1.09.2017 10:51
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Agriviva
Dank Kühe melken Job finden
Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Italien treibt immer mehr junge Italiener auf Schweizer Bauernhöfe. Während ihrer Ferien sammeln sie dort Arbeitserfahrung und verdienen etwas Taschengeld. Nicht zuletzt erhoffen sich die Jugendlichen auch Vorteile bei der Jobsuche in Italien.

«Die Luft ist so frisch hier», schwärmt Elena Trouché an diesem heissen Augusttag. Auch die hügelige Landschaft mit den grünen Wiesen hat es der 18-jährigen Norditalienerin aus Reggio Emilia angetan. Sie sitzt im Schatten einer Gartenlaube vor dem typisch Emmentaler Bauernhaus in Heimiswil BE. Neben ihr döst der Hofhund in der Sonne, im Garten blühen Blumen in allen Farben und ein Swimming Pool lädt zur Abkühlung ein.

Gymi-Schülerin mit Mistgabel

Doch Elena verbringt hier nicht etwa Ferien auf dem Bauernhof. Während vier Wochen pflückt sie Gurken auf den Feldern der Bauernfamilie Jost, legt sie in Essig ein und greift auch mal zur Mistgabel im Stall. Ans Kühe melken habe sie sich noch nicht gewagt, erzählt die Gymi-Schülerin lachend.

Aber nicht nur die Arbeit ist neu für sie. Auch an den frühen Tagesbeginn, an das Schweizer Essen und an die Sprache müsse sie sich noch gewöhnen. Noch findet sie es anstrengend, deutsch zu sprechen. Lange Zeit zum Plaudern hat Elena aber sowieso nicht, auf dem Hof gibt es immer viel zu tun.

Immer mehr Italiener im Landdienst

Elena ist eine von über 80 Jugendlichen aus Italien, die dieses Jahr über den Verein Agriviva (früher Landdienst) auf einem Schweizer Bauernhof mithelfen. Die Zahl der jungen Italiener, die Agriviva an Bauernhöfe vermittelt, hat sich in den letzten sechs Jahren verfünffacht. Während noch 2011 jeder sechste Teilnehmer aus Italien kam, ist es heute jeder dritte.

Agriviva

Seit über 60 Jahren vermittelt der Verein Agriviva (früher Landdienst) Praktika auf Schweizer Bauernhöfen für Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren. Letztes Jahr haben so rund 1700 Jugendliche aus der Schweiz und EU-/EFTA-Staaten Bauernfamilien unter die Arme gegriffen. Zwischen 12 Franken für 14-Jährige und maximal 20 Franken für 18-Jährige und Ältere erhalten die Teilnehmenden pro Tag. Während die Anmeldezahl über die letzten sechs Jahre um rund 16 Prozent zurückgegangen sind, nehmen immer mehr Jugendliche aus dem Ausland am Programm teil. Die meisten ausländischen Jugendlichen kamen im vergangenen Jahr aus Deutschland (84), dicht gefolgt von Italien (82), an dritter Stelle stand Frankreich mit 41 Teilnehmern. Agriviva ist nicht gewinnorientiert und wird von Bund, Kantonen, verschiedenen bäuerlichen Organisationen, Sponsoren und Gönnern unterstützt.

Laut dem Geschäftsleiter Ueli Bracher liegt dies einerseits an der geografischen Nähe zur Schweiz, andererseits auch an den erschwerten Bedingungen auf dem italienischen Arbeitsmarkt. «Den Einsatz mit Agriviva nutzen die italienischen Jugendlichen, um ihre Kenntnisse zu erweitern, die freie Zeit sinnvoll zu nutzen und auch etwas Geld zu verdienen», vermutet er.

Eine Generation ohne Arbeit

Das Taschengeld war auch für Elena eine Motivation, hierher zu kommen. Sie wolle aber auch Arbeitserfahrungen sammeln und Deutsch lernen. Ausserdem mache sich Auslandserfahrung auf dem Lebenslauf gut. Denn: «Es wird nicht einfach, einen Job in Italien zu finden. Auch mit einem Universitätsabschluss nicht», sagt Elena.

Die Wirtschaftskrise hat Italien besonders stark getroffen. Die Leidtragenden sind vor allem die Jungen: 593'000 der 15 bis 24-jährigen Italiener fanden 2016 gemäss dem Statistikamt Istat keine Arbeit. Deren Arbeitslosenrate ist von rund 20 Prozent im Jahr 2007 auf fast 38 Prozent 2016 geklettert. Dabei ist die Jugendarbeitslosigkeit in Süditalien mit fast 50 Prozent doppelt so hoch wie im Norden.

