15.04.2016 06:07
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Graubünden
Angus statt Brown-Swiss
Drei Jahre vor der Pensionierung stellen David und Senta Kessler ihren Hof auf biologischen Landbau um. So kann ihre Tochter den Betrieb als Biobetrieb übernehmen und positiv in die Zukunft schauen.

"Wir hätten schon früher umgestellt", sagt David Kessler und seine Frau Senta nickt. Die beiden bewirtschaften zusammen einen 24 Hektaren grossen Grünlandbetrieb mit 20 Hektaren Wald in Grüsch im Prättigau. Der Hof liegt im Berggebiet, er befindet sich auf Höhe der Mittelstation der Bergbahnen Grüsch-Danusa.

Kein Kunstdünger und Homöopathie

"Kunstdünger haben wir hier oben praktisch nie ausgebracht. Und die Blacken stechen wir seit eh und je von Hand, nur beim Maisacker beim Tal haben wir manchmal Chemie verwendet." Das Tierfutter kommt vom eigenen Land und der Kraftfuttereinsatz war schon immer sehr tief. Damit sind bereits einige Voraussetzungen erfüllt, um den Umstieg auf Bio erfolgreich zu bewältigen.

Senta Kessler hat noch mehr Argumente, die überzeugen: "Seit rund zehn Jahren behandeln wir unsere Tiere mit Homöopathie." Das klappe meistens recht gut, auch wenn es nicht immer einfach sei, das richtige Mittel zu finden. "Ganz gute Erfolge haben wir zum Beispiel mit Schmierseife gegen Rinderflechte."

Problem Vollspaltenböden

Wie die meisten Bergbauern bewirtschaften Kesslers einige Ökowiesen. Darunter auch einen Plätz, bei dem das Heu in Tüchern zum Stall getragen werden muss. Ein schonender Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist dem Paar nicht fremd und die fünf erwachsenen Kinder empfinden Bio als normal und keineswegs als Schimpfwort.

Trotzdem haben Kesslers die Umstellung bis jetzt vor sich hergeschoben. Aus einem einfachen, aber nicht einfach zu ändernden Grund: Dem Stall. "Wir hatten Vollspaltenböden mit Gummimatten und zu wenig Platz." Damit erfüllte der Aufzucht- und Mastbetrieb zwar die Tierschutzverordnung, nicht jedoch die Vorschriften von Bio Suisse.

Auf Bio bauen - für Bio bauen

Ein Stallneubau ist ein Generationenprojekt. Die Investition ist gross, vor allem im Berggebiet, wo das Bauen noch teurer ist als im Tal. Die Zufahrtstrasse zu Kesslers Hof ist schmal, das Gewicht der zugelassenen Fahrzeuge begrenzt. Ab Mitte Oktober darf die Last nicht mehr als 11 Tonnen betragen, von Juni bis Mitte Oktober sind 18 Tonnen zulässig. Der enge Radius der Strassenkurven verlangt den Chauffeuren einiges ab. Ganz besonders wenn sie mit langen Holzträgern für ein  Stalldach unterwegs sind.

Doch die Investition hat sich gelohnt. Dort wo früher der alte Anbindestall mit Schwemmentmistung stand, befindet sich heute ein heller, grosser Laufstall mit Auslauf und eingestreuten Liegeboxen. Der Mist wird mit Schiebern in einen Seitenkanal und von dort in die überdachte Misthalle transportiert.

Tochter übernimmt Hof

In dieser Höhenlage ist das wichtig: "Früher hatten wir den Mist auch unter Dach, aber nicht genügend Platz für den ganzen Winter. Dann war der Mist im Frühling vom vielen Schnee ganz durchnässt, das war nicht gut." Und es entspricht auch nicht der Philosophie des Biolandbaus, bei dem die Nährstoffe möglichst nicht ausgewaschen, sondern konserviert werden sollen.

Alles in allem ist der Stallbau eine erfreuliche Sache. "Die Entscheidung hat mich manche schlaflose Nacht gekostet", gibt David Kessler zu, "aber wenn wir es nicht gemacht hätten, wäre es ihr womöglich zu viel geworden." Mit "ihr" ist Tochter Flurina gemeint. Sie wird den Hof in ein paar Jahren übernehmen. Im Moment absolviert sie noch das zweite Lehrjahr zur Landwirtin. Dass sie sich dabei für die Bioklasse am Plantahof entschieden hat, war für sie selbstverständlich, denn sie ist von Bio überzeugt.

Nur wenig Mechanisierung

"Wenn Flurina den Betrieb umstellen und die Betriebsausrichtung hätte ändern wollen, hätte sie für einen Kreditantrag erst einmal mehrere Jahre Buchhaltungsergebnisse vorlegen müssen." David Kessler schätzt, dass etwa acht Jahre vergangen wären, bis es soweit gewesen wäre. Bis dahin hätte Flurina einen Betrieb führen müssen, der nicht ihren Vorstellungen entspricht und der zudem mit viel anstrengender Handarbeit verbunden war. 

