16.04.2013 15:09
Quelle: schweizerbauer.ch - Helene Soltermann
Ausbildung
Die Landwirtschaft beklagt Nachwuchsmangel
Die landwirtschaftlichen Schulen bilden zu wenig Junglandwirte aus. Laut Bauernverband fehlen pro Jahr 300 ausgebildete landwirtschaftliche Fachkräfte.

Zu wenige Jugendliche lernen einen landwirtschaftlichen Beruf. Mit den Leuten, die heute ausgebildet werden, liesse sich nur noch ein Bruchteil der aktiven Betriebsleiter ersetzen, warnte Bauernverbandspräsident Markus Ritter unlängst in einem Interview mit der "Zürichsee-Zeitung". Modellrechnungen des Schweizerischen Bauernverbandes zeigen, dass in der Agrarwirtschaft längerfristig pro Jahr 300 qualifizierte Betriebsleiter, Fachkräfte und Kaderpersonen zu wenig ausgebildet werden.

Demografieknick erwartet

"Um die Hofnachfolge zu sichern, werden tatsächlich zu wenig Jugendliche ausgebildet", sagt auch der SBV-Bildungsbeauftragte Jakob Rösch. Jährlich absolvieren in der Schweiz derzeit rund 1'000 junge Leute eine Ausbildung im Bereich Landwirtschaft. Der Bedarf an qualifizierten Berufsleuten mit einer Grundbildung liege im Durchschnitt aber bei über 1'300 Personen pro Jahr. Dies sei schon seit längerer Zeit so, sagt Rösch.

Zwar hätten die Zahlen der Ausgebildeten in den letzten Jahren leicht zugenommen, aber sie seien noch immer auf einem tiefen Niveau. Rösch befürchtet, dass es bald zu einem Demografieknick kommt: Die Zahl der Jugendlichen, die eine Lehre beginnen, nimmt ab. "Dieser Demografieknick, der auch für alle anderen Berufe gilt, ist zum Glück bis jetzt aber noch nicht eingetroffen", so Rösch.

Graubünden: Ein Viertel ohne Nachfolge

Im Bündnerland bestätigt sich Röschs These. Fast ein Viertel der Bündner Bauernbetriebe haben keine gesicherte Nachfolge, besagt eine erst kürzlich erschienene Studie von Flurin Frigg, der im Rahmen seines Studiums an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften die Nachfolgesituation von 2'410 Bündner Bauernbetrieben analysiert hat. "Wenn diese Betriebe eingehen werden, wäre das ein Desaster", sagt Peter Küchler, Direktor des landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrums Plantahof.

Pro Jahr lassen sich am Plantahof 60 bis 70 Jugendliche als Landwirt mit Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) ausbilden. "Auf den Generationenwechsel ausgerechnet bilden wir Leute für knapp 2'000 Betriebe aus, falls denn alle Abgänger einen Betrieb übernehmen", rechnet Küchler vor. Im Kanton Graubünden gibt es rund 2'400 Betriebe – theoretisch gibt es also zu wenig Junglandwirte. "Im Berggebiet sind zu wenig ausgebildete Junglandwirte besonders prekär", so Küchler. Die Betriebe seien arbeitsintensiver und wetterabhängiger als im Flachland, pensionierte Bergbauern könnten darum ihr Land nicht ohne weiteres dem Nachbarbetrieb abtreten.

Auch in Bern, St. Gallen und Appenzell zu wenig Nachwuchs

Auch im Kanton Bern sind die Hofnachfolger rar. Am Berufsbildungszentrum Inforama schliessen jährlich knapp 200 junge Männer und Frauen die Ausbildung als Landwirt mit EFZ ab – das Inforama bildet rund einen Fünftel der Schweizer Landwirte aus und ist damit der grösste Ausbildner des Landes. "Wenn wir es ausrechnen, bilden wir zu wenig Hofnachfolger aus", sagt Hans Hofer, Leiter des Ressorts Landwirtschaftliche Grundbildung. Wie viele ausgebildete Berner Landwirte Betriebsleiter werden, könne das Inforama nicht erfassen, erklärt Hofer. Aber ein Drittel der ausgebildeten Landwirte würden die Betriebsleiterschule absolvieren – wohl im Hinblick auf die Führung eines Hofes. Und etwa zehn Prozent der Abgänger bilde sich an einer höheren Fachschule zum Agrokaufmann oder -techniker aus.

