergewicht entspricht diese Dosis einem Milchkonsum von siebzehn Litern pro Tag!" Trotzdem: Das European Journal of Nutrition gilt als renommiert. Ein Unbehagen bleibt. Es wird nur verschwinden, wenn umfangreiche Studien den eindeutigen Beweis liefern, dass die beta-Casein-Variante keine Rolle spielt. Aber genau daran arbeitet derzeit niemand.

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