19.07.2020 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Ruth Bossert
St. Gallen
«Alp wäre unser grösster Traum»
Sandra Fitze bewirtschaftet in Wil SG zusammen mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern einen Hof mit 190 Muttergeissen und Aufzuchtrindern. Sie träumt von einer eigenen Alp und entspannt sich beim Musizieren.

Als Sandra Fitze hinter sich das Tor zum Gitzistall schliesst, wuseln die 90 jungen Geissen wild durcheinander. Es sind Gämsfarbige Gebirgsziegen, und die allermeisten von ihnen haben auf dem Rücken einen schwarzen Streifen und sind teilweise am Kopf und am Bauch ebenfalls schwarz gezeichnet. Einzelne haben am Kopf kleine weisse Flecken, sie sind zwischen fünf und sechs Wochen alt und rennen wild durcheinander.

Mästen statt kuscheln

Als die Bäuerin ein Gitzi auf den Arm nimmt, beginnt dieses sie lebhaft zu liebkosen, während zwanzig, dreissig weitere Gitzis ihr um die Beine streichen und an ihren Hosenbeinen knabbern. Sandra Fitze weiss, dass dieser Anblick dem Zuschauer das Herz schmelzen lässt. «Natürlich sind sie herzig, und viele von ihnen habe ich mit der Flasche gschöppelet», erzählt sie.

«Doch dass sie jetzt gross sind, ist unser Verdienst. Und nun müssen sie trotzdem halt schon bald in die Metzgerei.» Gitzi mit einem Gewicht zwischen viereinhalb und neun Kilos seien die klassischen Ostergitzi und beim Konsumenten am beliebtesten. Dieses Frühjahr hätten sie bereits 180 Gitzi abgeliefert. Diejenigen mit der gelben Ohrmarke werden zu Milchgeissen nachgezogen.

Rinder und Geissen 

Sandra Fitze und ihr Mann Niklaus haben sich für Geissen entschieden, weil sie damals nach einem neuen Betriebszweig suchten und die Geissenmilch vor dreizehn Jahren ein gesuchtes Produkt war. Das junge Paar hatte im Jahr 2005 die Möglichkeit, einen Betrieb in der Nachbarschaft mit einer Scheune und zehn Hektaren Land zu übernehmen. Sie einigten sich auf die Geissenzucht mit der Idee, die Milch zu vermarkten und Gitzifleisch zu produzieren, erklärt die junge Bäuerin später am Küchentisch.

Früher war der Betrieb, der hoch über der Stadt Wil liegt und von modernen Wohnbauten umgeben ist, ein klassischer Milchwirtschaftsbetrieb. Später entschied man sich zusätzlich für Mastmuni, und heute hat sich die Aufzucht von Rindern durchgesetzt. Für die Geissen wie auch für die Rinder wurden in den vergangenen Jahren neue Ställe gebaut.

Kombination ideal

Die Kombination von Aufzuchtrindern und Milchgeissen findet Sandra Fitze ideal. Speziell auch, weil die Rinder über die Sommermonate auf der Alp seien und sie dadurch mehr Kapazitäten frei hätten für den Ackerbau und das Heuen. Im Winter gebe es mit dem Gitzeln viel zu tun. «Daneben arbeitet mein Mann im Holz. Im Hofladen bieten wird Produkte vom Hof an, und auf dem Hof leben auch noch fünf Esel, zwei Stuten, ein Hengst und Kaninchen.»

Für Sandra Fitze beginnt der Tag früh. Um halb fünf Uhr steht sie auf und fährt mit dem Auto einen Kilometer zum Geissenstall. Auch wenn mit dem neuen Melkroboter zwanzig Geissen zusammen gemolken werden können, dauert die Melkerei trotzdem anderthalb  Stunden. Füttern, Automaten waschen, die kleinen Ziegen schöppelen — alles gibt Arbeit. In der Zwischenzeit stehen ihre fünf Kinder zwischen 11 und 18 Jahren selbstständig auf, frühstücken und gehen  in die Schule.

Arbeitsbelastung ist hoch

Die Älteste ist in der Lehre als Fachangestellte Gesundheit. Nach dem Mittag arbeitet Sandra nochmals im Geissenstall, und ab halb fünf beginnt das Melken erneut. «Die Arbeitsbelastung ist hoch», erzählt Sandra Fitze. Nach der Bäuerinnenprüfung und dem Lehrmeisterkurs habe sie zehn junge Frauen im bäuerlichen Haushaltlehrjahr ausgebildet. «Eine bereichernde Zeit», sagt sie rückblickend. Leider habe sich mit dem neuen Modulsystem vieles verändert, und deshalb habe sie sich entschieden, darauf zu verzichten.

Glücklicherweise dürfe sie immer wieder auf die helfenden Hände ihrer Eltern zählen. «Um den Garten kümmert sich mein Vater, und in der Küche packt meine Mutter oft an», sagt die Bäuerin. Sie hätten auch schon einen Angestellten auf dem Betrieb gehabt. «Doch seit Längerem wursteln wir uns ohne Angestellte durch.»

Lehrer- statt Bauernkind

Familienferien seien schwierig, doch zwei Tage z Berg, zum Wandern und die Naturgeniessen, das liege hin und wieder drin, erzählt sie. Am liebsten würde sie mal einen ganzen Sommer z Alp gehen, und noch lieber würden sie und ihr Mann eine Alp kaufen und ihre Rinder dort sömmern, schildert sie mit leuchtenden Augen. «Und überhaupt, Heuen ist so schön wie Ferien.»

Aufgewachsen ist Sandra im thurgauischen Dingetswil auf knapp 900 Meter über Meer. Ihr Vater war Lehrer an der Gesamtschule, wo die vier Lehrerskinder die einzigen Nichtbauern waren. Wenn ihre Klassenkameradinnen zu Hause am Heuen waren, mussten sie für ihre Schafe und anderen Haustiere auch heuen. «Ich kannte nichts anderes und habe später auch bei einem Nachbarn immer auf dem Hof mitgeholfen, wo ich ausser dem Melken alles gemacht habe.»

Musik zur Erholung

In der Natur sein, mit den Händen arbeiten, das habe ihr immer besser gefallen, als etwa in der Stadt einen Einkaufsbummel zu machen, erklärt sie. Trotzdem habe sie nach dem bäuerlichen Haushaltlehrjahr eine Lehre als Bäcker-Konditorin absolviert, habe engagiert Akkordeon gespielt und im Akkordeon-Spielring gar mal als Präsidentin geamtet. Auch Rock’n’Roll habe sie getanzt und in der Landjugend mitgemacht.

«Für das Schwyzerörgelispielen habe ich länger keine Zeit mehr gehabt, vor einiger Zeit bin ich mit der Tochter zusammen wieder eingestiegen, und seither spielen wir hin und wieder in einer kleinen Formation.» Als sie  im Jahr 2001 auf den Hofberg kam, war dieser ein Pachtbetrieb. Sie und ihr Mann bauten damals eine Wohnung im Dachgeschoss für die Schwiegereltern und konnten den Hof zehn Jahre später erwerben.

Und wo erholt sich die engagierte Bäuerin? «Im Akkordeon-Spielring», sagt Sandra Fitze. «Hier treffe ich meine Freunde, meine zwei jüngeren Schwestern, hier fühle ich mich wohl, und es muss echt etwas Gravierendes los sein, dass ich auf das Musizieren verzichte.» 

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