14.12.2014 16:18
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Samuel Krähenbühl
Migros
«Die Migros ist ein Koloss»
Urs Peter Naef war während 13 Jahren Mediensprecher beim Migros-Genossenschafts-Bund (MGB). Die Beziehung zwischen Migros und Bauern sei viel besser, als es oft nach aussen aussehe, betont er.

«Schweizer Bauer»: Die Migros ist der grösste Abnehmer der Schweizer Bauern. Das Verhältnis ist aber teilweise angespannt. Wie haben Sie die Beziehung mit den Bauern bei der Migros erlebt?
Urs Peter Naef: Als Migros-Mediensprecher habe ich realisiert, wie viel die Migros für die Bauern macht, wie wichtig ihr die landwirtschaftlichen Produkte aus der Schweiz sind. Es heisst oft, dass die Migros gegenüber den Produzenten die Preise drücke, an der Ladenfront die Preise erhöhe und damit also eine Riesenmarge abhole. Über die Gesamtheit der landwirtschaftlichen Produkte ist das aber überhaupt nicht so. Das Problem ist: Die Kunden müssen bereit sein, mehr zu bezahlen. Das zeigt das Beispiel Wiesenmilch. Die hat nur bei der Migros Aare funktioniert. Die Migros muss verschiedene soziale, arbeitsrechtliche oder preisliche Standards erfüllen. Im Laden sollten wir aber gleich billig sein wie Aldi und Lidl und sogar wie die Läden ennet der Grenze.

Haben die Migros und die Bauern eine Hassliebe?
Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil: In den letzten sechs Jahren habe ich das mit dem Aufbau von Terra Suisse ganz anders erlebt. Wir haben zusammen mit den IP-Suisse-Bauern und der Vogelwarte Sempach mit Terra Suisse ein ehrliches Programm aufgebaut. Dies aus folgender Überlegung: Es kann nicht alles Bio sein, es darf nicht alles konventionell sein. Es muss etwas dazwischen geben. Die 10000 IP-Suisse-Bäuerinnen und -Bauern bemühen sich wahnsinnig, mit Terra Suisse etwas aufzubauen, was einmalig ist und dem Erfolg von beiden dient. Bei den Kälberpreisen oder auch beim Brotgetreide etwa haben wir für fünf Jahre Mengen abgemacht und Preiszuschläge garantiert. Etwas, was so noch nie da war.

Stichwort Kalbfleisch: In Ihre Ära fiel auch die Affäre um Fritz Abraham Oehrli, Nationalrat und Präsident des Kälbermästerverbands. Die Migros hat eine Zeit lang Oehrli keine M-7-Label-Kälber mehr abgekauft, musste dann aber zurückkrebsen...
Das war eine heikle Geschichte. Ich musste im «Kassensturz» vor die Kamera treten und das damalige M-7-Programm verteidigen. Im M-7-Programm war es Pflicht, Kälbern Raufutter und Wasser zur freien Verfügung zu geben. Man hat mir Aufnahmen gezeigt, in denen Fritz Abraham Oehrli – im Stall seines Sohnes notabene – gesagt hat: «Das gebe ich meinen Tieren nicht!» Wenn einer so offensichtlich gegen die Regeln eines Programmes verstösst, dann fliegt er aus dem Programm raus. Mir war weder bewusst, dass Oehrli Kälbermästerpräsident war, noch, dass er im Stall des Sohnes stand. Aber mir war klar, dass der Verstoss gegen die M-7-Regeln das Vertrauen der Kunden in das Label schädigt. Da war ich vielleicht etwas forsch. Aber das ist meine Art. Martin Schläpfer, Leiter Wirtschaftspolitik, hat dann die Wogen wieder geglättet.