Gleich tönt es in den Kantonen St. Gallen und beiden Appenzell. "Pro Jahr sollten wir 120 Lehrlinge haben, die einen Abschluss mit EFZ als Landwirt machen", sagt Josef Schmid vom Berufsbildungszentrum Rheinhof. Jährlich werden laut Schmid jedoch rund 100 Lehrlinge ausgebildet. "Auch bei uns fehlen also ausgebildete Landwirte."

Gesuchte Agrotechniker

Nicht nur bei den Betriebsleitern, sondern auch im vor- und nachgelagerten Bereich fehlen die Arbeitskräfte. "Der Arbeitsmarkt im Agrarsektor ist ausgetrocknet", sagt Rösch vom Bauernverband. "Die Leute sind gesucht." Auch Hans Hofer vom Inforama Bern ist Röschs Meinung: "Agrotechniker sind sehr begehrt. Diese Leute haben meistens eine Stelle, bevor sie mit der Ausbildung fertig sind."

Auch Abgänger der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) finden schnell eine Stelle, weiss Direktor Alfred Buess. "Der Arbeitsmarkt ist sehr gut. Bachelor mit einem guten Leistungsausweis erhalten problemlos eine Stelle." Die HAFL bildet jährlich um die 100 Studierende in Agronomie aus. Ausschliesslich als Betriebsleiter auf einem Hof tätig sind laut Buess rund zehn Prozent der Abgänger. Ein Teil der Studierenden hätte im Sinn, den Hof zu übernehmen, aber die Eltern seien noch zu jung für eine Übergabe. Andere Abgänger wollten eine Weiterbildung absolvieren, weil sie wüssten, dass das Einkommen des Betriebes künftig nicht mehr reicht, und sich so ein zweites Standbein aufbauen wollten.

Werben und aufklären

Dafür, dass es künftig genügend Junglandwirte gibt, will der Bauernverband kämpfen. "Wir möchten an möglichst allen Berufsbildungsmessen präsent sein", sagt Jakob Rösch. Auch profitiere die Berufsbildung von der Imagekampagne der Schweizer Landwirtschaft. Für Hans Hofer vom Inforama des Kantons Bern ist die Aufklärungsarbeit wichtig – auch innerhalb der Landwirtschaft. "Junge Landwirte müssen nicht zwangsläufig einen Hof führen." Weil die Meinung in den landwirtschaftlichen Kreisen aber noch immer stark verbreitet sei, schlage oft nur ein Kind die berufliche Laufbahn in der Landwirtschaft ein.

Das Inforama ermutigt jedoch auch die Geschwister, eine landwirtschaftliche Grundausbildung zu absolvieren. Die Jungen würden schnell eine Stelle in den vor- oder nachgelagerten Bereichen finden. Auch Josef Schmid vom Berufsbildungszentrum Rheinhof beobachtet diese Tendenz. "Viele Eltern raten ihren Söhnen und Töchtern ab, Landwirt zu werden." Da müssten die Schulen entgegenhalten. Hans Hofer vom Inforama findet, dass auch bei den Berufsberatungen Aufklärungsarbeit nötig sei. Dort herrsche oft das Vorurteil, dass nur Bauer lernen könne, wer auf einem Bauernhof aufwächst. "Das stimmt nicht", entgegnet er überzeugt.

Erst im zweiten Anlauf

Auch wenn zu wenige Jugendliche eine berufliche Laufbahn in der Landwirtschaft einschlagen, tun sie es manchmal später doch noch. Peter Küchler vom Plantahof etwa beobachtet, dass sich viele ältere Personen zwischen 30 und 40 Jahren zur Landwirtschaft hinzugezogen fühlen. "Das stimmt mich zuversichtlich für den Weiterbestand unserer Betriebe."

Und Jakob Rösch vom Bauernverband sagt, dass es die Jungen, die auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, nach einer Berufslehre in einem anderen Sektor oftmals wieder zurück zur Landwirtschaft zieht. "Sie machen dann eine Zweitausbildung als Landwirt und kommen wieder zurück auf den Betrieb der Eltern."

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