2.08.2017 08:44
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Sigrist Ali
Schwyz
Amerikaner bei Schweizer Bauern
Die Milchmanufaktur Einsiedeln nutzt einen Hofbesuch als Marketinginstrument. Die Familie Kälin ist eine von fünf Einsiedler Bauernfamilien, welche ihren Hof für Besuche von Reisegruppen öffnet.

«The bull, look at the bull! Isn’t he beautiful?» Und schon streckt die zierliche blonde Frau aus Hawaii die Hand aus und knufft dem Stier in die Nase, das Gesicht den spitzen Hörnern bedrohlich nahe. Der Gewaltsbrocken zeigt jedoch wenig Interesse und wirft sich auch nicht in Position, als er unter Blitzlichtgewitter fotografiert wird.

Zeitplan einhalten

Schweizer Stier trifft amerikanische Reisegruppe – für ihn sind das «old news» – unzählige Touristen sind schon im Stall an ihm vorbeigelaufen und haben ihn bewundert. Ganz anders die Kälber im Abteil nebenan: Sie lecken eifrig die Hände, die in ihre Nähe gelangen, was allgemeines Entzücken auslöst. «They are so cute!»

Derweil versuchen Tobias und Maria Kälin, ihren Zeitplan einzuhalten. Begrüssung, Informationen zum Hof, Degustation der Heumilch, Rundgang durch den Betrieb und Verabschiedung. Eine Stunde ist schnell vorbei. Bevor die Amerikaner gekommen sind, hat Maria im Gaden unten einen Blumenstrauss hingestellt, Milchkrug und Becher gerichtet und den Boden gewischt.

Konsumenten sensibilisieren

«Am meisten Arbeit gibt mir das tägliche Putzen der Kühe», meint sie. «Das mache ich immer, bevor die Reisegruppen kommen. Ich will, dass wir einen guten Eindruck machen.» Tobias war heute Nachmittag mit dem Traktor unterwegs und hat es gerade noch geschafft, in ein frisches T-Shirt zu schlüpfen, bevor der Reisecar Punkt 16.30 Uhr auftauchte. «Manchmal wird es knapp», lacht er, «vor allem, wenn ich am Heuen bin.

Die Familie Kälin ist Aktionär der Milchmanufaktur Einsiedeln und unterstützt mit ihrem Engagement deren Marketingbemühungen. Drei der Familien liefern zudem bereits Heumilch an, die zu Rohmilchkäse verarbeitet wird. «Für uns sind die Hofbesuche dazu da, die Konsumentinnen und Konsumenten für das Nahrungsmittel Milch und die allgemeine Schweizer Landwirtschaft zu sensibilisieren», erklärt René Schönbächler, Geschäftsführer der Milchmanufaktur.

Wunderschönes Landschaftsbild

«Wir haben einen der weltweit höchsten Tierwohlstandards und produzieren einwandfreie und natürliche Lebensmittel. Das darf man den Gästen ruhig auch mal aus der Nähe zeigen. Zudem punkten wir bei ausländischen Gästen natürlich auch mit der spektakulären Natur bei uns in Einsiedeln.» Die Umgebung der Kälins kann sich wirklich sehen lassen: Am Horizont eine weisse Alpenkette, saftige grüne Wiesen rund um den Hof und glückliche Original-Braunvieh-Kühe. Dazu Stella, die freundliche Hündin, die sich gerne kraulen lässt und mit Begeisterung den Rundgang mitläuft, als wäre es das erste Mal. Kein Problem auch, dass Kälins kein Englisch sprechen, der Tourguide übersetzt laufend. 

Wichtig und erwünscht ist die positive Ausstrahlung. «Wenn die Leute weg sind, müssen wir unser Smile zuerst mal wieder runterfahren», scherzt Tobias Kälin. Mittelweilen sind er und seine Frau ein entspanntes Gastgeberpaar, die Abläufe sind eingespielt, und auf grossen Tafeln in der Scheune stehen die wichtigsten Daten: Wie viele Gallons Milch sie produzieren. Wie viele Acres Boden sie auf dem Altberg bewirtschaften. Und auch die Frage nach den Power Lines überrascht nicht mehr: Ein Mann aus Houston will wissen, wie der Strom auf den Hof kommt, man sehe ja gar keine Kabel herumhängen.

Arbeit ist aufwendig

Die Region Einsiedeln kommt bei den Besuchern gut an. Sie sind voll bei der Sache – auch bei der anschliessenden Führung in der Milchmanufaktur: Sie stellen Fragen, probieren den «very good» Joghurt und machen einen Mutschli-Käse. Obwohl sie vorher bereits auf dem Rigi waren, die Klosterkirche besuchten und heute Abend noch Richtung Basel fahren werden, wo sie dann ein Boot besteigen, dass sie bis Amsterdam bringen wird. «It’s gorgeous!»

Solche Hofbesuche, so unterhaltsam und interessant sie auch daherkommen, sie sind für alle Beteiligten aufwendig. Kälins zum Beispiel haben Gäste nach der Schneeschmelze im März bis kurz vor Weihnachten, fast jeden Nachmittag. «Ja, das ist streng», gibt Tobias zu und schmunzelt. «Aber wer weiss, vielleicht entsteht durch die Begegnungen eine Verbindung über den Atlantik und plötzlich will ein amerikanischer Grossvermarkter unsere Produkte ins Sortiment aufnehmen…» 

600 Besuchergruppen

Die Milchmanufaktur ist seit ihrem Start im Jahr 2015 stetig am Wachsen. «Im hohen zweistelligen Bereich», freut sich René Schönbächler. Wir können laufend neue Produkte im Detailhandel lancieren, und unsere Eventangebote stossen auf unglaubliches Interesse. Im laufenden Jahr werden wir über 600 Besuchergruppen in Einsiedeln begrüssen dürfen.» Diese Zahl lässt nur erahnen, in wie vielen Fotoalben das Bild von einem lächelnden Ehepaar Tobias und Maria Kälin zu finden sein wird, ganz abgesehen von den Bilderbucheindrücken, die die Gäste nach Hause nehmen.

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