8.06.2016 11:27
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Sigrist
Zürich
Bekannte US-Tierwohl-Expertin zu Besuch
In Amerika ist Temple Grandin die wohl bekannteste Expertin in Sachen Tierwohl. Die Gründe dafür wurden am Wochenende in Hinwil ZH deutlich, als sie im Schlachthof Tipps zum Umgang mit den Tieren gab.

Ein Hauch von Amerika umweht die Besucherin, als sie auf die kleine, wartende Gruppe vor dem Schlachthof Hinwil zugeht. Würde sie einen Cowboyhut und Boots tragen, wäre der Western Style perfekt, doch fast scheint, sie hätte sich mit dem Mann vom Tierschutz abgesprochen: Er trägt den Hut, sie ein rotes Tuch um den Hals, das von einer Metallschnalle  zusammengehalten wird.

Ein scharfes Auge

Temple Grandin ist eine American Lady und wirkt auf den ersten Blick fast ein wenig exotisch unter den Schweizern. Anfänglich dominiert Zurückhaltung, gemischt mit einer Portion Scheu, denn die Anwesenden wissen, dass die 68-jährige wohl eine der bekanntesten, wenn nicht gar die bekannteste Expertin in Sachen Tierwohl für Nutztiere ist – aber eben auch Autistin.

Und darum will ihr niemand zu nahe treten. Doch beim Vorführen der Videos von ihrer Homepage ist das Eis schnell gebrochen, und lebhafte Diskussionen entstehen. Noch viel lockerer wird es beim Gang durch den Schlachthof. Grandin hat ein scharfes Auge und verblüfft mit ihren genauen Beobachtungen. «Da, diese Lichtstreifen am Boden – kann es sein, dass sie die Tiere beim Gang zur Schlachtung irritieren?», meint sie. «Und hier, wenn das Tier an diesem Punkt steht, ist sein Stand vielleicht instabil? Der Boden ist schräg und rechts nicht klar begrenzt. Ganz wichtig auch: Es darf keine Luft gegen die Tiere wehen.»

Gastgeber begeistert

Die Gastgeber sind begeistert, allen voran Heiner Birrer, Mitinhaber des Fleischandelsunternehmens Lucarna-Macana. «Sie ist einfach super!», freut er sich. «Ihr Rat ist für uns sehr wertvoll, denn wir werden demnächst einen Teil des Betriebs umbauen und ihre Meinung sicher einfliessen lassen.»

Auch Betriebsleiter Sepp Marty ist froh, dass eine aussenstehende Fachperson einen Blick auf den Betrieb wirft, der ihm so zum Alltag geworden ist, dass er ihn schwer aus Distanz betrachten kann.

Das Visuelle entscheidet

Viele Fragen werden Temple Grandin gestellt und alle Anregungen notiert. «Am wichtigsten ist, sich bewusst zu machen, was die Tiere sehen – vom Abladen bis zum Todeszeitpunkt. Klar gibt es auch Lärm und Gerüche, aber das Visuelle ist entscheidend», wiederholt Grandin mehrmals. «Wenn die Tiere auf ihrem Weg Menschen sehen oder Dinge, die sich bewegen, stocken sie.

Mit einfachsten Schritten lassen sich diese Wege optimieren. Probiert doch einfach mal aus, was sich bewährt, da sind keine teuren Massnahmen nötig. Wichtig ist, sich des Verhaltens der Tiere bewusst zu werden und daraus zu lernen, und nicht, sie mit mechanischer Gewalt vorwärtszubringen.»

In Tiere einfühlen

Temple Grandin hat ihre eigene Situation als Autistin genutzt, um sich in Tiere einfühlen zu können. Ihre Reaktion auf Reizüberflutung zum Beispiel, die es für sie zu kanalisieren gilt. Dank ihr gibt es heute in vielen Schlachthöfen weltweit tierfreundlichere Anlagen als früher, ein Umstand, von dem nicht nur die Tiere profitieren, sondern auch die Mitarbeiter.

«Als ich ihre Bücher gelesen habe, war mir klar: Ein Ende mit Anstand und Würde – das will ich auch für unseren Schlachthof», erklärt Heiner Birrer. «Darum bin ich sehr glücklich, dass wir sie heute hier haben.»

Wertvolle Anstösse

Der Besuch in Hinwil wurde in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Tierschutz (STS) organisiert, der Temple Grandin zu seiner Nutztiertagung eingeladen hatte. Ein STS-Vertreter meinte, man könne die Situation noch in vielen Schlachthöfen verbessern. Die Amerikanerin sei zum Glück eine Stimme, auf die gehört werde.

Patrick Preisig, Schlachthoftierarzt in Hinwil und Leiter Fleischkontrolle, äusserte sich wie die meisten der anwesenden Vertreter von Lucarna Micana pragmatisch: «Die Anstösse von Temple Grandin sind für uns wertvoll. Wir können bestimmt viele davon umsetzen – es ist doch gut, wenn wir das tun, bevor es uns ein Gesetz plötzlich vorschreibt.»

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE