15.08.2013 07:17
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Ernährung
Der grüne «Vegi-Tag» greift um sich
«Jeden Donnerstag esse ich vegetarisch – machst du mit?» Mit diesem Slogan werben Vegetarier für einen fleischlosen Wochentag. Nach Lyss macht mit Nidau bereits die zweite Stadt mit. Der Bauernverband protestiert.

«Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!» titelte die deutsche Zeitung «Bild» Anfang letzter Woche. Die deutsche Partei der Grünen wollte nach der Bundestagswahl bundesweit einen vegetarischen Tag, den «Veggie Day», einführen. Einmal wöchentlich solle es in allen öffentlichen Kantinen kein einziges Fleischgericht und keine Fleischsaucen geben. 

Am Mittwoch vergangener Woche zogen die Schweizer Grünen im «Blick» nach. Sie fordern einen «Vegi-Tag» in Kantinen. «Wir finden das auch für die Schweiz eine gute Sache», wird Nationalrat Bastien Girod (Grüne, ZH) zitiert. Seine Partei werde bald in diese Richtung aktiv.

Zwei Städte mit Vegi-Tag

Realität  ist der «Vegi-Tag» in der Schweiz bereits in Lyss BE. Im Mai 2012 haben dort Alters- und Kinderheime, die Tagesschule und Restaurants (inkl. McDonald’s) einen fleischlosen Wochentag eingeführt. Ebenso die Klinik St. Pirminsberg in Pfäfers SG und die Kantonsschule Wettingen AG. Auch die Geschäftsleitung der Altersheime der Stadt Zürich beschloss diesen Frühling, dass alle Altersheime bis im Dezember einen wöchentlichen Vegi-Tag umgesetzt haben müssen.

«Für Personen, die auf keinen Fall auf Fleisch verzichten wollen, gibt es zum Mittagessen eine Alternative mit Fleisch», betont die Medienstelle. Grund sei das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft. Und am Montag wurde bekannt, dass Nidau BE ab Schulanfang in der  Tagesschule und in einer Kindertagesstätte am Donnerstag immer ein vegetarisches Menü serviert. Verwiesen wird dabei auf das Energiestadt-Label. 

Anstoss für Schweizer Fleisch

Auch die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat in ihrem Personalrestaurant in Birmensdorf ZH in einer Woche im Februar den «Vegi-Tag» getestet. An einem Tag gab es keine warme Mahlzeit mit Fleisch, wohl aber kalte Fleisch-Angebote. «Dies geschah auf Initiative eines Mitarbeiters. Das Motiv ist, die Öko-Bilanz zu verbessern. Als Umweltforschungsinstitut testen wir gerne derartige Anregungen des Personals», erklärt Reinhard Lässig, Medienbeauftragter der WSL.

Und wie waren die Reaktionen im Restaurant? «Der Versuch löste vielfältige Reaktionen aus, befürwortende wie auch ablehnende», so Lässig weiter. Der Anstoss habe aber bereits bewirkt, dass das Personalrestaurant Poulet- und Lammfleisch seither nur noch aus der Schweiz und frisches Obst und Gemüse aus der Region beziehe.

Für den «Klimaschutz»

Für den «Vegi-Tag» engagiert sich in der Schweiz an vorderster Front die Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus (SVV). Auf www.vegi-tag.ch listet sie ihre Argumente gegen die Fleischproduktion auf. Unter Umwelt wird der Ausstoss von Treibhausgasen sowie der Energie- und Wasserverbrauch genannt.

Für die Welternährung wäre es besser, wenn Getreide nicht verfüttert würde. Es sei gesünder, weniger oder besser gar kein Fleisch zu essen. Tierschützerisch wird argumentiert, dass fast alle Nutztiere getötet würden, noch bevor sie überhaupt ausgewachsen seien.

Geächtet wie Trunkenheit

Als unterstützende Organisationen listet der SVV die SP Schweiz, die Grünen Schweiz, die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), die Erklärung von Bern, den Verkehrsclub Schweiz (VCS), Greenpeace Schweiz, den Schweizer Tierschutz (STS), Pro Natura, den kirchlichen Entwicklungsdienst «Brot für alle» und weitere Organisationen auf. Nationalrätin Evi Allemann (SP, BE) wird auf der Homepage wie folgt zitiert: «Vegetarisch essen ist mehr als ein persönlicher Entscheid. Es ist das politische Bekenntnis, auch als Konsumentin etwas für den Klimaschutz zu tun.»

Sänger und Vegetarier Patric von Castelberg sagt: «Fleischfreie Wochentage sind eine gute Idee, irgendwo beginnt der Bewusstseinsprozess.» Der Klima-Experte Nicholas Stern prophezeite 2009 gegenüber dem «Tages-Anzeiger», dass der Fleischverkehr in Zukunft gesellschaftlich so geächtet sein werde, wie es heute das Autofahren in betrunkenem Zustand sei.

SBV findets unangebracht

Ganz anders sieht es der Schweizerische Bauernverband (SBV). Departementsleiter Martin Rufer erklärt, ein vorgeschriebener fleischfreier Tag sei «völlig unangebracht». Erstens soll der Konsument die Wahlfreiheit haben. Zweitens sei zentral, wie Fleisch produziert wird. Deshalb dürfe nicht einfach schwarz oder weiss gemalt werden. Die steilen Grasflächen im Schweizer Berggebiet etwa könnten nur über Tiere für die menschliche Ernährung genutzt werden, betont er.

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