26.08.2013 06:49
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Milchmarkt
Der schiefe Turm von Sulgen
Der grösste Schweizer Milchpulverhersteller Hochdorf hat zu wenig Milch und zu grosse Verarbeitungskapazitäten. Da die Milchproduktion kaum steigen wird, will Hochdorf bei den Kapazitäten ansetzen. Im Fokus steht der Pulverturm in Sulgen.

Milchpulver ist gefragt. Weltweit befinden sich die Preise auf einem Höhenflug. Doch der grösste Schweizer Milchpulverhersteller profitiert nicht davon. Denn Hochdorf fehlt die Milch – im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden 20% weniger angeliefert als im Jahr davor. Damit konnte Hochdorf die Nachfrage aus dem Inland zwar befriedigen, doch der Umsatz in der Schweiz lag gemäss Halbjahreszahlen erneut unter dem Vorjahreszeitraum (-1,8%), und dies trotz deutlich höheren Milch- und Pulverpreisen.

Beim Export von Milchpulver waren die Auswirkungen noch stärker, hier brach der Umsatz um ein Viertel ein. Positiv entwickelt hat sich dagegen der Geschäftsbereich Babynahrung (+21%). Für diese Produkte werden auch nur 15 bis 25% Frischmilch benötigt. Allerdings trägt Babynahrung zum Gesamtumsatz der Hochdorfgruppe bislang nur ein Viertel bei.

Überkapazitäten drücken auf Rendite

Mediensprecher Christoph Hug erklärt das Problem: "Wir sind noch immer darauf ausgerichtet, im Frühling anfallende Milchüberschüsse auszuregulieren." Doch die Milchüberschüsse sind nicht mehr. Den Bauern ist das Melken verleidet und die neue Agrarpolitik macht es ihnen nicht schmackhafter. Hug: "Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Kapazitäten zurückfahren oder andere Produkte verarbeiten."

Die grösste Kapazität hat Turm 8 in Sulgen. Der erst 2010 in Betrieb genommene Sprühturm weist europäische Dimensionen auf. Hochdorf hat aber im ersten Halbjahr 2013 eher schweizerische Mengen verarbeitet: Das waren rund 230 Mio. Kilo, bestehend aus 160 Mio. kg Milch, 36 Mio. kg Molke und Permeat (eingedickte Milch). Allerdings verlangt die Schokoladenindustrie kein Sprühturm-Pulver, sondern hochwertiges Walzen-Milchpulver, und sie kauft Hochdorf immerhin rund 15'000 Tonnen pro Jahr ab. Wie es mit den nicht ausgelasteten Trocknungskapazitäten weitergeht, soll in den nächsten Wochen entschieden werden. Am 12. September findet eine Investorenkonferenz statt.

Eisenring Geschäftsführer bei adapt solutions Schweiz

Angesichts des Milchmangels und der führungsmässigen Übergangsphase – der frühere CEO Damian Henzi wurde letzten Dezember entlassen, der neue CEO Thomas Eisenring hat erst im Juni angefangen – beurteilt Hochdorf sein Halbjahresergebnis als "befriedigend". Nicht zufrieden war man dagegen mit dem Geschäftsbereich Nutrimedical. Denn mit der medizinischen Ernährung wurde trotz zweijähriger Aufbauarbeit nur 56'000 Franken Umsatz erzielt, weshalb sich Hochdorf von Nutrimedical trennen will.

Der neue Hochdorf-CEO wird wohl für noch mehr Veränderungen sorgen. Thomas Eisenring ist im Handelsregister weiterhin als Geschäftsführer der Firma "adapt solutions Schweiz GmbH" eingetragen, einem Unternehmen, das auf Unternehmensrestrukturierungen, interimistische Unternehmensführung und Strategieberatung spezialisiert ist. Weil Eisenring den Chefsessel bei Hochdorf erst am 3. Juni eingenommen hat, steht er für Interviews noch nicht zur Verfügung.

Hochdorf als Chancen-Unternehmen?

Er beantwortete jedoch bereits Fragen der Hauszeitung Hochdorf-Kurier, z.B. ob er sich für einen Sanierer hält: "Ich weiss, wie man Unternehmen saniert, würde mich deswegen aber nicht als klassischen Sanierer bezeichnen." Er begründet das so: "Ein Sanierungsfall ist man dann, wenn man seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann und nahe an der Überschuldung ist. So weit ist es aber mit der Hochdorf-Gruppe nicht. Ich will aber auch nichts beschönigen. Die Hochdorf-Gruppe war 2012 nicht in der Lage die Zinsen für das eingesetzte Fremdkapital zu bezahlen; d.h. Hochdorf erzielt ganz klar nicht die Ergebnisse, die sie erzielen müsste."

Die Gründe dafür ortet er in der "sehr bescheidenen Performance der Gruppe" und der für die Umsatzgrösse komplizierte Struktur. "Weiter ist mir aufgefallen, dass Kosteneinsparungen in der Vergangenheit offenbar nie zu besseren Ergebnissen führten." Eisenring vermutet, dass sich Hochdorf weit unter dem Preis verkauft. Er schliesst daraus: "Für mich ist die Hochdorf-Gruppe ein typisches Chancen-Unternehmen. Wenn wir jetzt konsequent die richtigenSchritte einleiten, sind Quantensprünge durchaus möglich."

Schwierige Zukunft

Quantensprünge werden auch nötig sein. Denn der Umsatz der Hochdorf-Gruppe lag in der ersten Hälfte dieses Jahres mit 182 Mio. Franken erneut zwei Millionen (-1%) unter dem Vorjahr. Und die operative Gewinnmarge ist mit 1% zwar doppelt so hoch wie vor einem Jahr, aber weiterhin tief.

Zudem steht für 2016 eine Wandelanleihe in Höhe von 50 Mio. Franken an. Die muss zurückbezahlt werden, wenn die Hochdorf-Aktie dann weiterhin weniger als 124 Franken wert ist. Aktuell wird die Hochdorf-Aktie zu 83 Franken gehandelt, in den letzten zwei Jahren kam sie nie über 90 Franken hinaus.

Hochdorf-Holding

Die Hochdorf-Holding AG wurde 1895 als Centralschweizerische Natur-Milch-Exportgesellschaft gegründet und 1899 in Schweizerische Milchgesellschaft umbenannt. Im Jahr 2000 erfolgte die Umbenennung in Hochdorf Nutritec AG. Die Hochdorf Swiss Milk AG ist heute im Milchpulverbereich tätig, genau wie die Tochterfirma UAB MGL Baltija in Medeikiai (Litauen); die Hochdorf Nutricare AG produziert Babynahrung; die Hochdorf Nutrifood AG stellt Ingredients, Wellnessprodukte und Instant-Dessertprodukte her, während sich die Hochdorf Nutrimedical AG im Bereich medizinischer Ernährung ein Standbein aufzubauen versuchte. Die Holding hat ihren Hauptsitz im luzernischen Hochdorf und einen zweiten Produktionsstandort in Sulgen. ed

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