23.02.2015 08:29
Quelle: schweizerbauer.ch - Markus Rediger, lid
Solothurn
«Der Strukturwandel bringt eine gesellschaftspolitische Schwächung»
Peter Brügger, Solothurner Bauernsekretär, spricht im Interview über den Strukturwandel und was die Landwirtschaft tun muss, um auch künftig genug junge Bäuerinnen und Bauern zu haben.

Peter Brügger, wie geht es den Solothurner Bauernfamilien?
Peter Brügger: Die wirtschaftliche Situation der Solothurner Bauernfamilien ist vergleichbar mit der gesamtschweizerischen Situation der Landwirtschaft. Kurz: durchzogen bis sehr angespannt. Ich sehe immer wieder Betriebe, die sich sehr gut an den agrarpolitischen Rahmenbedingungen und den Marktsituationen ausrichten. Es gibt aber auch Betriebe –und das ist vermutlich die Mehrzahl – die sowohl von der Agrarpolitik als auch von der Marktsituation her zu den Verlierern gehören. Aktuell sind das sicher die spezialisierten Milchwirtschaftsbetriebe.

Wieviel Einkommen verliert ein Solothurner Milchbauer durch die Eurokrise und dem Überangebot an Milch auf dem Markt?
Die Milchpreissenkung per 1. Februar 2015 bringt einen jährlichen Einkommensverlust von 3 Millionen Franken für die Solothurner Milchbauern. Bei rund 500 Milchproduzenten macht das im Schnitt 500 Franken pro Monat. Aber gerade diejenigen Betriebe, welche investiert und die Strategie Milch gewählt haben, verlieren zehntausend Franken und mehr pro Jahr. Dieser Verlust ist im Kontext zu sehen, dass die Solothurner Bauern bereits mit der Agrarpolitik 14-17 schon 3 Millionen Franken an Direktzahlungen verloren haben und tendenziell trifft das wieder die gleichen Betriebe am stärksten.

Wie reagiert der Verband auf den Milchpreiszerfall?
Der SOBV ist nicht am Milchmarkt tätig und kann von daher wenig direkt beeinflussen. Es gibt auch keine allgemeingültige Strategieempfehlung. Die Milchproduktion als Betriebszweig ist so etwas wie ein grosser Ozeanfrachter. Eine Kurskorrektur lässt sich nur langsam und sukzessive vornehmen, wenn man nicht riskieren will, Schiffbruch zu erleiden. Diejenigen Betriebe, die in den letzten Jahren investiert haben, müssen auch bei sinkenden Preisen bei der Milchproduktion bleiben: sie haben meistens keine sinnvolle Alternative zur Nutzung ihrer Infrastruktur.

Was empfehlen Sie?
Wer vor Investitionsentscheiden steht, sollte sich sehr genau überlegen, ob er noch in die Milchwirtschaft investieren will. Meine Empfehlung seit Jahren lautet: prüft vor der Investition, ob im Umkreis von 15 km ein Betrieb mit zeitgemässer Infrastruktur ist, mit dem ihr in der Milchproduktion zusammenspannen könntet.

Mit dem Autobahnausbau und dem Ausbau des Flugplatzes Grenchen scheint das gute Kulturland im Kanton unter Druck zu sein. Ziehen sich die Landwirte in die Bergzonen zurück?
Als Kanton im Verkehrskreuz der Schweiz sind wir vermutlich überdurchschnittlich von den Auswirkungen der arbeitsteiligen Wirtschaft betroffen: Wirtschaftswachstum heisst mehr Arbeitsplätze, was sicher positiv ist, aber das heisst auch mehr Wohnraum und mehr Verkehrsflächen. Das alles beansprucht Kulturland und zur gesellschaftspolitischen Gewissensberuhigung werden dann noch ökologische Ersatzmassnahmen ergriffen, was meistens auch wieder der Landwirtschaft Boden entzieht.

An der jährlichen DV geben sie einen Ausblick auf das Jahr 2015. Welche Schwerpunkte planen sie?
Ich möchte dieses Jahr nicht einfach einen Ausblick auf 2015 geben, sondern versuchen aufzuzeigen, wie sich die Strukturen in den nächsten 10 bis 15 Jahren verändern. Die geburtenstarken Jahrgänge von 1950 bis 1965 kommen in den nächsten 15 Jahren ins AHV-Alter. Ich versuche der Frage nachzugehen, was das bewirken wird.

Im Kanton Solothurn werden die Betriebsleiter auf den Höfen immer älter. Hat Landwirt als Beruf seinen Reiz bei der jungen Generation verloren?
Wir haben schon noch junge motivierte Bauern, aber der Nachwuchs ist zahlenmässig bescheiden. Die in den letzten Jahren laufend gestiegenen Anforderungen bei der Bewirtschaftung und die Vielfalt des Berufswissens sind zwar attraktiv, aber für die Jungen auch anspruchsvoll. Auch die relativ langen Arbeitszeiten während der Lehre und im späteren Berufsleben fördern das Image bei den Jungen nicht unbedingt. Ich denke, wir müssen uns überlegen, wie der Beruf Landwirt für junge, motivierte und vielseitig interessierte Leute attraktiv bleibt oder attraktiver wird.

