14.12.2012 07:17
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda
AP 2017
Bergbauer kann 40'000 Franken mehr verdienen
Dank der neuen Agrarpolitik können Bergbauern künftig gänzlich ohne Vieh auskommen. Und dabei viel mehr verdienen.

Auf die Bergbauern kommen goldene Zeiten zu, der Staat will sie von der Mühsal des Fütterns und Mistens befreien. Der schlaue Bergbauer kann sein Vieh verkaufen und künftig 100 Prozent Ökofläche machen. Die muss er bekanntlich nicht mehr zwei- bis dreimal im Jahr, sondern nur noch einmal im Sommer mähen, womit sich seine Jahresarbeitszeit auf rund vier Wochen reduziert – er aber immer noch auf mehr als 0,5 Standardarbeitskräfte (SAK) kommt.

Mit der reinen Landschaftspflege würde er nicht wie heute nur 20'000 Franken verdienen, sondern 60'000 Franken. Die restlichen elf Monate könnte er dann noch für einen Nebenjob nutzen. Das darf zur Not auch Bankdirektor sein – die Einkommens- und Vermögensgrenzen für den Bezug von Direktzahlungen sollen ja aufgehoben werden.

Keine Tiere nötig

Völlig verrückt? Leider nein. Zwar ist auf intensiven Wiesen und Weiden künftig ein Mindesttierbesatz vorgesehen. Der 15-ha-Durchschnitts-Bergbauer müsste deshalb eigentlich noch fünf, sechs Kühe halten. Doch für Ökowiesen – die neu Biodiversitätsförderflächen (BFF) heissen – gilt dieser Mindesttierbesatz nicht. Deshalb können Bergbauern künftig tatsächlich ganz aufs Vieh verzichten.

Ob und wie viele das tun, ist unklar – aber durchaus im Bereich des Möglichen. Denn Stefan Mann von der Forschungsanstalt Agroscope hat berechnet, dass mangels Vieh bis in acht Jahren 10'000 ha Grünland im Berggebiet nicht mehr zur Futtergewinnung benötigt werden, 8'000 davon allein in den Bergzonen III und IV.

Diese Wiesen werden künftig höchstens noch gemäht, um Direktzahlungen zu generieren. Zum Vergleich: Der Kanton Obwalden hat eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 7'800 ha. 

BLW sieht kein Problem

Simon Lanz vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) sieht darin kein Problem: «Mit den Direktzahlungen sollen gemeinwirtschaftliche Leistungen gefördert werden. Deshalb geht es auch nicht primär um den Input an Arbeit, der geleistet wird, sondern um den Output an Leistungen zugunsten der Gesellschaft.» Weil der Beispielbetrieb einen wichtigen Beitrag für die Biodiversität leistet, wenn er zum Beispiel auf 10 ha die Anforderungen für biologische Qualität erfüllt, hält Lanz die Beiträge für gerechtfertigt.

Pikant daran: Auch mit dem heute vorhandenen Tierbesatz werden in den Bergzonen III und IV die Umweltziele auf 30 bis 40 Prozent beziehungsweise 40 bis 50 Prozent der Flächen erfüllt, wie Agroscope-Mitarbeiter Thomas Walter in einem Beitrag der Zeitschrift «Hotspot» aufzeigt. Bezüglich Biodiversität bestehen in diesen Zonen also gar keine Ziellücken.

Sogar Graslandbeiträge

Der viehlose Bauer erhält zudem Versorgungssicherheitsbeiträge, weil «mit der Futterproduktion auf den BFF ein Beitrag zur Erhaltung der Produktionskapazität geleistet wird». Obwohl der Bauer das Ökogras auch kompostieren oder verbrennen darf, es muss also keineswegs verfüttert werden. Und beim BLW wird derzeit sogar darüber diskutiert, ob BF-Flächen – auch ohne Mindesttierbesatz – Anspruch auf Beiträge für graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion haben.

Dazu würden zwei Ziegen reichen, und unser Beispiel-Bergbauer könnte für die gesamte Fläche auch noch Grasland-Produktionsbeiträge beziehen. Wenigstens das will das BLW verhindern. Lanz: «Das BLW wird hier eine Lösung präsentieren, die diese Möglichkeit ausschliesst.»

Heute noch Working Poor

Beim heutigen Direktzahlungssystem bekommt unser Beispielbauer, der in der Bergzone III 15 ha bewirtschaftet und elf Kühe, zehn Rinder und drei Kälber hält pro Jahr:

Flächenbeiträge  Fr. 20'500.–
Ökobeiträge       Fr. 2'200.–
Tierbeiträge       Fr. 27'000.—
Tierwohlbeiträge Fr. 3'000.–

Total                Fr. 52'700.–

Dafür arbeitet er mit seiner Familie das ganze Jahr. Für Gebäude, Maschinen, Tierarzt, Kraftfutter usw. gibt er 110'000 Franken aus. Mit dem Kälber-, Milch- und Fleischverkauf plus den Direktzahlungen nimmt er 140'000 Franken ein. Am Ende bleiben ihm gerade noch 30'000 Franken übrig – 20'000 Franken pro Familienarbeitskraft.

Datengrundlage

Beim Beispielbetrieb handelt es sich um einen repräsentativen Betrieb der Bergzone III gemäss Grundlagenbericht 2011, die Beträge wurden lediglich gerundet. Die Berechnung für die Beiträge gemäss AP2017 erfolgte gemäss den aktuellen Vorschlägen, es wurden lediglich ein paar Annahmen für Anteil Vernetzung und Fläche mit Öko-Qualität getroffen.

Zu den Berechnungen im oben erwähnten Beispiel

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