10.01.2017 16:29
Quelle: schweizerbauer.ch - ots/blu
Konzerne
Agrarkonzerne immer dominanter
Immer weniger Konzerne bestimmen weltweit über einen immer höheren Anteil der Lebensmittelproduktion und Ernährung. Das zum Nachteil von Kleinbauern, Landarbeitern sowie der regionalen Lebensmittelversorgung. Das zeigt der am Dienstag vorgestellte «Konzernatlas 2017», eine Zusammenstellung von Fakten und Grafiken zur Agrarindustrie.

Die Herausgeber - Heinrich-Böll-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Oxfam Deutschland, Germanwatch und Le Monde Diplomatique - warnen davor, dass die laufenden Konzentrationsprozesse im Agrarsektor die 2015 beschlossenen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen gefährden und fordern stärkere Kontrolle im Agrar- und Ernährungsbereich.

Unternehmen werden immer dominanter

Fünf der zwölf kapitalintensivsten Übernahmen börsennotierter Konzerne in 2015 und 2016 fanden im Agrar- und Ernährungsbereich statt, halten die oben genannten Organisaitonen fest. Der Börsenwert der Fusionen im Landwirtschaftssektor übertraf vielfach den in anderen grossen Branchen. So war 2015 der Wert der Fusionen von Unternehmen in der Agrar- und Lebensmittelindustrie mit 347 Milliarden Dollar fünf Mal höher als der im Pharma- oder im Ölsektor. Inzwischen kontrollieren lediglich vier Grosskonzerne rund 70 Prozent des Welthandels mit Agrarrohstoffen.

Drei Konzerne dominieren 50 Prozent des Weltmarkts für Landtechnik. In Deutschland decken vier Konzerne 85 Prozent des Detailhandels ab. Finden die weiteren derzeit geplanten Mega-Fusionen statt, würden nur drei Konzerne mehr als 60 Prozent des globalen Marktes für kommerzielles Saatgut und für Pestizide beherrschen.

Agrochemie

Ein besonderer Brocken ist die angekündigte Übernahme des Saatgut- und Gentechnikkonzerns Monsanto durch die deutsche Bayer. Dadurch werde ein Agrarkonzern entstehen, «der ein Drittel des weltweiten Marktes für kommerzielles Saatgut und ein Viertel des Marktes für Pestizide dominieren und so die Art und Weise bestimmen wird, wie auf den Äckern gewirtschaftet wird», warnt Hubert Weiger, Vorsitzender der Organisation «Bund».

Monsanto sei als Firma kaum präsent, weil es unter verschiedensten Marken verkaufe. «Es besitzt das Gros aller Gentech-Pflanzen, verkauft aber auch viele konventionelle Saaten und hier insbesondere Gemüsesaatgut», heisst es im Konzernatlas.

Werden die Fusionen erlaubt, «kommen Bayer-Monsanto, DuPont-Dow und ChemChina-Syngenta ihrem Ziel näher: jeweils die marktbeherrschende Stellung bei Saatgut und Pestiziden zu erreichen, also Produkte, Preise und Qualitäten zu diktieren. Alle drei Gruppen verfolgen die Strategie, andere Anbieter zu verdrängen und den Wettbewerb so weit wie möglich auszuschalten, zur Not durch den Aufkauf der Konkurrenz», so der Konzernatlas.

Höfesterben

Barbara Unmüssig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, sagte anlässlich der Präsentation des Konzernatlas: «Höfesterben, Landkonzentration, Patente und Monokulturen - das sind die Folgen der Konzernmacht im Ernährungssektor. Sie schafft massive Abhängigkeit für Bauern und Konsumenten von Konzernentscheidungen.»  Die Vielfalt für Ernährung und Natur bleibe so auf der Strecke. Gleichzeitig verfolgen weltweit immer mehr Regierungen Aktivisten und die kritische Zivilgesellschaft, die für eine gerechte Landwirtschaft kämpfen und den Zugang zu Land, Wasser und Saatgut fordern, fährt Unmüssig fort.

Die Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Dagmar Enkelmann, hält fest: «Der Konzernatlas zeigt, dass von Übernahmeschlachten und knallhartem Preiswettbewerb im Nahrungsmittelbereich vor allem Arbeiter und Angestellte direkt betroffen sind.» Bei der Übernahme von Kaiser's Tengelmann drohe, dass Edeka und Rewe ihre Filialnetze nach fünf Jahren rigoros ausdünnen. Sie verwies auf den Abbau von über 5000 Stellen nach der Fusion von Heinz und Kraft Foods 2015. «Die Preispolitik der Konzerne drückt zugleich auf die Standards in der Produktion. Arbeit unter Pestizidregen auf Bananenplantagen oder Hungerlöhne für Teepflückerinnen sind auch dort verbreitet, wo für hiesige Regale geschuftet wird.»

Bauern schwächstes Glied

Marion Lieser, Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland, mahnt: «Bauern und Bäuerinnen sind die schwächsten Glieder in der Lieferkette. Das, was vom Verkaufserlös bei ihnen ankommt, ist in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Der Konzernatlas zeigt eindrücklich die globale Dominanz von Grosskonzernen und die daraus folgende Ungerechtigkeit und globale Ungleichheit.»

Politiker sollen  Fusionskontrollen verschärfen und den Missbrauch der Marktmacht eindämmen, so die Forderung von Oxfam. Sie muss zudem die Verhandlungsmacht von Bauern und Bäuerinnen stärken. Ausserdem muss sie Unternehmen verpflichten, ökologische und soziale Mindeststandards entlang der Lieferkette durchzusetzen und Menschenrechte konsequent einzuhalten.

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