Lange Arbeitszeiten, grosse körperliche Belastungen bei einem bescheidenen Verdienst, wie wollen sie das den Jungen schmackhaft machen?
Viele Betriebe, die vor allem in der Tierhaltung in den letzten Jahren aufgestockt haben, laufen häufig an der Grenze zur Überforderung: nicht genügend Freiraum für das Familienleben, keine Freizeit für soziale Kontakte in Vereinen und in der Öffentlichkeit. Das Thema Lebensqualität ist sehr wichtig. Wenn ein Bauer nur noch bestehen kann, wenn er während 365 Tagen zwölf und mehr Stunden arbeitet, wird der Strukturwandel sich verstärken. Das Thema überbetriebliche Zusammenarbeit ist gerade unter diesem Aspekt aktueller denn je.

Löst sich die Landwirtschaft von Innen selber auf?
Nein, auch wenn wir in den nächsten Jahren mit einem etwas akzentuierten Strukturwandel rechnen müssen: Die Landwirtschaft wird es immer geben. Wenn wir aber auch in Zukunft gute Bauern wollen, spielt die Attraktivität des Berufes eine wesentliche Rolle.

Im Strukturwandel sehen Sie kein Problem für die Landwirtschaft?
Der Strukturwandel hat viele Facetten. Die verbleibenden Betriebe können wachsen und ihre Mechanisierung besser auslasten, das ist aus Sicht des Betriebes durchaus positiv. Es kann sich aber auch das Problem stellen, dass nicht mehr alle Flächen bewirtschaftet werden. Das beginnt mit dem Übergang von der Mäh- zur Weidenutzung in steileren Lagen oder mit der Aufgabe von wenig ertragreichen und schwierig zu bewirtschaftenden Flächen. Neben den Hanglagen könnten auch Flächen mit einer starken Parzellierung davon betroffen sein. Es gibt aber auch Gemeinden mit einer recht homogenen Altersstruktur: alle Betriebsleiter sind im gleichen Alter. In solchen Konstellationen findet über lange Zeit keine Strukturentwicklung mehr statt und einer nach dem anderen hört auf. Mit der Folge, dass im gleichen Dorf kein Bewirtschafter mehr übernimmt.

Wenn die Entwicklung so weitergeht, haben wir bald unter zwei Prozent bäuerliche Bevölkerung in der Schweiz. Oder gar unter einem Prozent wie im Kanton Basel Stadt. Wäre das schlimm?
Der Strukturwandel bringt für die Branche eine gesellschaftspolitische Schwächung. Wie wollen wir die Mehrheit der Stimmbürger noch von etwas überzeugen, das auf eine Bevölkerungsgruppe zugeschnitten ist, die in 15 oder 20 Jahren nur noch ein Prozent ausmacht? Oder wie gehen wir damit um, dass 99 Prozent der Bevölkerung keinen direkten Bezug mehr zur Landwirtschaft haben, aber das Gefühl haben zu wissen, wie man "bauern" sollte.

Also weniger Bauern gleich weniger gesellschaftliche Relevanz?
Das politische Gewicht der Landwirtschaft ist heute nach wie vor grösser als der Bevölkerungsanteil. Wenn der Bevölkerungsanteil abnimmt geht über eine oder zwei Generationen der Bezug zur Landwirtschaft verloren und damit verlieren wir an politischem Rückhalt. Dies wirkt sich sowohl bei den Wahlen als auch bei Sachabstimmungen zu Ungunsten der Landwirtschaft aus.

Haben Sie Vorschläge, wie diesen Herausforderungen begegnet werden kann? Was unternimmt der SOBV?
Wir müssen die Landwirtschaft als attraktiven Teil der Volkswirtschaft weiterbringen. Dazu gehören motivierte junge Leute, die diesen Beruf wählen. Wir müssen uns überlegen, ob die Landwirtschaft eine offenere Branche werden soll: Wer heute nicht in eine Bauernfamilie geboren wird, wählt kaum den Beruf Landwirt. Vielleicht wäre es aber gerade wertvoll, wenn motivierte Jugendliche diesen Beruf wählen. Diese werden aber das eine oder andere auch stärker hinterfragen als Lehrlinge mit bäuerlichem Hintergrund. Wir müssen vermutlich auch die Rolle der Erwerbskombinationen überdenken. Heute werden Betriebe, die nur einen kleinen Teil des Einkommens aus der Landwirtschaft erzielen, vor allem als Konkurrenten auf dem Bodenmarkt verstanden. Gesellschaftspolitisch könnten aber gerade solche "Lebensform Landwirtschaft"-Betriebe in Zukunft bedeutend sein, um den Rückhalt der Landwirtschaft in der Bevölkerung zu stärken.

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