1.05.2013 08:51
Quelle: schweizerbauer.ch - Christian Zufferey
Wallis
Alleingang, Verkauf oder allenfalls Integration?
In einem sich dramatisch verändernden Umfeld für Milchverarbeiter macht sich der Walliser Milchverband (WMV) Gedanken über seine Zukunft. Das kann bis hin zu einem Gesamtverkauf gehen.

Mit grosser Spannung erwarteten Walliser Milchproduzenten die diesjährige Delegiertenversammlung des Walliser Milchverbands (WMV), nachdem in den Medien bereits Gerüchte über eine Fusion mit Cremo kursierten. Max Stalder, Vize-Präsident des WMV, erklärte, dass sechs Szenarien geprüft wurden, drei davon werden bis zur nächsten Versammlung, womöglich einer ausserordentlichen DV, vertieft analysiert.

Europas Milchquoten

«Seit dem Ausstieg aus der Milchkontingentierung im Jahr 2009 macht die Milchwelt schwere Zeiten durch», erklärte Präsident Laurent Tornay. Wenn ab 2015 auch in Europa die Milchquoten wegfallen, könnte sich die Situation noch verschärfen. Mit Sorge beobachtet auch André Summermatter, Leiter des Verbandswesens, die internationale Entwicklung. Südamerika und Ozeanien produzierten bis zu 8,7 Prozent mehr Milch, und auch in den zehn neuen EU-Staaten haben die Milchmengen um 5,3 Prozent zugenommen, während in der Schweiz gleich viel, im Verbandsgebiet des WMV (Wallis und Chablais) mit 4,5 Prozent weniger, nur noch 47,25 Millionen Kilo Milch produziert wurde.

80 Bauern hätten die Milchproduktion ganz aufgegeben. Doch der Zuwachs in Europa im letzten Jahr sei nur ein Vorgeschmack dessen, was ab 2015 auf die Schweiz zukomme. «Es besteht die Gefahr, dass die Schweiz mit Milch aus dem Ausland überschwemmt wird», betonte Summermatter, «durch europäische Grossverarbeiter die dreimal so gross sind wie alle Schweizer Milchverarbeiter zusammen bei entsprechend wesentlich mehr Marketingmitteln».

Lattesso wird bereits in Deutschland verkauft

Der WMV mit seinen weniger als 50 Millionen Kilo Milch gehört dabei zu den ganz Kleinen. Noch geht es dem Verband gut, doch in einem absehbar noch schwieriger werdenden Umfeld will der WMV nicht nur reagieren müssen, sondern «proaktiv handeln, mit dem Ziel sämtliche Milch aus dem Verbandsgebiet im Wallis zu verarbeiten und national wie international zu vermarkten», so Stalder.

In Deutschland konnte man etwa bereits in 2900 Tankstellenshops Fuss fassen mit dem neuen Caffé Lattesso, einem Milch-Mischgetränk mit Kaffee, aber ohne jegliche Bindemittel, Stabilisatoren oder Emulgatoren. Innert der nächsten vier Jahre strebt man das ehrgeizige Ziel an, 18 Millionen Becher zu verkaufen und damit rund drei Millionen Liter Milch.

Sechs Szenarien

Konkret hat sich der WMV über sechs Szenarien Gedanken gemacht. Möglich wäre eine Verkleinerung der Firma, wobei einzelne Aktivitäten aufgegeben würden, ein neuer Mehrheitsaktionär Emmi oder ein neuer privater Minderheitsaktionär. Ein ukrainisches Milchunternehmen habe etwa Interesse an einer Beteiligung gezeigt, doch seien die Differenzen, wie Stalder betonte, «nicht gross, sondern sehr gross».

Während diese drei Optionen fallen gelassen wurden, werden folgende weiter verfolgt: der Status quo, der Gesamtverkauf und die Integration in eine grössere Firmenstruktur. Status quo, weiterfahren wie bisher, wäre kurzfristig die einfachste Lösung. Identität und Unabhängigkeit blieben gewahrt, aber das Risiko besteht, dass Investitionsmöglichkeiten beschränkt sind. Der Verkauf sämtlicher Aktivitäten, solange der WMV noch gesund und etwas wert ist, wird auf Wunsch eines Aktionärs, einer Milchgenossenschaft, weiter geprüft. Bei einer Integration in die bereits im Vorfeld gerüchteweise genannte Cremo wäre die Verwertung der Milch im Wallis sichergestellt, die Käserei könnte gar vergrössert werden, jedoch müsste ein Teil der Unabhängigkeit aufgegeben werden. 

Produzentenfamilien

Neu geregelt haben die WMV-Delegierten auch das Mengensteuerungssystem ab 2014. Hintergrund dieser Reorganisation ist unter anderem die vom Kanton Wallis aufgegleiste Tierproduktions-Strategie 2015, die etwa vorsieht, mehr Käse zu produzieren. «Doch dadurch könnte der Markt mit Walliser Käse überflutet werden», befürchtet André Summermatter. Bisher wurden die 50 Millionen Liter Walliser Milch praktisch in einen einzigen Topf geliefert.

Neu sollen Produzenten in drei Familien eingeteilt werden, wobei Vereinigungen der Milchproduzenten für Industriemilch (an Vallait), für Käsereimilch (an Alpgold), sowie für individuelle Milchproduzenten und Alpen, entstehen sollen. So soll eine neutrale Milchmengenführung garantiert werden mit mehr Handlungsfreiheit für die einzelnen Produzentenfamilien. Auch die Delegiertenstimmen werden neu pro 400'000 Kilo Milch an die drei Produzenten-Familien verteilt.

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