2.06.2019 06:16
Quelle: schweizerbauer.ch - Melina Gerhard
Thurgau
Auf Tuchfühlung mit Kuh und Kalb
Die junge Familie Heeb aus Güttingen TG bietet seit letztem Jahr Stallvisiten an. Interessierte können dabei zuschauen, woher ihre Milch stammt und vom jungen Betriebsleiter einiges lernen.

An diesem Tag regnet es nur einmal. Man möchte möglichst nicht nach draussen gehen bei diesem nasskalten Wetter. Für Markus Heeb ist das allerdings keine Option.

Mit seinem Hoflader flitzt er auf dem Hof umher und bringt Futter aus dem Fahrsilo in den Stall. "Für den Mittag", wie er erklärt. Denn die 75 Milchkühe im Laufstall kauen nach dem ersten Melkgang bereits zufrieden auf den Liegebetten ihr Frühstück wieder.

Im grossen Stall herrscht eine ruhige Atmosphäre. Und das obwohl die Kälber, die Erstkalberinnen und die grosse Herde alle unter demselben Dach wohnen. Schwarz-weiss ist die dominierende Farbkombination, nur ein paar rot-weiss gefleckte Tiere sind auszumachen. Es erstaunt nicht, denn Heeb züchtet Holstein-Friesian Kühe. 

Ein Drei-Mann-Betrieb

Für Shows und Prämierungen bleibt allerdings keine Zeit. Zusammen mit seiner Frau Lea verbringen sie die Freizeit gerne mit den drei Söhnen im Alter von 1 bis 6 Jahren. Lea hilft auf dem Betrieb nur mit, wenn Not am Mann respektive an der Frau ist. Sie ist als Pflegefachfrau in einem Teilzeitpensum auswärts tätig.

Die Hofarbeiten zuhause bestreitet ihr Mann zusammen mit einem Lehrling. Bereits seit acht Jahren bildet Markus Heeb Lehrlinge aus. "Ich könnte die Arbeit auf dem Hof nicht alleine meistern", meint er dazu. Aktuell sei ein Zweitausbildner auf dem Hof, was Heeb sehr schätzt. Zusätzlich kommt sein Vater aus dem Nachbardorf fast jeden Morgen helfen. "Ausser heute, da hat er sich wohl gedacht, dass bei diesem schlechten Wetter sowieso nichts läuft", schmunzelt Markus Heeb. 

Ideal für einen Familienausflug

Geduldig erklärt Heeb, was auf seinem Hof abläuft. Die Leidenschaft, die der junge Landwirt für seine Tiere, den Hof und seinen Beruf hegt, ist deutlich zu erkennen. Für ihn war es darum klar, dass er am Angebot Stallvisite mitmachen möchte. Als er davon erfuhr, liess er sich nicht zweimal bitten und meldete sich an.

"Fünfzig Meter entfernt von unserem Betrieb führt eine Veloroute vorbei. Unsere Lage ist ideal für Familien, die einen Ausflug planen", so der Betriebsleiter. "Wir möchten den Konsumentinnen und Konsumenten zeigen, woher ihre Produkte kommen", meint Lea Heeb. Und ihr Mann ergänzt: "Mir ist es wichtig, den Leuten zu zeigen, wie moderne Landwirtschaft geht." Die junge Familie ist längst nicht die einzige, die ihre Stalltüren für Interessierte öffnet. In der Schweiz laden insgesamt über 300 Bauernhöfe dazu ein, das Zuhause der Hoftiere zu entdecken und zu lernen, woher unsere Lebensmittel stammen. 

Projekt Stallvisite

Das Projekt Stallvisite lädt interessierte Besucher ein, bei angemeldeten Bauernhöfen einfach mal vorbeizuschauen. Ohne Anmeldung, ohne Kosten. Höfe, die mitmachen, sind auf www.stallvisite.ch ersichtlich. Eine Begrüssungstafel auf dem Hof zeigt die individuellen Öffnungszeiten an. 

