22.01.2015 08:54
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Milchmarkt
«Der Schweizer Milchmarkt ist keine Insel mehr»
SMP-Präsident Hanspeter Kern betont, Fusionen von Milchhandelsorganisationen müssten von der Basis her kommen. Was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser? Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab.

«Schweizer Bauer»: Das A-Segment umfasst gestützte und geschützte Produkte. Warum sinkt der Schweizer A-Preis, wenn die internationalen Preise fallen? Die Segmentierung sollte doch genau dies verhindern.
Hanspeter Kern: Das Ziel der Segmentierung besteht darin, die Wertschöpfung im Inland auszuschöpfen und für die Milchproduzenten den Milchpreis möglichst hoch zu halten. Der Schweizer Milchmarkt ist mit dem offenen Käsemarkt zur EU allerdings seit 2007 keine Insel mehr. Wenn der Preisabstand zwischen der Schweiz und der EU zu gross wird, drücken die Käseimporte auf das gesamte Schweizer Milchpreisgefüge auch bei der Molkereimilch. Bei den Sortenkäsen, wo eine eigenständige Mengenführung besteht, kann die Preispolitik autonomer gestaltet werden. Mit dem A-Richtpreis wurde in der Branchenorganisation Milch für die Molkereimilch eine Richtschnur geschaffen, wo der A-Milch-Preis liegen soll, um das Wertschöpfungspotenzial auf dem Schweizer Milchmarkt auszuschöpfen. Er besteht aus drei Teilen, nämlich dem Teil «Detailhandel», «Industrie geschützt» und «Industrie nicht geschützt». Insbesondere im letzten Teilindex fliessen die Preisänderungen von ausländischen Preisen (Butter, Milchpulver) sowie der Euro- und der Dollar-Wechselkurs direkt und indirekt hinein.

Ist der Abstand der Schweizer Molkereimilchpreise zu den EU-Milchpreisen nicht ohnehin zu klein? Finanzieren die Schweizer Bauern über den Milchpreis nicht die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Molkereien mit? 
Der Abstand des Schweizer Milchpreises zum EU-Molkereimilchpreis ist im Wesentlichen eine Frage der Höhe der Verkäsungszulage (Budget), des Wechselkurses sowie der Butterpreis-Differenz zur EU. Wichtig ist auch, wie der Milchmarkt im Inland mengenmässig versorgt ist. Eine sehr leichte Mengenknappheit wirkt preisstützend. Allerdings hat dies relativ schnell auch seine Grenzen. Für die Schweizer Milchproduzenten ist der Preisabstand zur EU sehr zentral. Seit 2009 ist er relativ konstant, und wir kämpfen weiter dafür, dass es so bleibt.  Wie die Schweizer Milchproduzenten arbeiten auch die Schweizer Milchverarbeiter im Schweizer Kostenumfeld. Da müssen wir uns gegenseitig nichts vormachen. Wir sitzen in dieser Frage letztlich im selben Boot. Wie die Milchproduzenten haben auch die Schweizer Milchverarbeiter hier in der Zukunft noch Hausaufgaben zu erledigen.

Nach wie vor verkaufen weit über ein Dutzend Organisationen Molkereimilch an eine Handvoll grosse Verarbeiter. Halten Sie diese Strukturen für sinnvoll und effizient?
Die heutigen Milchvermarktungsorganisationen sind das Ergebnis gewachsener Strukturen mit starken regionalen Wurzeln. Das sind alles juristisch eigenständige und autonome Organisationen. Übrigens wurde das Angebot mit dem Ausstieg aus der Milchkontingentierung deutlich konzentriert. Die Möglichkeiten sind aktuell sicher bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Daraus machen wir bei der SMP auch keinen Hehl. Es gibt durchaus Ansätze dazu. Der Wille und die Überzeugung müssen aber von der Basis her getragen werden. Oder man kann es auch etwas anders sagen: Gedrängte oder verordnete Heiraten sind in den seltensten Fällen gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche, gemeinsame Zukunft. Das ist zwar kein spezifischer Erfahrungswert aus der Schweizer Milchwirtschaft, aber die Schweizer Milchwirtschaft hat es mehrfach bewiesen, dass es so sein muss. Mit Lactofama sitzen heute die grössten Vermarktungsorganisationen regelmässig an einem Tisch, was auch ein wichtiger Punkt ist. Das wäre vor drei Jahren noch undenkbar gewesen.

Im Zuge der Aufhebung der Milchkontingentierung in der Schweiz brach der Milchpreis ein und erholte sich jahrelang nicht mehr. Was gibt Ihnen Hoffnung, dass es in der EU nicht so lange dauert, bis überhaupt wieder Licht am Ende des Tunnels sichtbar wird?
Die Milchpreisanpassung in der Schweiz war neben der Aufhebung der Milchkontingentierung gleichzeitig begleitet von der Käsemarktöffnung gegenüber der EU sowie von einem Abbau von Produktstützungen. Das Marktungleichgewicht war somit nur eine – wenn auch eine sehr wichtige – von mehreren Ursachen. Wie sich das Spiel zwischen Angebot und Nachfrage auf dem EU-Milchmarkt in den nächsten Jahren genau entwickeln wird, bleibt offen. Jedenfalls erfolgt der Ausstieg in der EU – im Gegensatz zur Schweiz – in einer Tiefpreisphase. Zudem ist die EU der weltgrösste Exporteur von Milch und Milchprodukten und somit aktuell bereits schon viel direkter von den Preisbewegungen des Weltmarktes abhängig. Die EU beeinflusst den Weltmilchmarkt auch sehr direkt und bedeutend.

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