29.08.2013 06:28
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Organisationen
«Bewusstseinswandel bei Molkereien»
Die Milchknappheit habe die Verarbeiter sensibilisiert, sagt Kurt Nüesch, Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP).

«Schweizer Bauer»: Sie hatten schon seit dem 1. Juni die operative Führung der SMP inne. Was ändert sich jetzt für Sie, wenn Sie SMP-Direktor sind?
Kurt Nüesch: Von den Aufgaben her nicht allzu viel. Gegen aussen bin ich natürlich in meiner neuen Funktion exponierter als bisher.

Sie haben Jahrgang 1952. Wie lange bleiben Sie im Amt?
Spätestens mit 70 Jahren geht man bei uns in Pension... Nein, so lange werde ich nicht bleiben. Das ordentliche Pensionierungsalter von 65 Jahren gibt etwa die obere Limite vor.

Also kein Übergangsdirektor?
Nein, so sehe ich mich nicht. Sonst hätte man ja die Interimslösung weiterführen können. In der verbleibenden Zeit will ich mich nochmals mit vollem Engagement für die Interessen der Schweizer Milchproduzenten einsetzen.

Ende April gingen die SMP in eine Klausur. Ein Thema war, inwieweit sich die SMP auf dem Markt einbringen sollen. Wie ist da der aktuelle Stand?
Basierend auf unserer Tagung vom 30. April haben wir einen Bericht erstellt. Diesen haben wir bei unseren Mitgliedorganisationen in die Vernehmlassung gegeben und auch auf unserer Website aufgeschaltet. Nun sind wir daran, die Rückmeldungen aufzuarbeiten und die zweite Klausurtagung von Mitte September vorzubereiten. Zu den konkreten Fragen kann ich im Moment nichts sagen. Da gehen die Meinungen zum Teil auch noch auseinander.

Die Marktmacht der Verarbeiter und der Detailhändler ist sehr gross. Was können die SMP da noch bewegen?
Seit je kauft und verkauft die SMP selbst keine Milch. Das tun heute die Milchvermarktungsorganisationen.  Diese werden wesentlich darüber mitbestimmen, wie die Position der Produzenten am Markt in Zukunft sein wird – einerseits innerhalb der Branchenorganisation Milch (BOM), andererseits konkret beim Verkauf der Milch und bei der internen Zusammenarbeit. Wichtige Aufgabe der SMP ist es, die Verkaufsorganisationen bestmöglich zu unterstützen.

Und die vom abtretenden Führungsduo kritisierten Zielkonflikte von Vorstandsmitgliedern, die auch in den Verwaltungsräten von Molkereien sitzen – sind die noch ein Thema?
Das ist ein Thema, das wir ernst nehmen. Es liegt dazu auch ein offizieller Antrag der PO Lobag vor. Wir werden das noch einmal vertieft diskutieren und dann entscheiden.

Von der SMP-Geschäftsstelle sitzen nicht Sie, sondern Stefan Hagenbuch im BOM-Vorstand. Bleibt das so?
Der SMP-Vorstand hat bestimmt, dass wir in den BOM-Vorstand zwei Vertreter aus dem Vorstand (Hanspeter Kern, mittlerweile Präsident, und André Aeby als 1. Vizepräsident) und einen Vertreter aus der Geschäftsstelle entsenden. Dieser soll die Arbeiten koordinieren, den Support geben und Fachwissen einbringen. Stefan Hagenbuch als unser Fachmann für Molkereimilchfragen ist für diese Aufgabe gewählt. Das bleibt so. Wir sind im BOM-Vorstand, wie er heute zusammengesetzt ist, sehr gut aufgestellt.

Zur Öffnung der weissen Linie erarbeitet der Bund im Auftrag des Parlaments einen Bericht. Wie stellen sich die SMP dazu?
Schon vor einiger Zeit haben wir entschieden, diese Frage auch selbst vertieft anzuschauen. So gaben wir dazu bei der Hochschule HAFL in Zollikofen eine Studie in Auftrag. Im September werden die Ergebnisse dieser Studie der Öffentlichkeit vorgestellt. 

Und da werden sich die SMP auch positionieren?
Also gut: Wenn es vom Bund eine Kompensation von 20 Rp. pro kg auf der gesamten Milchmenge, garantiert für 20 Jahre, gibt, dann werden wir dies nicht ablehnen. Aber das ist nicht realistisch. Die Frage allfälliger Begleitmassnahmen ist ja noch völlig offen. Wir werden uns bei der Vorstellung des Berichts dazu äussern, wie die Ergebnisse der HAFL-Studie aus Sicht der Milchproduzenten zu beurteilen sind. Der Positionsbezug der SMP im Hinblick auf die parlamentarische Behandlung des Berichts des Bundesrates wird erfolgen, wenn dieser und weitere wichtige Fakten vorliegen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Milchmenge im zweiten Halbjahr 2013 ein?
Vorhersagen sind immer relativ schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen Wir gehen davon aus, dass sich die Milchmenge in der zweiten Jahreshälfte ungefähr im Rahmen des Vorjahres bewegen wird. Die vorliegenden Meldungen für Juli und August bestätigen dies.

Wie wollen Sie die Bauern motivieren, bei der Milchproduktion zu bleiben?
Am wichtigsten sind die Perspektiven in Bezug auf die Wertschöpfung aus der Milchproduktion, das heisst Menge mal Preis. Da wollen wir uns weiter engagieren. Derzeit stellen wir fest, dass eine Sensibilisierung auf Seiten der Verarbeiter stattgefunden hat. Noch vor einem halben Jahr sah dies anders aus. Die Verarbeiter sind sich heute bewusst, dass sie nicht davon ausgehen können, dass die Milchmenge einfach so gemolken wird, wenn die Wirtschaftlichkeit nicht stimmt. Hinzu kommen die politischen Rahmenbedingungen, wobei diese heute für die nächsten vier Jahre mehr oder weniger gesetzt sind. Für einen Grossteil der Milchproduzenten ist die AP 2014–2017 alles andere als erfreulich. Als drittes Element ist die Kostenseite zu erwähnen. Da wissen wir, dass die Möglichkeiten zur Optimierung beschränkt sind. Bei den Preisen für die Produktionsmittel und den kostenrelevanten staatlichen Auflagen wollen wir uns künftig zusammen mit dem Bauernverband verstärkt einbringen.

Und dann braucht es noch die Freude an den Kühen?
Ja, neben den wirtschaftlichen Voraussetzungen sind natürlich die Freude an den Tieren und am Melken wichtig – und das Selbstbewusstsein und der Stolz, als Milchbauer ein hochwertiges Nahrungsmittel zu produzieren. Dieses Gefühl zu stärken, wird wichtig sein, nach all dem, was in den letzten Jahren passiert ist.

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