Stark regulierter Arbeitsmarkt

Knapp ein Drittel der 20 bis 34-jährigen Italienern hatten 2016 ausserdem weder einen Job, die Schule besucht noch sich in einem sonstigen Weiterbildungsprogramm befunden, wie Zahlen von Eurostat zeigen. Neben Griechenland hatte Italien damit den höchsten Anteil sogenannter Neets (Not in Education, Employment or Training) der EU-Mitgliedsstaaten.

Eine der Ursachen für die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Italien sei der stark regulierte Arbeitsmarkt, weiss Patrick Emmenegger, Professor für Politikwissenschaften an der Universität St.Gallen. Es sei zum Beispiel schwierig für italienische Arbeitgeber, Mitarbeiter zu entlassen. «Bekommt ein ungerechtfertigt entlassener Arbeitnehmer vor Gericht Recht, drohen dem Arbeitgeber Strafen in der Höhe von bis zu mehreren Jahreslöhnen», sagt Emmenegger.

Die Jungen werden als erste entlassen

Aus Angst davor stellen die Arbeitgeber erst gar keine Mitarbeitende mehr ein oder schliessen nur noch befristete Arbeitsverträge ab. Diese betreffen dann oft die jungen Arbeitnehmenden. «Deshalb sind sie auch die ersten, die bei einem Wirtschaftsabschwung wieder entlassen werden», sagt Emmenegger. Reformen, die etwa den Abschluss befristeter Verträge regulierten oder die Arbeitslosenversicherung ausbauten, seien dringend nötig. Jedoch fehle Italien dazu das Geld und sie seien politisch schwierig durchzusetzen.

Jacopo Mancabelli, Projektleiter am Center for European Trainees (CET) sieht vor allem das Bildungssystem in Südeuropa als Problem: «Schulen und Unternehmen arbeiten nicht zusammen.» Ziel des CET ist es unter anderem, in Italien und Spanien den Dialog zwischen Unternehmen und Schulen herzustellen und die Länder bei der Einführung eines dualen Bildungssystems zu unterstützen. Denn: «Die Jugendlichen sind zwar gut ausgebildet, aber nicht für den Arbeitsmarkt», sagt Mancabelli.

Misstrauen zwischen Arbeitsorganisationen

Zwar werde jetzt eine Art duales Bildungssystem in Italien eingeführt, dieses sei aber noch sehr experimentell und stehe noch ganz am Anfang. «Das Problem ist, dass die Schulen dafür zu wenig offen sind», sagt Mancabelli: «Ausserdem haben die Unternehmen keine 'Lehrmeister', wie wir sie kennen. Sie wissen nicht, was sie mit den Lehrlingen anfangen sollen.» 

Bei den Firmen in Italien handelt es sich zudem meist um kleinere und mittlere Unternehmen. «Diese haben nicht genügend Geld, um in die Ausbildung von Fachkräften zu investieren.» Ein weiteres Problem sei die fehlende Kooperation zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern.

Dem stimmt auch Emmenegger zu. «In der Schweiz setzen sich neben Bund und Kantonen auch Berufsverbände, Branchenverbände und Sozialpartner für die Berufsbildung ein», erklärt der Politikwissenschaftler. Eine solche Sozialpartnerschaft gebe es in Italien nicht. «Zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern herrscht ein grosses Misstrauen und beide Seiten haben oftmals sehr radikale Ansichten», sagt Emmenegger. Es dürfte deshalb noch einige Zeit dauern, bis ein gegenseitiges Vertrauen aufgebaut ist.

Vorteil bei Jobsuche

Eine Zeit lang in der Schweiz zu arbeiten, könne für Jugendliche bestimmt Vorteile bei der Arbeitssuche in Italien bringen, glaubt Mancabelli. Besonders auch bei der Arbeitssuche im Ausland. Ob sie mal ausserhalb von Italien arbeiten will, weiss Elena noch nicht. Mitte September beginnt ihr letztes Jahr am Gymnasium, danach will sie studieren gehen. Architektur zum Beispiel. Auch Modewissenschaften würden sie interessieren.

Jetzt heisst es für Elena aber erst einmal weiter anpacken und ein bisschen Italien ins Emmental bringen: Nächste Woche gibt es selbstgemachte Penne und Tiramisu für die Familie Jost.

Creating a new generation of farmers

Can short stays on farms attract young people to the business? ??

Posted by Nouvo in English on Montag, 21. August 2017
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