31.07.2020 07:34
Quelle: schweizerbauer.ch - mge
Ausbildung
«Ausbildung reicht nicht mehr»
Christian Schönbächler ist Präsident der Junglandwirte. Er spricht über die gestiegenen Anforderungen an diese Berufsgruppe.

«Schweizer Bauer»: Sie sind im Vorstand der Junglandwirte (Jula) aktiv. Wie war Ihr Weg dorthin?
Christian Schönbächler: Ich bin auf einem Bauernhof in Einsiedeln aufgewachsen. Ich habe dann die Erstausbildung EFZ zum Landwirt gemacht. Das war im alten System, mit zwei Jahren Praxis auf einem Betrieb und im dritten Jahr Vollzeit Schule. Die Praxisjahre habe ich in der Westschweiz absolviert. Danach habe ich am Strickhof die Ausbildung zum Agrotechniker gemacht. Im Anschluss arbeitete  ich sieben Jahre beim Bauernverband Kanton Aargau. Nun führe ich in Einsiedeln einen Milchwirtschaftsbetrieb mit 24 Kühen der Rasse Braunvieh. In der Jula bin ich nun seit gut fünf Jahren als Vertreter der Zentralschweiz und des Berggebiets, die letzten drei Jahre davon als Präsident. 

Wohin liefern Sie die Milch?
Ich liefere die Milch an die Milchmanufaktur Einsiedeln. Die Milch ist silofrei und wird nach Qualität bezahlt. Das kann im Preis schnell mal 10 Rappen ausmachen. Das nimmt die Produzenten in die Pflicht, tagtäglich saubere und gute Arbeit zu leisten. 

Was ist bei Ihrer Evaluation zum Thema «Anforderungen an die Berufsbildung» herausgekommen?
Wir haben uns Jula-intern sehr intensiv mit der Evaluation befasst, und zwei Mitglieder von uns waren bei den Workshops vom OdA AgriAliForm (Vereinigung von zehn Mitgliederorganisationen zur beruflichen Aus- und Weiterbildung im Berufsfeld Land- und Pferdewirtschaft) anwesend. Jula-intern war es zu Beginn schwierig zu definieren, was die Landwirtinnen und Landwirte für Kompetenzen beherrschen sollten.

Welche?
Fakt ist, die Anforderungen an unsere Berufsgruppe sind stark gestiegen, und auch der Druck der Öffentlichkeit auf die Landwirtschaft hat sich erhöht. Stichwort: Volksinitiativen. Es ist komplexer geworden, und wir sind in der Beobachtung der Öffentlichkeit. Auch das finanzielle Umfeld ist nicht einfacher geworden. Darum haben wir uns gefragt, ob die aktuelle Ausbildung gut genug ist. Bilden wir Betriebsleiter oder doch eher landwirtschaftliche Angestellte aus? Wir sind der Meinung, dass der heutige Ausbildungsstand den zukünftigen Anforderungen nicht mehr gerecht wird. 

Welche Vertreter der Branche waren bei den Grossgruppenworkshops 2018 dabei?
Nebst der Jula waren verschiedenste Akteure mit dabei wie etwa Bauernverbände, Fachorganisationen, Vertreter der Schulleiterkonferenz  und andere Organisationen.

Was ist Ihre konkrete Forderung?
Unsere Hauptforderung ist, die landwirtschaftliche Ausbildung von drei auf vier Jahre zu verlängern. Dabei würden nicht nur die landwirtschaftlichen Schulen, sondern auch die Lehrmeister stärker in die Pflicht genommen. 

Was gibt es am Nebenerwerbskurs (NEK) auszusetzen?
Das ist ein schwieriges Thema. Ich habe noch nie einen Bauern getroffen, der den klassischen Ausbildungsweg gemacht hat und den NEK gut findet. Wenn man sich ein wenig umhört, sind die NEK-Teilnehmer oft Leute, die relativ einfach und billig zu einer Direktzahlungsberechtigung kommen möchten. Ich gehe nicht davon aus, dass jeder Teilnehmer einen Hof übernehmen und für die Nahrungsmittelproduktion und die Biodiversität etwas beitragen möchte. Viel eher ist es so, dass es um die schöne Wohnlage im Grünen geht, dass man dazu ein paar Tiere zum Hobby halten, gleichzeitig Steuern sparen und Direktzahlungen abholen möchte. 

Sie wünschen sich mehr Augenmerk auf das Thema Betriebswirtschaft.
Eine konkrete Forderung diesbezüglich gibt es von uns nicht. Das Augenmerk sollte sicher darauf gelegt werden, dass dieses Fach nicht weiter abgebaut und vernachlässigt wird. Im Leben eines Landwirts gibt es eine, maximal zwei Situationen, wo er eine grössere Investition tätigt. Diese beeinflusst den Rest seiner beruflichen Tätigkeit. Wenn er dann eine gute Entscheidung fällt, ist das Wirtschaften einfacher. Bei einer falschen Entscheidung beeinflusst das den Hof ziemlich lange. Deshalb sollte man dort den Finger darauflegen.

Werden Themen rund um Biodiversität, Tierwohl und CO2-Einsparungen auch von Ihnen ins Auge gefasst? Wie sollte das in der Schule umgesetzt werden?
Diese Themen haben wir in der Junglandwirtekommission bisher nur am Rande  thematisiert. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass es keinen Sinn macht, diese Themen in einem separaten Schulfach zu behandeln. Sie werden sicher wichtiger, aber man sollte sie in anderen Fächern integrieren. Die Landwirtschaft ist ein Kreislauf, es gibt nur den ganzen Betrieb, und darum sind diese Themen auch in jedem Gebiet enthalten.

Gibt es Austausch und Erfahrungen aus dem Ausland?
Wir führen zwar mit anderen Junglandwirten aus Deutschland, Österreich und dem Südtirol einen Austausch, aber das Thema Bildung ist dabei noch nicht zur Sprache gekommen. 

Sollte man regionale Unterschiede in der Berufsbildung beachten?
Persönlich finde ich die Ausbildungsjahre auf verschiedenen Betrieben sehr wertvoll. Man lernt im Idealfall andere Regionen und andere Mentalitäten kennen sowie andere Betriebskonzepte. Das ist sehr wichtig für die jungen Landwirtinnen und Landwirte. Es ist die Chance, neue Sachen zu sehen. Ich bin klar dagegen, in der Berufsbildung auf regionale Unterschiede einzugehen. Das wäre eine absolute Katastrophe. Was einen weiterbringt, ist, rauszugehen und Dinge anzusehen, die man sich vielleicht noch nicht vorstellen kann. In der Landwirtschaft kann man sich immer verbessern. Als Landwirt ist man sein eigener Chef. Das bedeutet auch, dass man neue Praktiken ausprobieren und den Horizont erweitern kann. 

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