5.05.2019 19:45
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
Schaffhausen
Die erste männliche Bäuerin
Thomas Disch arbeitete 20 Jahre als Informatiker in Zürich. Dann kaufte er einen Hof in Schaffhausen und besuchte die Bäuerinnenschule. Jetzt hat er abgeschlossen und setzt sein Wissen in verschiedenen Projekten um.

«Mein Name ist Thomas Disch, und ich will Bäuerin werden.» So stellte sich der 52-jährige Mann an der Abschlussfeier der bäuerlich hauswirtschaftlichen Fachschule am Wallierhof vor. Das weckt Interesse.

Tatsächlich ist er der erste Mann in der Schweiz, der den Bäuerinnen-Kurs besucht hat und nach Abgabe seiner Diplomarbeit Bäuerin mit Fachausweis sein wird. Nennt man ihn also wirklich männliche Bäuerin? Und warum kommt er dazu, in seinem Alter diese Ausbildung zu machen? Ein Besuch auf seinem Hof soll Klarheit schaffen.

Rundgang in Freudental

Fünf Kilometer vom Bahnhof Schaffhausen entfernt liegt der Weiler Freudental. Dort steht ein stattliches, apricotfarbenes Bauernhaus. Davor Thomas Disch. Er trägt eine Lederjacke, grüne Turnschuhe und Jeans. Als er zu einem Hofrundgang einlädt, springt plötzlich eine Katze daher. «Juna», ruft Disch und hebt sie hoch. «Sie ist die Chefin hier», sagt er. Die Katze drückt ihren Kopf an seinen und will gar nicht mehr runter. Sorgsam setzt Disch sie ab und geht weiter.

Er zeigt auf den kargen Garten. «Hier sieht man noch nicht viel, aber ich bin dabei, ein Permakultur-Bewirtschaftungssystem aufzubauen.» Er achtet also auf die Fruchtfolge, verwendet keine Pflanzenschutzmittel oder hoffremden Dünger. Er wird nur dort jäten, wo unbedingt nötig und den Garten mit Stroh belegen, damit er nicht brach liegt. So könne der Boden seine eigenen Kräfte freisetzen. 

Mit PK-Geld gekauft

Thomas Disch ist noch nicht lange in der Landwirtschaft tätig. Aber er wusste schon als 16-Jähriger, dass er einmal in seinem Leben einen Hof führen würde. Er wurde Informatiker und arbeitete während 20 Jahren in der Stadt Zürich. Ein paar Monate vor seinem 50. Geburtstag legte er seinem Chef die Kündigung auf den Tisch, nahm alles Geld aus der Pensionskasse und kaufte den Hof in Freudental.

Unter einer grossen Trauerweide angekommen sieht man ein Gehege mit verschiedenen Hühnern und einem stattlichen Truthahn, der sich extrem aufplustert. «Hallo Truthold», sagt Disch. Der Truthahn teilt das Gehege mit den Pro-Specie-Rara-Schweizerhühnern, und mit einigen Perlhühnern. Trotzdem ist er einsam. «Der Fuchs hat sein Weibchen geholt. Er ist ganz aus dem Häuschen, weil er sich momentan nicht paaren kann», erzählt Disch.

Zwei Hektaren

Aber lange gedulden muss er sich nicht mehr. Im Brutkasten liegen schon Eier, aus denen bald Weibchen schlüpfen sollen. Disch kümmert sich um die Brut. Er hat sich viel Wissen selbst angeeignet. Trotzdem wollte er eine Ausbildung machen. Landwirt, dachte er zunächst. Dann merkte er aber, dass sich dort einiges um Ackerbau, Milchwirtschaft und Landtechnik dreht. Das passt nicht zu seinem Betrieb.

Auf seinen zwei Hektaren hält er sein Geflügel, ein paar Schafe und drei Turepolje-Wollschweine. Er züchtet Wachteln und  Kaninchen der Rasse Castor Rex. Zudem hat er Obstbäume und den Garten. Es erschien ihm also nicht sinnvoll, Landwirt zu lernen. Ihn reizte die Ausbildung zur Bäuerin. Die Inhalte der Ausbildung interessierten ihn und passten gut zu seinem Betrieb.

Direktvermarktung

Disch startete also vor zwei Jahren den berufsbegleitenden Kurs an der bäuerlich-hauswirtschaftlichen Fachschule am Wallierhof in Riedholz SO. Jeden Dienstag reiste er in den Kanton Solothurn. Das war anstrengend, «aber trotzdem eine Super-Zeit. «Ich habe den Sonderstatus als einziger Mann in meiner Klasse sehr genossen. Und die Klassenkameradinnen waren alle so toll», erzählt er. Und er habe viel gelernt. Gerade die Produktverarbeitung und -vermarktung fand er interessant.

Noch verdient er mit seinem Hof nämlich noch nicht viel Geld. Langfristig möchte er aber mit Direktvermarktung über die Runden kommen. Schon jetzt verkauft er Eier und alte Legehennen als Suppenhühner. Auch das Fleisch seiner Schweine und Schafe verkauft er und will es langfristig bei Gastronomen aus der Region absetzen. «Aber immer erst, wenn die Tiere würdevoll gewachsen sind.» Er lege keinen Wert auf eine schnelle Gewichtszunahme und Mast.

Hightech-Hofladen

Gerade ist er dabei, einen Hofladen aufzubauen. Dabei kommt ihm sein Wissen als Informatiker zugute. Es soll nämlich ein moderner Selbstbedienungsladen werden. Die Produkte sollen mit sogenannten QR-Codes angeschrieben sein. Diese kann die Kundschaft mit ihren Handys scannen, worauf Informationen zu den Produkten und deren Verwendung heruntergeladen werden. Dank der modernen Block-Chain-Technologie können alle Daten zu einem Produkt gespeichert und abgerufen werden. Zudem soll man im Laden nicht nur mit Bargeld und Karten bezahlen können, sondern auch mit der Internetwährung Bitcoins.

Bei einem Stück selbstgemachtem Zopf erzählt Disch von unzähligen weiteren Ideen und Projekten rund um seinen Landwirtschaftsbetrieb. Bis zur Pensionierung werde er in Freudental etwas aufbauen. Danach würde es ihn freuen, wenn eine junge Familie auf dem Betrieb einsteigen würde. Er selbst habe noch andere Ideen, die er später verwirklichen wolle.

Neue Vernetzung

Bis dahin ist er aber Bäuerin. Oder bäuerlicher Haushaltsleiter, so wird nämlich eine männliche Bäuerin offiziell genannt. «Der Begriff gefällt mir aber nicht. Ich will Bäuerin sein.» Er identifiziere sich mit der Bezeichnung. Nicht mit dem weiblichen Aspekt, aber mit allem, was sonst dazugehöre. «Bäuerinnen sind oft sehr schlaue, innovative, Frauen, die extrem viel können.»

Gerne würde er auch einem Bäuerinnenverband beitreten. In seiner Region sei es aber eher ein Frauenverband, in dem kaum Bäuerinnen seien. Er wolle sich deshalb mit seinen Klassenkameradinnen vernetzen und etwas ganz Neues aufbauen. Nachdem man Thomas Disch kennengelernt hat, überrascht das irgendwie nicht gross.

«Besuche von interessierten Mitmenschen sind hier gern gesehen», sagt Thomas Disch. www.freudental.ch 

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