Der Ablad vom Heu erfolgte von Hand, das enge Gebäude liess nur wenig Mechanisierung zu. Neu übernimmt ein Kran im Tenn über dem Stall die Schwerstarbeit. Mit seiner Hilfe kann auch eine Frau problemlos Tonnen bewegen. Dass die körperliche Belastung abnimmt kommt nun auch David und Senta Kessler zu Gute. "Man merkt die Belastung mit den Jahren schon."

Angus statt Brown-Swiss

Der Stallneubau war aber nicht die einzige Veränderung im Rahmen der Umstellung. Kesslers haben im selben Atemzug auch die Betriebsausrichtung angepasst: Statt Aufzucht und Mast setzen sie neu auf Mutterkuhhaltung. Dabei werden die Tiere der Rasse Brown-Swiss sukzessive durch Angus ersetzt. Diese Rasse fällt durch ihr schwarzes Fell auf. Schon heute befinden sich einige schwarze Kälber im Stall, in Zukunft sollen es noch mehr werden. "Die Tiere sind leichter, das passt besser zu unseren teils steilen Weiden." Und es passt zu einer standortgerechten Tierhaltung, wie sie Bio Suisse wünscht.

Es wird allerdings noch eine Weile dauern, bis Kesslers das Fleisch im Biokanal verkaufen können. Denn die Umstellung auf Bio dauert zwei Jahre. Finanziell ist das für die meisten Umsteller eine Durststrecke: Zu Beginn entstehen höhere Kosten, während die Erträge tiefer ausfallen. Höhere Einnahmen sind in der Umstellungszeit nicht zu erwarten.

Einige Kantone zahlen deshalb Umstellungsbeiträge an die künftigen Biobauern. Im Kanton Baselland können bis zu 20'000 Franken zur Deckung von Investitionen, Materialkosten oder dem Aufwand Dritter beim Kanton beantragt werden. In Graubünden sind es nur gerade 1'000 Franken - und die sind an den Besuch des sechstägigen Bioeinführungskurses gekoppelt. Den haben Kesslers bereits vor zwei Jahren absolviert und viel dabei gelernt.

Selbstbewusstsein ist gefragt

Graubünden ist in Sachen Biolandwirtschaft Spitzenreiter. Ganze Talschaften haben hier auf Bio umgestellt und praktisch jeder zweite Betrieb im Bündnerland wird biologisch bewirtschaftet. Das Prättigau gehört allerdings nicht zur Biohochburg, in Grüsch hängt nur bei rund jedem vierten Hof das Knospenzeichen an der Stalltür.

David Kessler hat dafür gewisses Verständnis: "Wenn jemand Spitzenzucht betreibt, passt Bio nicht." Entsprechend unterschiedlich waren die Reaktionen aus ihrem Bekanntenkreis. "Man hat verschiedenes gehört", sagt Senta Kessler und winkt ab, "am besten hört man gar nicht hin." Für die Familie stimmt's und das ist die Hauptsache. Denn noch immer ist die persönliche Einstellung die wichtigste Voraussetzung, damit eine Umstellung auf Bio gelingt.

Hindernisse auf dem Weg zum Biolandbau

Viele Umsteller kämpfen mit Herausforderungen, wenn sie ihren Betrieb umstellen möchten. Dazu gehört zum Beispiel eine starke Verunkrautung mit Blacken, denn die dürfen auf Biobetrieben nicht chemisch bekämpft werden. Der Arbeitsaufwand fürs Blackenstechen von Hand bringt bis zu 20% Mehrarbeit mit sich. Auch die Anforderung, die Tiere im Winter aus dem Stall zu lassen, ist nicht immer so einfach zu erfüllen, wie sie sich anhört. Jedenfalls nicht dort, wo das Stallgebäude von anderen Gebäuden eingekesselt ist. 

Im Ackerbau ist die Umstellung mit sinkenden Erträgen verbunden, während gleichzeitig der Arbeitsaufwand steigt. Das ist vor allem in der Umstellungszeit ein Problem, weil für Umstellungsware in der Regel keine Biopreise bezahlt werden. Bei Kartoffeln steigt der Aufwand zum Beispiel um rund 10%, während der Naturalertrag um etwa 40% abnimmt; beim Körnermais geht man von 20% weniger Ertrag, bei einem gleichzeitig 50% höheren Arbeitsaufwand aus. Beim Gemüseanbau sind die Unterschiede sogar noch grösser. Da die Unkrautbekämpfung im Gemüsebau von Hand erfolgt, kann der Arbeitsaufwand um mehr als 100% ansteigen - während der Ertrag um 10 bis 30% schrumpft.

Erschwerend kommt dazu, dass nicht bei allen Bioprodukten deutlich höhere Preise gelöst werden: Beim Kalb- und Rindfleisch ist der Biozuschlag nach wie vor gering bis Null. Hier kann Bio nur in Wert gesetzt werden, wenn das Fleisch direkt vermarktet wird. Die höheren Direktzahlungen für Biobetriebe gleichen die Mindereinnahmen und Mehraufwände während der Umstellung nur teilweise aus. ed

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