18.07.2014 10:39
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Migros
«Beim Fleisch hat Inlandproduktion Priorität»
Walter Huber, Chef der M-Industrie, will mit dem Unternehmen weiterwachsen. Dies vor allem im Gastrogeschäft und im Ausland. Im Export sieht Huber Chancen für Käse, bei Frischfleisch und -milch ist er skeptisch.

«Schweizer Bauer»: Walter Huber, Sie tragen eine grosse Verantwortung für die Schweizer Landwirtschaft. Ein Viertel der Produktion der Schweizer Landwirtschaft geht an die Betriebe der M-Industrie. Wie gehen Sie damit um?
Walter Huber: Wir sind natürlich sehr stolz, dass wir ein wichtiger Partner für die Schweizer Bauern sind. Es ist ein Bekenntnis der Migros, dass wir auf Regionalität und Swissness setzen. Dies ist unsere Basis.

Das Wachstum bei M-Industrie im Jahr 2013 war beeindruckend. Geht nun das so weiter?
Wir haben eine Wachstumsstrategie, werden aber nicht jedes Jahr in diesen Grössenordnungen zulegen können. 

Wo liegt noch Potenzial brach, das die M-Industrie bearbeiten könnte?
In der Schweiz sehen wir Wachstumschancen in der Gastronomie. Die zweite Stossrichtung liegt ganz klar auf dem internationalen Geschäft.

Welche Produkte genau versprechen in den kommenden Jahren das grösste Wachstum?
Dank des Wachsens in der Gastronomie wird in der Schweiz vor allem der Frischproduktbereich wichtiger werden. Im internationalen Bereich liegt das grösste Potenzial bei Kosmetik, Schokolade, bei Biskuits, Kaffee und auch beim Käse.

Das Segment Backwaren weist das geringste Wachstum auf. Ist das vor allem auf den Importdruck zurückzuführen?
Backwaren sind an immer mehr Verkaufspunkten wie Tankstellenshops und Convenience Stores erhältlich. Zudem haben wir «Migros-like» die Preise reduziert. Trotzdem haben wir dank unserer Frischequalität und neuer Produkte die Marktführerschaft gut behaupten können.

Beim Fleisch ist insbesondere das Geflügel ein Wachstumstreiber. Gibt es aber noch andere Fleischkategorien, die zulegen könnten?
Wir sind im vergangenen Jahr überall gewachsen, insgesamt um 9 Prozent. Im Hinblick auf den Ausbau des Gastronomiegeschäfts dürfte vor allem der Frischfleischbereich zulegen. Im Detailhandel sind es die Labelprodukte wie Terra Suisse und Weide-Beef, die weiter Wachstum versprechen, aber vor allem auch Geflügel und Fisch.

Beim Geflügel haben Sie sich entschlossen, in Ungarn nach Schweizer Tierschutznormen zu produzieren. Dies ruft bei einigen Landwirtschaftsvertretern die Befürchtung hervor, dass die Migros künftig in weiteren Bereichen im Ausland produzieren lässt. Ist dies ein realistisches Szenario?
Wir haben nie kommuniziert, dass wir die Geflügelproduktion ins Ausland verlagern wollen. In Ungarn lassen wir die Truten und die Kaninchen produzieren. Wir gaben unseren Schweizer Konsumenten das Versprechen ab, dass Importfleisch nach Schweizer Tierschutzstandards produziert werden muss. Gleichzeitig haben wir bekräftigt, dass Regionalität und Swissness Kernwerte der Migros und deren Verarbeitungsbetriebe sind. Erste Priorität beim Fleisch hat die Produktion im Inland.

Das Käsegeschäft verspricht gutes Wachstum. Nun haben Sie im vergangenen Jahr die Bergsenn AG übernommen. Sind noch weitere Akquisitionen geplant?
Wir halten immer die Augen und die Ohren offen für weitere Betriebe. Momentan sind keine Projekte spruchreif.

Das internationale Geschäft soll weiterwachsen. Haben nebst dem Käse noch andere Produkte eine Chance auf den ausländischen Märkten?
Gute Geschäfte realisieren wir bei der Schokolade. Auch Biskuits haben durchaus Potenzial.

...aber wie sieht es beispielsweise beim Fleisch aus. Hier dürfte es doch schwierig werden?
Warten wir einmal ab, was uns das Freihandelsabkommen mit China bringt. Bei Fleischspezialitäten ist noch Potenzial vorhanden. Bei Frischmilch und Frischfleisch haben wir aber einen zu hohen Agrarschutz.

Könnten Sie sich auch vorstellen, Milchprodukte nach China auszuführen?
Ich hege da starke Zweifel, mit grossen Mengen Frischmilchprodukten in China Fuss zu fassen. Aber im Premiumsegment gibt es durchaus Chancen. Die Mengen werden wohl eher im homöopathischen Bereich liegen.

Das BLW veröffentlichte vor Kurzem einen Bericht zur Öffnung der weissen Linie bei Milchprodukten mit der EU. Wie sieht Ihre Meinung dazu aus?
Die Öffnung der Märkte schreitet weiter voran, wie beispielsweise die Verhandlungen zwischen der EU und den USA zeigen. Auch die Schweiz strebt weitere Freihandelsabkommen an, beispielsweise mit Brasilien. Da anzunehmen ist, dass auch die Landwirtschaft Teil der Liberalisierungsbemühungen sein wird, sind im Bereich der Agrarmärkte nun vom Bundesrat Lösungen gefragt. Die Migros setzt sich bekannterweise für eine markt- und wettbewerbsorientierte Land- und Ernährungswirtschaft in der Schweiz ein und hat sich für eine kontrollierte, umfassende Marktöffnung engagiert. Die sektorielle Marktöffnung im Bereich Milch weiter voranzutreiben, wurde nicht von der Migros initiiert und ist auch nicht prioritär. Obwohl die Migros den umfassenden Ansatz bevorzugen würde, unterstützt sie grundsätzlich Bemühungen zur Vorbereitung auf weitere Öffnungsschritte.

Ist die M-Industrie der Schweizer Bevölkerung kein Begriff, dass Sie im Frühjahr eine grosse Werbekampagne schalteten?
Wir haben festgestellt, dass über 70 Prozent der Bevölkerung nicht mehr wissen, dass viele Migros-Produkte in eigenen Industriebetrieben in der Schweiz hergestellt werden. Es ist sehr wichtig, dass der Kunde vernimmt, wie wir produzieren. Dies stärkt das Vertrauen der Kunden in unsere Produkte zusätzlich.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE