20.02.2017 09:46
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Milchmarkt
Darum melken Bauern weiter
Viele Produzenten von Molkereimilch hören trotz nicht kostendeckenden Preisen nicht mit Melken auf. Bauernverbandspräsident Markus Ritter sieht dafür drei Gründe. Was halten Sie von den Ausführungen von Ritter? Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab.

Es war Mitte Januar, an der Tagung des Bäuerlichen Zentrum Schweiz (BZS) in Kallnach BE. Lohnunternehmer Ueli Brauen aus Suberg BE warf die Frage auf, warum die Milchbauern trotz so schlechten Preisen vielfach weiter Milch produzierten. Er sei Unternehmer, wenn er ein Minus hätte, würde er rasch aufhören, betonte Brauen.

Kein Nachfolger

Bauernverbandspräsident Markus Ritter, der selbst Milch produziert (siehe Kasten unten), nahm im Gasthof «Weisses Kreuz» den Ball von Brauen auf und zählte drei Gründe auf, warum Milchproduzenten trotz Tiefstpreisen weitermelken. Drei Faktoren stünden einem schnellen Ausstieg im Weg:

1) 50 Prozent der Bauern sind über 50 Jahre alt. Und von diesen sagt wiederum die Hälfte, sie hätten keinen Hofnachfolger. Laut Ritter sagen diese Landwirte: «Ich melke doch besser noch, bis ich 65 Jahre alt bin, als in meinem Alter jetzt noch einmal eine Investition zu tätigen.» Das heisst, man ist über die Investition gebunden und daher weniger schnell bereit, in einen anderen Betriebszweig wie Mutterkühe zu investieren.  

Schuldzinsen und Viehzucht


2) Wer neu in die Milchproduktion investiert hat, dehnte in den letzten Jahren die Milchproduktion auf 300'000 oder 500'000 kg Milch aus. Er hält jetzt 50, 70 oder noch mehr Kühe. Diese Bauern haben hohe Investitionen getätigt, für die sie nun einen hohen Kapitaldienst leisten müssen. Das heisst: Schuldzinsen bezahlen müssen. «Diese Bauern können fast nicht aussteigen», betonte Ritter.  

3) Die Viehzucht. Er sei selbst Viehzüchter, sagte Ritter. Der Bauernverbandspräsident war Zuchtbuchführer und Vorstandsmitglied des St. Galler Braunviehzuchtverbandes. «Dort ist es eine emotionale Sache», so Ritter. Die Kühe seien Haustiere. Man sei ihnen verbunden, man pflege sie, schere sie, man verbringe fast mehr Zeit mit den Kühen als mit der Ehefrau. «Da besteht eine enorme Bindung zu diesen Tieren». Man tue sich schwer mit Umsteigen, auch wenn es nicht rentiert.  

Wieder 800 Milchbauern weniger

Im vergangenen Jahr sind 778 Betriebe aus der Milchproduktion ausgestiegen. Das entspricht einem Rückgang von 3,6 Prozent oder 778 Milchviehbetrieben. Damit gab es Ende 2016 in der Schweiz noch 20'987 Milchproduzenten. Noch im Jahr 2010 zählte die Schweiz 26'000 Milchbauern. 2015 haben 832 Betriebe die Produktion aufgegeben. blu

 

Coop rechnet mit höheren Preisen

Morgen Dienstag entscheidet der Vorstand der Branchenorganisation Milch (BOM) über den A-Richtpreis für die Monate April bis Juni 2017. Eine Erhöhung steht im Raum. «Wir von Coop würden uns nicht gegen eine allfällige Erhöhung wehren», betonte Philipp Wyss, Leiter Beschaffung/Marketing, vergangene Woche gegenüber dem «Schweizer Bauer». Wyss geht davon aus, dass der Richtpreis für Molkereimilch im A-Segment in den kommenden Monaten steigen wird. Die Migros will sich dazu nicht äussern. Der grösste Milchverarbeiter der Schweiz, Emmi, sagte gegenüber dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst, dass sich derzeit keine Erhöhung aufdränge. Man habe in den vergangenen zwei Jahren mehrmals auf eine Senkung verzichtet. Der Molkereimilchpreisindex, den der Bund monatlich berechnet, hat mit 65,39 Rp./kg bereits den aktuellen A-Richtpreis von 65,00 Rp./kg überschritten. blu

Wie ein Hamster im Rad

Dann passiere in vielen Milchbauernfamilien folgendes: Weil man sich keine Angestellten leisten könne, würden Mann und Frau an 365 Tagen im Jahr von morgens früh bis abends spät arbeiten. «Dann leben die Bauern von der hofeigenen Substanz», so Ritter. Sie schauen in vielen Fällen nur darauf, ob sie die Rechnungen noch bezahlen können und machen in der Buchhaltung keine Abschreibungen, aus denen sie dereinst eine Ersatzanschaffung (d.h. einen neuen Stall) finanzieren könnten.

Wenn trotzdem nicht genügend Liquidität vorhanden sei, geht jemand aus der Bauernfamilie auf den Nebenerwerb. Die Bäuerin übernehme beispielsweise die Nachtwache in einem Spital oder in einem Altersheim. «Dann wird die Arbeitsbelastung noch einmal grösser», bilanzierte Ritter. Und dann könne der Super-GAU eintreten, wenn die Frau ausziehe. Er kenne einige solcher Fälle. Psychisch sei das dann ganz schlimm. Ritter benutzte das Bild eines Hamsters im Hamsterrad, der das Rad nicht mehr verlassen kann.

«Bauern haben resigniert»

Nun zeige sich aber, dass im Milchmarkt seitens der Bauern nicht mehr investiert werde. Ritter sagte, er sei schon lange im Verbandswesen dabei. Vor fünfzehn Jahren sei an den Milchversammlungen noch gekämpft worden. Die Bauern seien aufgestanden und hätten kämpferische Ansprachen gehalten. «Gehen Sie einmal heute an eine Milchproduzentenversammlung», sagte Ritter.

Sei es bei einer Mitgliedorganisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP) oder bei einer Organisation, die Milch kauft – «keiner sagt mehr etwas». Sehr viele Milchbauern hätten innerlich gekündigt, die hätten die Zukunft für ihren Betrieb im Kopf. Aber auf diesem Schild stehe nicht «Milchwirtschaft». Nur die Milchverarbeiter hätten dies noch nicht gemerkt, betonte Ritter.

«Wer mehr melkt, ist schlechter dran»

Derzeit machten sich die Milchverarbeiter Hoffnungen, dass der Rückgang der Milchmenge nur vorübergehend sei. «Da täuschen sie sich», behauptet Ritter. Denn wer investieren wollte, habe investiert, wer die Kuhzahl aufstocken wollte, habe dies getan. «Wenn du den Break-Even, die Gewinnschwelle in einer Produktion, nicht erreichst, dann nützt es auch nichts, wenn du anstelle von 300'000 Kilogramm neu 500'000 Kilogramm melkst. Dann legst du nur noch mehr drauf», führte Ritter aus.

Aktuell sei es so, dass wer mehr Milch produziere, mehr Geld verliere. «Heute sind diejenigen Milchbauern ärmer dran, die mehr produzieren», sagte Ritter. Wer weniger Milch produziere, habe die Möglichkeit, noch andere Einkommensbestandteile zu haben.

Ritter produziert Biomilch

Bauernverbandspräsident Markus Ritter aus Altstätten SG ist selbst Milchproduzent. Seine mit Silagefütterung produzierte Biomilch liefert er der Molkerei Biedermann. Laut Milchpreismonitoring von Swissmilk bezahlte die Molkerei für 180'000 kg Biomilch ab Hof in den Monaten Dezember 2015 bis November 2016 genau 78,4 Rp./kg Milch. Bei Ritter stimmt die Rechnung wohl noch einigermassen.

Bei einem ausgebildeten Wirtschaftsingenieur FH, der auf jedem Podium betont, die landwirtschaftliche Produktion müsse rentieren, sonst sei sie nur als Hobby zu bezeichnen, kann man davon ausgehen, dass er die Milchproduktion beenden würde, wenn er mit jedem Kilogramm Milch Geld verlöre. Kommt der Milchfreihandel («Öffnung der weissen Linie»), wird Ritter mit Melken jedenfalls aufhören. Das hat er an einem Podium der ZMP den Molkereibossen an den Kopf geworfen. Alternativen habe er durchaus, betonte er damals: Er habe schon heute ein paar Schafe. Diesen Betriebszweig könne er ausbauen. Und er habe Freude an seinen über 200 Obstbäumen, hier könne er auch noch mehr machen.  

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