Man hört oft von den bäuerlichen Organisationen, dass die Migros-Industrie namentlich im Bereich Milch der schlimmste Preisdrücker sei. Woher kommt dieser schlechte Ruf der Migros?
Ich weiss es wirklich nicht. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Käufer und Verkäufer in Bezug auf den Preis ganz unterschiedliche Vorstellungen haben. Wenn ich mit den Verantwortlichen der Migros-Molkerei Elsa gesprochen habe, haben die immer gesagt, dass sie den besten Milchpreis bezahlen. Die Elsa ist eines der wenigen Unternehmen, die sich an den Richtpreis der BO Milch hält! Die Elsa hat einen sehr hohen Anteil A-Milch und keine C-Milch. Zudem macht die Elsa keine Fettüberschüsse, welche entsorgt werden müssen. Demgegenüber erinnere ich mich auch daran, dass die Milchbauern die Tore der Elsa blockieren wollten. Ich habe nie durchgeblickt, was wirklich Sache ist. Eine Bauernfamilie soll von dem leben können, was sie produziert. Natürlich feilscht man um die Preise. Ich habe aber persönlich nie erlebt, dass die Migros kraft ihrer Grösse Druck gemacht hätte auf die Preise. Als Aldi und Lidl ins Land kamen und man sah, wie günstig sie Gemüse verkaufen, wurde man schon hellhörig.

Fakt ist: Die Migros hat als grösster Schweizer Detailhändler unstreitig viel Marktmacht. Nutzt sie diese nicht manchmal auch aus?
Man stellt die Migros oft zu Unrecht an den Pranger. Auch wenn das niemand glaubt: Der Geist von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler ist noch immer da. Es ist klar: Die Migros heisst nicht umsonst der orange Riese. Die Migros ist ein Koloss. Die Migros ist ein Teil von unserem Leben in unserem Land. In der Migros kann ich einkaufen,  in die Schule gehen, ich kann Geld anlegen, ich kann reisen gehen, ich kann mein Auto tanken, ich kann  meinen Heizöltank füllen. Ich kann mein ganzes Leben mit der Migros gestalten. Ich brauche eigentlich gar nichts anderes als die Migros. Das kann Angst machen. Dafür habe ich Verständnis. Deshalb habe ich versucht, die Migros etwas menschlicher und transparenter zu machen mit meiner Kommunikation. Denn letztlich sind es die Menschen in der Migros, die aus der Migros machen, was sie ist.

Die Migros macht sich für den Freihandel mit der EU stark. Die Bauern befürchten, dass sie unter die Räder geraten. Wie sehen Sie das?
Fakt ist, dass ein Teil der Schweizer Konsumenten nicht bereit ist, für den Swissness-Bonus übermässig viel zu bezahlen. Heute fahren sogar Innerschweizer ins Ausland, um dort billig einzukaufen. Je nach Lesart fliessen so 8 bis 12 Milliarden Franken ins Ausland, wobei es sich hier nicht nur um Lebensmittel handelt. Die Migros ist der Meinung, dass man mit einer sanften Öffnung der Märkte da wieder etwas zurückholen könnte. Aber natürlich würde der Freihandel auch Druck auf die Bauern machen. Hinter jedem Bauernbetrieb steht eine Existenz, eine Familie. Man kann in der Schweiz nicht so grosse Felder bewirtschaften wie in anderen Ländern. Wenn man die kleinräumige Landwirtschaft schützen will, dann müsste man das also über den Preis bezahlen. Aber dazu spüre ich bei den Konsumenten einfach nicht die Bereitschaft. Hier liegt das Problem.

Zur Person

Urs Peter Naef (Jahrgang 1953) wuchs im Kanton Schaffhausen auf und lebt noch heute in der Region. Er absolvierte die Ringier-Journalistenschule und schrieb für den «Blick». Später machte er sich mit einer Agentur in der PR-Branche selbstständig. Danach wurde er Mediensprecher von Jelmoli. Nach der Übernahme von Jelmoli durch Fust und dem darauffolgenden «ersten Grounding», wie Naef es nennt, wechselte er zur Swissair. Hier folgte 2001 das zweite Grounding. Danach begann das 13-jährige Engagement als Migros-Mediensprecher. Nun wurde er Ende November pensioniert.

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