14.07.2015 12:10
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann, Raphael Bühlmann
Milchmarkt
«Der Markt hat andere Regeln als die Politik»
Wechselkurs, Einkaufstourismus und das Ende der EU-Milchquote. Schweizer Milchproduzenten sind derzeit vielen Kräften ausgesetzt. Deren Vizedirektor Stephan Hagenbuch über Mengen, Preise und Perspektiven.

«Schweizer Bauer»: Die Situation für die Milchproduzenten ist derzeit sehr schwierig. Wo sehen Sie doch noch Positives?
Stephan Hagenbuch: Insbesondere für die Molkereimilchproduzenten ist die Situation derzeit wirklich sehr schwierig. Bei der Käsereimilch ist die Situation allerdings kurzfristig recht unterschiedlich. Das Konsumniveau bei Milch und Milchprodukten ist in der Schweiz sehr hoch. Es gibt auch bedeutende Segmente von Milchprodukten, insbesondere beim Käse, wo auf dem Markt keine schlechte Wertschöpfung erzielt werden kann. Fakt ist aber einfach, dass der Markt zunehmend zyklisch verläuft und wir uns darauf einrichten müssen.

Der Milchmarkt ist weitgehend dereguliert, der Markt macht den «gerechten» Preis. Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Der Schweizer Milchmarkt ist im Inland dereguliert und vor allem über den Käsefreihandel zur EU zu einem sehr hohem Anteil dem internationalen Marktgeschehen ausgesetzt. Der EU-Markt und der internationale Milchmarkt haben ihre eigenen Gesetzmässigkeiten. Angebot und Nachfrage machen bei Standardprodukten im Wesentlichen «den» Preis. Der Markt ist hingegen in diesem Sinne nie «gerecht». Früher wurde diese Frage im Milchmarkt politisch entschieden. Effiziente Markt- und Vermarktungsstrukturen können heute helfen, das Niveau des gerechten Preises zu beeinflussen.

BIG-M meint, eine Mehrheit der Milchproduzenten würde eine Angebotsregulierung akzeptieren. Wie sehen Sie das?
Wir sind uns bei den SMP sehr bewusst, dass es innerhalb der 22'000 Milchproduzenten in der Schweiz unterschiedliche Meinungen gibt. Wenn unter Angebotsregulierung konkret eine Mengensteuerung zu verstehen ist, muss man sich zudem einfach sehr bewusst sein, dass es weit mehr als eine Mehrheit der Milchproduzenten dazu braucht. Der Markt hat andere Regeln als die Politik. 85 bis 90 Prozent aller Milchproduzenten müssten sich ohne politischen Flankenschutz durch eine Allgemeinverbindlichkeit freiwillig einem solchen System «ohne Wenn und Aber» unterordnen. Die Realitäten sehen heute in diesem Punkt anders aus. Die SMP sind jedoch jederzeit offen für neue Lösungen, für welche sie die notwendige interne Akzeptanz bei den Milchproduzenten finden und die umsetzbar sind. Wenn die Diskussion in den Regionen dazu geführt wird, ist das positiv.

Es scheint, dass wir in der Schweiz strukturell zu viel Molkereimilch haben. Oder nicht?
Der Trend bei der Milchproduktion hat in der Schweiz ab August 2014 geändert. Seit Beginn 2015 ist die Produktion unter Vorjahr. Im April 2015 waren es –2.7 Prozent. Die Wechselkurssituation beim Euro führt seit dem 15. Januar 2015 und aktuell dazu, dass die Nachfrage nach Schweizer Milch in der Summe etwas zurückgeht. Wenn beispielsweise in den ersten 5 Monaten 2015 440 Tonnen weniger Butter verkauft wurde, braucht es knappe 10 Mio. Kilogramm weniger Milch. Zudem ist auch der Importdruck bei austauschbaren Produkten gestiegen. Um den Markt aktuell ins Gleichgewicht zu bringen, braucht es in den nächsten Monaten eine Reduktion der Milchproduktion um 3 bis 4 Prozent. Bei einem konstanten Franken-Euro-Wechselkurs von 1.20 müssten wir diese Aussage kaum machen.

Muss man das Überangebot einfach hinnehmen?
Die Entwicklung zeigt es, dass die Produktion etwas zeitverzögert auf den Markt reagiert. Jeder Milchproduzent entscheidet heute autonom, wie viel Milchkühe er morgen im Stall hat. Damit der Konsum von Schweizer Milch aktuell gehalten werden kann, haben die SMP das Projekt «Swissmilk inside» lanciert. Das hilft auch.

Besteht nicht die Gefahr, dass gute Unternehmer aus der Milchproduktion aussteigen?
Es wird im aktuellen Umfeld je nach Betriebsausrichtung, Neigung und anstehenden Investitionen sicher mehr Betriebe geben, welche sich solche Überlegungen machen werden. Zudem bieten die AP 14–17 und andere Produktionsrichtungen Alternativen. Dass sich die Landwirte in der Schweiz an einer guten Wertschöpfung orientieren, ist grundsätzlich auch richtig. Ein Unternehmer muss sich diese Fragen stellen. Zudem spornt dies auch die Milchverarbeiter an.

Emmi-Chef Urs Riedener sagte in der Sonntagspresse sinngemäss, dass die Schweiz Landwirtschaft bei der Milch im Vergleich zum Ausland am konkurrenzfähigsten sei. Sollte die Agrarpolitik nicht mehr danach ausgestaltet werden, dass diese Konkurrenzfähigkeit weiter gefördert wird?
Im aktuellen Umfeld braucht die Milchproduktion gleichwertige Rahmenbedingungen wie die übrigen Produktionsrichtungen in der schweizerischen Landwirtschaft.

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