Ziel des Projektes ist es, die Produktion von Lebensmitteln wieder vermehrt ins Bewusstsein von Konsumentinnen und Konsumenten zu rücken. Nicht nur für Kleine ist die Stallvisite spannend. Wie wird Milch produziert? Was braucht es, damit Schweine zufrieden sind? Was essen Hühner? Für Antworten zu diesen und viel mehr Fragen wenden Sie sich am besten an den Stallvisite-Hof in Ihrer Nähe! 

Für Fragen zum Projekt wenden Sie sich an: Aline Gerber, Projektleiterin Stallvisite: Tel: 031 359 59 71 / 079 463 06 37, aline.gerber@lid.ch


Vom Korn zur Milch

Heeb legt Wert darauf, seinen Kühen möglichst viel eigens produziertes Futter zu verfüttern. Auf rund 70% schätzt Heeb den Anteil am Futter, den er auf 22 Hektaren selber produziert. Der Rest wird von viehlosen Betrieben aus dem Dorf zugekauft. Er baut Mais, Gras, Gerste und Futterweizen an. Das silierte Gras und den Mais lagert er im Fahrsilo.

"Meinen Kühen füttere ich eine Mischung aus Silomais, siliertem Gras, Apfeltrester, Heu, Getreidemischung und Mineralstoffen", so der Betriebsleiter. Im Futtermischer wird die Ration zusammengefügt und dann mit dem Mischwagen im Stall verteilt. Das Zuschieben des Futters übernimmt ein Roboter, der seine Arbeit normalerweise leise und zuverlässig verrichtet. Gerade hat er sich allerdings festgefahren. Nur kurz tippt Markus Heeb auf dem Touchscreen herum und schon fährt der automatische Futterschieber wieder. 

Seine Kühe brauchen viel Energie

Die Kühe brauchen viel Energie, denn sie werden täglich dreimal gemolken: Um 5 Uhr, 13 Uhr und 20 Uhr stehen der Betriebsleiter und sein Lehrling für etwa 2 Stunden im Melkstand. "Ich möchte meinen Tieren ein möglichst komfortables Leben bieten. Wenn ich sie dreimal täglich melke, dann fühlen sie sich am wohlsten", ist Markus Heeb überzeugt. 

Er scheut sich nicht vor Arbeit, hat im Stall möglichst viel selber gebaut und übernimmt nebst dem Besamungsdienst auch die Klauenpflege seiner Kühe selber. Gelernt hat er's von seinem Vater. Jeweils einen Morgen pro Woche reserviert er sich für die Klauen seiner Kühe. Vielfach muss er Wunden desinfizieren und neu einbinden. Die Erdbeerkrankheit, eine Infektion die vielen Kühen in Schweizer Laufställen Schmerzen an den Klauen bereitet, macht auch seinen "Ladies" das Leben schwer. 

Schwarz-weisse Leidenschaft

Markus Heeb streicht der Kuh "Quellana" über den Kopf. Auch wenn es eine grosse Herde ist - Heeb kennt alle seine Tiere beim Namen. Die Kühe sind seine Leidenschaft. Er züchtet gesunde, funktionelle Kühe.

Am liebsten verbringt der Betriebsleiter seine Zeit im Kuhstall. Er tüftelt an neuen Kälberboxen, die den Jungtieren Gelegenheit zum Spielen geben sollen, füttert, macht sauber. Das schlechte Wetter macht ihm nichts aus, "Hauptsache ich bin draussen", sagt er und gibt zu, dass Büroarbeiten nicht seine Lieblingsbeschäftigung sind. Verständlich für jemanden, der beim Arbeiten eine so tolle Aussicht auf den Bodensee hat.

"Für dieses Jahr wünsche ich mir noch mehr Besucher, die die Stallvisite nutzen. Ich erkläre jedem gerne, was wir auf meinem Hof machen", sagt er geduldig, während ein Geländewagen auf dem Hof parkt. Ein Züchter ist extra aus dem Glarnerland angereist, um sich Heeb's Kühe anzuschauen. Für den jungen Landwirt kein Grund zur Überheblichkeit. Dass er sich gerne Zeit nimmt, um Leuten von seiner Leidenschaft zu erzählen, glaubt man ihm sofort. 

 

 

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