14.06.2016 12:41
Quelle: schweizerbauer.ch - Robert Alder
Bern
Bauernfamilie verliert ein Drittel ihrer Fläche
Mit dem Entscheid der Stadtberner Stimmberechtigten, das Viererfeld im Länggasse-Quartier zu überbauen, verliert die Familie Matter einen Drittel ihrer Existenz. Der Familie droht weiteres Ungemach: Ihr Land in Riedbach BE könnte auch für die geplante BLS-Werkstätte interessant sein.

Hans Matter hat eine Beziehung zum Viererfeld, das im Westen an den Kleinen Bremgartenwald grenzt. Schliesslich hat er dort seine Kindheit verbracht. Dort, wo vor hundert Jahren die Landesausstellung stattfand. Dort, wo zu diesem Zweck ein Musterbauernhof errichtet wurde.

Dieser ist inzwischen abgebrochen worden. Aber Matters schwarze Dexter-Mutterkühe weiden noch dort, zur Freude der Anwohner. Doch diese Tage scheinen gezählt: Am letzten Wochenende stimmten die Stadtberner der Einzonung und damit der Überbauung zu.

100 Jahre Pächter

Seine Familie sei seit genau hundert Jahren Pächter des Viererfelds. «Ich habe noch einen handgeschriebenen Pachtvertrag von damals», bemerkt er schmunzelnd. 1968 zogen Matters auf den jetzigen Hof in Riedbach, im Westen der Stadt. Dieser ist der einzige von 40 Bauernhöfen der Burgergemeinde Bern auf Stadtgebiet.

Am Neujahr haben seine Tochter Claudia Matter und ihr Partner Pavo Banovic den Pachtbetrieb und damit auch das Land im Viererfeld übernommen. «Wir haben dort noch einjährige Pachtverträge», sagt sie. Schon 1965, als das Land an den Kanton verkauft wurde, habe es geheissen, dass es höchstens noch 2 bis 3 Jahre gehe, bis es überbaut werde. Doch der Entscheid vom Sonntag komme nicht aus heiterem Himmel, auch wenn er nicht in seinem Sinne sei, so der 65-jährige Vater. 

Das Viererfeld

Das Viererfeld ist ein rund 160000 m² grosses, hauptsächlich landwirtschaftlich genutztes Gebiet im Norden der Stadt Bern. Mit dem Ja vom letzten Sonntag zur Einzonung erlauben Berns Stimmberechtigte der Stadtregierung auch, rund die Hälfte dem Kanton Bern für 51,1 Mio. Franken abzukaufen. Auf dieser Fläche soll eine verdichtete Wohnüberbauung realisiert werden. Vor zwölf Jahren war die Einzonung des Viererfelds an der Urne noch gescheitert.  61 Einsprachen gingen während der öffentlichen Auflage der Zonenplanänderungen im Juni letzten Jahres bei der Stadt Bern ein. Diese Einsprachen sind noch hängig. Nebst der landwirtschaftlichen Nutzung gibt es Familiengärten, ein Fussballfeld und einen Spielplatz. Die andere Hälfte bleibt im Eigentum des Kantons und wird dem Quartier jedoch in den kommenden vierzig Jahren  für öffentlich nutzbare Grün, Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen zur Verfügung gestellt. Das Land im Viererfeld ist seit 1965 im Besitz des Kantons. Eigentlich sollten dort Universitätsbauten entstehen. blu

Variante für BLS

Vis-à-vis steht die Schiessanlage, die Stadtnomaden waren auch da, und jetzt plagt die junge Betriebsleiterfamilie noch eine weitere Ungewissheit: Ihr Land hinter dem Haus könnte als möglicher Standort für die BLS-Werkstätte im Riedbach in Betracht gezogen werden, befürchten sie. «Wie sollen wir ohne Land bauern, da können wir gleich wieder aufhören», sagt die 38-jährige Betriebsleiterin.

Sie hatte wie ihr Partner in Zürich eine leitende Position in der Pflege gehabt und sich entschieden, auch ihrer Tochter zuliebe, aufs Land zu ziehen, sich zur Landwirtin EFZ auszubilden und den elterlichen Betrieb mit Ackerbau, Mutterkuhhaltung und Agrotourismus zu übernehmen. Bruno Riedo, Domänenverwalter der Burgergemeinde Bern, dazu: «Man konnte in den Medien lesen, dass im Riedbach mehrere Alternativen geprüft würden. Aber es haben noch keine Gespräche zwischen der BLS und uns stattgefunden.»

"Die Natur hat halt keinen Anwalt"

Die BLS verweist auf die Begleitgruppe, die Alternativstandorte vorschlagen werde. Auch wenn es noch ein paar Jahre gehen wird, bis die Bagger im Viererfeld auffahren: Die Perspektiven sind nicht nur optimistisch. Dabei sind Matters voller Ideen. Die Augen von Vater Hans beginnen zu leuchten. Jahrelang hat er mit seiner Frau «Schule auf dem Bauernhof» angeboten.

«Hier hat es alles, was eine intakte Natur zu bieten hat: Dachse, Biber, Vögel. Es ist schön, den Kindern zu zeigen, wie ein Stück Holz wieder zu Erde wird, wie der Wasserkreislauf funktioniert.» Fragen von Passanten gebe es auch im Viererfeld, wenn er dort arbeite.  «Diese werden in den Wohnbauten nicht mehr beantwortet. Aber so ist es eben, die Natur hat halt keinen Anwalt», sagt er nachdenklich. Werte, die seine Tochter auch gerne weitergeben möchte. Mit Überzeugung und mit spürbarer Freude.

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